Organisatoren über Probleme von queeren Menschen während Pandemie

CSD in Kassel wegen Corona in anderer Form: „Anfeindungen und Hass sind geblieben“

Ein Zeichen der Toleranz und Akzeptanz: Teilnehmer des Kasseler Christopher Street Days im vergangenen Jahr trugen Regenbogenflaggen.
+
Ein Zeichen der Toleranz und Akzeptanz: Teilnehmer des Kasseler Christopher Street Days im vergangenen Jahr trugen Regenbogenflaggen. ( Archivfoto)

Der Christopher Street Day (CSD) findet in diesem Jahr in anderer Form statt – wegen Corona. Statt eines Demonstrationszuges gibt es verschiedene kleinere Aktionen im Stadtgebiet.

Kassel – Der Christopher Street Day (CSD) findet in diesem Jahr in anderer Form statt – wegen Corona. Warum die Zeit der Pandemie aber gerade für queere Menschen mit anderer sexueller Identität sehr belastend ist, darüber berichten Mitorganisatoren des CSD im Interview.

Warum die Zeit der Pandemie aber gerade für queere Menschen mit anderer sexueller Identität sehr belastend ist, darüber berichten Mitorganisatoren des CSD im Interview.

Warum ist es gerade in Coronazeiten wichtig, die Akzeptanz und Wahrnehmung von queeren Menschen in der Gesellschaft zu erhöhen?
Susanne Umscheid: Corona und die damit verbundenen Einschränkungen führen dazu, dass man mehr Zeit zuhause verbringt. Wenn dann hinzukommt, dass ein Out-ing bei Familie und Bekannten oft nicht nur positive Reaktionen hervorgerufen hat, dann kann es zu schwierigen Situationen im häuslichen Umfeld kommen. Für die Betroffenen ist es kaum möglich, aus diesen Situationen zu entkommen.
Mark-André Abel: Das Gefühl, dass man in die Situation vor dem Outing zurückgedrängt wird, macht die Coronazeit für viele Betroffenen besonders belastend. Gerade viele queere Jugendliche haben sich bei uns gemeldet, die sagen, dass sie jetzt wegen Corona wieder bei ihren Eltern wohnen müssen, die ihre Sexualität nicht akzeptieren und für krank oder unnormal halten. Gerade für diese Personen sind Ereignisse wie der CSD wichtig, weil sie dann sehen, dass sie nicht alleine sind und es Gruppen gibt, an und in denen sie sich orientieren können. Aus diesem Grund wird der CSD trotz Corona stattfinden, allerdings in anderer Form.
Wie können Sie diese Personen in Coronazeiten unterstützen?
Susanne Umscheid: Was enorm geholfen hat, ist, dass sich viele Dinge ins Internet verlagert haben. Es sind Telefonhotlines oder ein Support per Chatfunktion beispielsweise über Whatsapp-Nachrichten eingerichtet worden. Das hat vielen geholfen, sodass niemand das Gefühl hat, dass er diese Situation alleine durchstehen muss. Gerade auch im ländlichen Raum, wo man nicht mal eben zu einer Beratungsstelle gehen kann, ist das sehr wichtig.
Ist trotz Corona Unterstützung vor Ort möglich?
Niklas Gudorf: Die Aidshilfe hat sich zu Beginn der Pandemie schnell vernetzt – beispielsweise mit den Nachbarschaftshilfen, die entstanden sind und dem Freiwilligenzentrum Kassel. Wir haben eine Mailadresse eingerichtet und Menschen darauf hingewiesen, dass sie sich bei uns melden können. Darüber wollten wir dann auch vor allem ältere, queere Personen erreichen, die nicht so aktiv im Internet sind. In den Medien wird oft nur die Situation von heterosexuellen Familien abgebildet – die Mutter-Vater-Kind-Konstellation. Aus meiner Sicht wurde zu wenig dargestellt, dass es auch andere Familienbilder gibt. Queere Personen haben oft Wahlfamilien, die für sie wichtige Anlaufpunkte sind. Psychisch ergibt sich in Coronazeiten daher eine besonders schwierige Situation, wenn es diese Unterstützung nicht mehr gibt.
Was unterscheidet queere Persönlichkeiten von nicht-queeren Mitgliedern einer Familie?
Susanne Umscheid: Einer der Hauptgrund sind Erfahrungen, die mit dem Outing zusammenhängen. Das sind eben nicht immer nur positive Erlebnisse – gerade, wenn man sich Generationen anschaut, die vor 1990 geboren sind. Gerade Queers, die in den 1940er- und 50er-Jahren geboren worden sind, haben noch erlebt, dass sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe standen. Der entsprechende Paragraf wurde erst 1994 aufgehoben, und bis heute sind nicht alle Betroffenen entschädigt. Auch gab es häufig eine gesellschaftliche Ahndung durch die biologischen Familien. Das unterscheidet viele queere Personen in ihrer Art, Vertrauen zu fassen und Verbindungen zu knüpfen, von den Personen, die nicht vor dieser Herausforderung gestanden haben.
Können Sie das konkretisieren?
Susanne Umscheid: Die biologische Familie hat hier immer irgendwo einen Vorteil bekommen. Beispielsweise, wenn es darum ging, Angehörige in Pflegeeinrichtungen oder Altenheimen zu besuchen. Bei queeren Familienkonstelllationen ist es oft schwierig mit diesem „Ein-Haushalt-Ding“. Da ist es dann oft nicht so, dass die Personen in einem Haushalt leben, sondern eben Beziehungen aufgrund ihrer ähnlichen Biografie haben, die oft familienähnlichen Verbindungen gleichen. Oftmals sind diese Verbindungen sogar noch stärker. Trotzdem konnten sich diese Personen dann nicht sehen.
Hat sich die Akzeptanz von queeren Personen in der Gesellschaft in den vergangenen Jahren verändert?
Niklas Gudorf: Die Ehegleichstellung ist natürlich ein sehr wichtiges Symbol. Ebenso, dass es jetzt mit einem diversen Geschlecht die rechtliche Option eines dritten Personenstandes gibt. Das sind allerdings alles Aspekte mit Blick auf die Gleichberechtigung. Aber Gleichberechtigung ist eben nicht gesellschaftliche Gleichstellung.
Was bedeutet das?
Susanne Umscheid: Wir haben im Bereich der Diskriminierung ein Stadt-Land-Gefälle. Gerade im ländlichen Bereich werden oft Lebensweise diskriminiert, die nicht der normalen Familie entsprechen. Gerade im Bereich von Transgeschlechtlichkeit gibt es oftmals Anfeindungen in Form von Hasskommentaren.
Wie gehen Betroffene damit um?
Susanne Umscheid: Sichtbarkeit ist nicht für alle Personen das höchste Ziel. Viele queere Personen wollen aufgrund von Anfeindungen nicht sichtbar sein, sondern einfach in Frieden gelassen werden. Ich würde sagen, die Selbstverständlichkeit, mit der queere Personen in der Gesellschaft wahrgenommen werden, ist besser geworden, aber das, was damit einhergeht, nämlich Anfeindungen und Hass, das ist geblieben.
Niklas Gudorf: Es gibt positive Entwicklungen, aber auch noch viele Baustellen. Was momentan als Gefahr über der Szene schwebt, ist der Rechtsruck, der gerade durch Deutschland geht. Pluralität und Vielfalt in der Gesellschaft sind eben immer noch nicht alltäglich. Man muss weiterhin dafür kämpfen, sonst ist es eben auch möglich, dass wir wieder in die Vergangenheit zurückfallen und Freiheitsrechte eingeschränkt werden.
Können Sie an dieser Stelle noch mal speziell auf Kassel eingehen?
Susanne Umscheid: Kassel sticht weder positiv noch negativ raus. Das Spannende an Kassel ist die Mischung aus Stadtgebiet und weitläufigem, ländlichem Umkreis. Es ist nicht so, dass es die feindliche Position hier nicht geben würde. Aber es gibt auch eine junge Generation ab Jahrgang 2000, die aktiv für diese Gleichheit auf die Straße geht. Bei denen ist Outing ein ganz anderes Themenfeld und viel selbstverständlicher geworden. Gerade im Hochschulkontext tut sich viel. Es gibt auch eine sehr differenzierte Forschung zu dem Thema. Beispielsweise soll zukünftig eine spezielle Beratung für intergeschlechtliche Personen geschaffen werden. Das sind Schritte in die richtige Richtung. (Kathrin Meyer)

