Essen aus der Mülltonne: Junge Kasseler gegen die Wegwerf-Gesellschaft

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Containern: Auch in Kassel gibt es Menschen, die aus Bedürftigkeit oder Überzeugung weggeworfene Lebensmittel aus den Müll-Containern der Märkte fischen.

Kassel. Sie essen das, was in Supermärkten weggeschmissen wird: Eine Gruppe von jungen Kasselern zieht nachts los und holt noch gut genießbare Lebensmittel aus den Mülltonnen. Sie nennen es "Containern" - und sehen das auch als Protest gegen das Konsumverhalten aller Einwohner. 

Schwarz gekleidet huscht die Gruppe über den nächtlichen Innenhof. Mit geübtem Griff öffnen die jungen Männer und Frauen Müllcontainer und holen noch essbare Lebensmittel heraus. Früchte, Tiefkühlkost und Brötchen werden auf ihren Zustand geprüft und in Leinenbeutel verpackt. Anschließend verschwindet die Gruppe so leise, wie sie gekommen ist.

Unter ihnen ist auch eine Kasseler Studentin. Viele der Lebensmittel, die sie verzehrt, kauft sie nicht mehr in den hell erleuchteten Supermärkten, sondern holt sie abends oder nachts aus den Müllcontainern der Märkte. Containern nennt man das. Es gehe ihr nicht in erster Linie darum, Geld zu sparen, berichtet die 24-Jährige. Vielmehr empöre sie, dass in vielen Geschäften der Stadt Abend für Abend Lebensmittel weggeworfen werden, die man noch problemlos hätte essen können.

An zwei Abenden der Woche zieht die Studentin mit ein oder zwei Freunden los. Brötchen, die erst vor wenigen Stunden gebacken wurden, finden sie im Mülleimer eines Bäckerladens, Äpfel und Orangen mit kleinen Druckstellen auf der Schale und tiefgekühlte Hähnchenschenkel kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums im Hinterhof eines Supermarktes.

Wer sich ein wenig umhöre, bekomme schnell Tipps, bei welchen Märkten man gut an die Mülleimer herankomme, berichtet die junge Frau. Viele Kommilitonen und Bekannte gingen mittlerweile „containern“. Erlaubt ist das nicht. Wer die Grundstücke der Firmen betritt und sich an deren Müll bedient, kann wegen Hausfriedensbruchs und Diebstahls angezeigt werden.

Die Kasseler Studentin schreckt das nicht ab. Einige ihrer Bekannten seien schon mal bei einer Tour erwischt worden, doch die Polizei habe niemand gerufen. „Man hat ihnen dann gesagt, sie sollen die Sachen zurücklegen und verschwinden, das war alles.“ Niemand habe einen Schaden davon, wenn sie und ihre Mitstreiter Lebensmittel aus den Containern holten, ist die junge Frau überzeugt. Man achte darauf, nichts durcheinanderzubringen und nicht entdeckt zu werden. Irgendjemand stehe meistens Schmiere, während die anderen den Müll durchsuchten, berichtet sie. Auch auf Überwachungskameras achte man.

Sie staune immer wieder über die Verschwendung, sagt die Studentin und berichtet von einem Abend, an dem Granatäpfel, Orangen, Salate und selbst Sahnetorten im Container lagen. Sechs Leinenbeutel habe sie vollgepackt und mit nach Hause genommen.

Man könne den Supermarktketten nicht vorwerfen, dass sie nur die schönsten und frischesten Waren anbieten wollten. „Unser Konsumverhalten ist es, das diesen Unsinn produziert“, sagt sie. Die Kasseler Studentin kauft lediglich Käse, ihr Lieblingsbrot, Nudeln und Schokolade ein. Den restlichen Bedarf decke ab, was sie aus dem Müll fische. Noch viel mehr Menschen sollten „containern“, wünscht sie sich – oder ihr Einkaufsverhalten umstellen. (prs)

Das sagt die Polizei: "Kein großes Thema"

Der Diebstahl von Müll sei bislang kein großes Thema für die Kasseler Polizei, sagt Sprecherin Sabine Knöll. Bislang sei es vereinzelt zu Anzeigen gekommen. Mülldiebstahl sei auch für Juristen ein schwieriges Themenfeld, weil es vom subjektiven Empfinden des Entsorgers abhänge. Wenn jemand etwas dagegen habe, dass ein anderer in seiner Mülltonne wühlt und Weggeworfenes mitnehme, dann könne er natürlich eine Anzeige erstatten. Die Polizei würde prüfen, ob ein Diebstahl vorliegt, sagt Knöll. Die Staatsanwaltschaft entscheide dann, ob die Tat weiter verfolgt werde. Ein viel größeres Problem als der Diebstahl von Müll sei allerdings die illegale Entsorgung des Abfalls auf fremden Grundstücken. (use)

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