Betrieb lohnt sich nicht

Die Clubs bleiben zu - Betreiber kritisieren neue hessische Corona-Regeln

Karl Börries betreibt in Kassel den Club 22 und das York.
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Karl Börries betreibt in Kassel den Club 22 und das York.

Eigentlich dürften die Clubs in Hessen wieder öffnen. Doch unter den neuen Regeln lohnt sich ein Betrieb nicht, klagen die Macher. Schwarz-Grün betreibe „reine Symbolpolitik“.

Kassel – Seit voriger Woche darf in Hessens Clubs wieder gefeiert und getanzt werden – und trotzdem bleiben die allermeisten Läden zu, auch in Kassel. „Eine Öffnung wäre finanzieller Selbstmord“, sagt Steve Turn vom Techno-Club „Kleiner Onkel“, der wegen der Pandemie seit eineinhalb Jahren geschlossen ist.

Am Mittwoch hatte das Corona-Kabinett in Wiesbaden Lockerungen beschlossen. So dürfen hessische Clubs nun zwar unabhängig von der Inzidenz öffnen. Allerdings sind pro Gast fünf Quadratmeter Platz vorgeschrieben. Es herrscht Maskenpflicht. Und wer nicht geimpft oder genesen ist, braucht einen teuren PCR-Test. Ausgenommen von der 3G-Regel ist in der Gastro allerdings das Personal.

Clubs dürfen öffnen - doch Pflicht zur Corona-Maske

In den „Kleinen Onkel“ in der Nordstadt dürften nur 26 Gäste. Das lohnt sich für Turn nicht, der sich auch nicht vorstellen kann, dass Club-Gänger mit Maske tanzen: „Das wäre so, als dürfte man beim Eishockey nicht mehr rempeln.“ Doch die Maskenpflicht in den Clubs ist festgeschrieben - gefordert hatte die auch Karl Lauterbach.

Ähnlich skeptisch haben auch die anderen heimischen Club-Betreiber die neuen Regeln aufgenommen. Öffnen will unter den Bedingungen keiner. Karl Börries betreibt mit dem Club 22 und dem York gleich zwei Läden. Er sagt: „Entweder wollen sie nicht, dass wir aufmachen, oder man hat keine Ahnung, weil man seit 40 Jahren nicht mehr im Club war.“

Club-Betreiber in Kassel mit Kritik an Corona-Regeln

Während Clubs in Baden-Württemberg schon seit einiger Zeit ohne eine Fünf-Quadratmeter-Regel öffnen dürfen, verteidigt Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) die „aus unserer Sicht nötigen Rahmenbedingungen“. Für ihn ist es „sehr gut nachvollziehbar“, dass die Club-Betreiber abwägen müssen, ob sich eine Öffnung lohnt.

Doch nicht einmal für Kassels einzige Großraumdisco wäre das vertretbar, wie Ingo Zitzelsberger vom A 7 sagt. In seinen Musikpark in Bettenhausen dürften nur 300 Gäste: „Um etwas zu verdienen, müssten es 800 bis 2000 sein. Das alles bringt nichts.“

Wegen eines Wasserschadens könnte das A 7 ohnehin wohl erst in sechs Monaten wieder aufmachen, sagt Zitzelsberger, bei dem sich immer wieder Interessenten melden, „die das Objekt mieten und anderweitig nutzen wollen. Momentan ist ein Verkauf jedoch nicht vorgesehen.“

Club-Betreiber seit März 2020 im Dauer-Lockdown

Freitag, den 13. März 2020, wird Ingo Zitzelsberger nie mehr vergessen. Eine Woche vorher hatten noch 1800 Gäste in seinem Musikpark A 7 gefeiert. Doch an diesem Freitag ereilten ihn und zahlreiche andere Betreiber die Nachricht, dass ihre Clubs und Discos wegen der Pandemie vorerst geschlossen bleiben müssen.

Während andere Branchen längst aus dem Lockdown zurückgekehrt sind, ist aus dem „vorerst“ von damals für die Club-Szene längst ein „immer noch“ geworden. Daran ändern auch die neuen Regeln nichts, die das hessische Corona-Kabinett beschlossen hat. Zwar dürfen Clubs nun wieder öffnen, allerdings nur unter der Vorgabe, dass es fünf Quadratmeter Platz pro Gast gibt. Finanziell lohnt sich das nicht, weshalb kein Club in Kassel den Neustart wagt.

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Auch das A 7 nicht. Betreiber Zitzelsberger kritisiert zudem die Maskenpflicht: „Tanzen mit Maske ist völlig unrealistisch. Wenn die Leute alkoholisiert sind, ist die Maske wieder unten.“

Dass die Leute noch tanzen wollen, hat Andreas Störmer Ende Juli auf der Hessenkampfbahn erlebt. Da legte er als E-Oma mit dem „Schmeisser“ beim „180 Minuten Rave“ des Kulturzelts auf. Unter freiem Himmel tanzten die Besucher zu Techno-Klängen. Um die Anwohner vor Lärm zu schützen, mussten alle Kopfhörer tragen.

Club-Betreiber in Kassel zu neuen Corona-Regeln: Das ist eine „Farce“

Laut wird es im Club „Unten“, den Störmer in der Wolfhager Straße betreibt, vorerst nicht. Auch er könnte seinen Laden unter den neuen Bedingungen nicht wirtschaftlich führen. Störmer kritisiert nicht nur, dass Ungeimpfte lediglich noch mit teuren PCR-Tests Einlass bekämen. Er nennt die von Schwarz-Grün beschlossenen Regeln eine „Farce“ und sagt: „Ich habe keine Ahnung, ob die zu lange in der Sonne gelegen haben.“

Während Clubs in Baden-Württemberg längst mit mehr Freiheiten wirtschaftlich öffnen können, kritisiert auch Karl Börries die hessischen Regeln als „reine Symbolpolitik“. Sein Club 22 ist der einzige Laden auf der Friedrich-Ebert-Straße, der bislang geschlossen war, weil er im Amtsdeutsch als Tanzlokal gilt. In den Bars, die längst offen sind, werde aber auch getanzt, beklagt Börries eine Ungleichbehandlung.

Im Erdgeschoss des Club 22 wird es ab Samstag immerhin Bar-Betrieb geben. Getanzt werden darf dort nicht. Auf der Instagram-Seite des Club 22 rät er: „Lasst euch impfen und habt noch etwas Geduld.“ (Matthias Lohr)

Die Club-Betreiber aus Kassel haben bereits demonstriert - für mehr Unterstützung im Dauer-Lockdown. Die lauteste Bar Kassels: Goldgrube öffnet als erster Club nach der Corona-Pause.

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