Eine Übersicht über alle CSD-Veranstaltungen in Kassel gibt es im Internet unter zu.hna.de/csd20

Die CSD-Mitorganisatoren in Kassel

Susanne Umscheid

Susanne Umscheid (30) ist Diplom-Designerin. Sie arbeitet hauptamtlich als Koordinatorin für den Arbeitskreis Gemeindenahe Gesundheitsversorgung (AKGG) im LSBT*IQ Netzwerk Nordhessen. Ehrenamtlich ist die Koordinatorin und Teamerin bei SCHLAU Kassel, einem Bildungs- und Antidiskriminierungsprojekt zu geschlechtlichen Identitäten und sexuellen Orientierungen, so wie als Suse Bock-Springer als Kulturschaffende in und um Kassel aktiv.

Niklas Gudorf

Niklas Gudorf (28) arbeitet als Sozialarbeiter bei der AIDS-Hilfe Kassel, seine Arbeitsschwerpunkte sind: Schwule Lebensrealitäten, LSBT*IQ Netzwerkstelle Nordhessen und Queer-Aktivismus. Er ist im Bundesvorstand Lambda einem Netzwerk für queere Jugendliche.

Mark-Andre Abel

Mark-André Abel (26 ) studiert in Kassel. Abel ist seit 2017 ehrenamtlich in der Leitung von Queer & Young aktiv. In dieser Funktion war er auch an der Organisation des CSD beteiligt. Die Gruppe Queer & Young ist Anlaufpunkt für queere Jugendliche in Kassel.

CSD trotz Corona

Wegen der Coronapandemie findet in diesem Jahr kein Demonstrationszug zum CSD statt. Stattdessen gibt es am Samstag, 29. August, im Stadtgebiet verschiedene kleine Aktionen, um der queeren Szene mehr Sichtbarkeit zu verschaffen. Geplant sind unter anderem Informationsstände oder Performances unter Einhaltung der Hygieneregeln.

Informationsstände gibt es unter anderem auf dem Opernplatz, auf dem Friedrichsplatz und auf dem Königsplatz. Am Auedamm gibt es eine Chill & Grill-Party mit Betty Ford. Außerdem werden eine Campus Rallye, ein Rollschuhlauf und viele Stände zum Mitmachen angeboten. Auf dem Platz vor dem Kasseler Kulturbahnhof soll über den Tag ein buntes Graffiti aus Straßenkreide entstehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.