„Wir werden überrannt von Leuten, die einen Zettel haben wollen“

Arzt mit heftiger Kritik an Lehrern in Corona-Krise: „Würden sich alle so verhalten...“

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Nutzen Lehrer in der Corona-Krise ärztliche Krankmeldungen aus? Ein Arzt aus dem Landkreis Kassel übt jedenfalls diese Kritik.

Corona-Verordnungen ausgenutzt? Ein Arzt aus dem Kreis Kassel kritisiert die Einstellung vieler Lehrer, da viele zu ihm kommen, „die einen Zettel haben wollen“.

  • Ein Arzt aus dem Kreis Kassel kritisiert die Panik vor einer Corona*-Ansteckung.
  • Dr. Gunter Lehmann: „Ich werde die Wut der Lehrer abbekommen.“
  • Er und ein Arzt aus der Stadt Kassel wollen keine pauschale Kritik an Lehrern üben.

Fuldatal (Landkreis Kassel) - Während Pflegekräfte und Kassiererinnen seit Wochen schuften, wollen manche Lehrer wegen Asthma ein Attest vom Arzt. Ein Fuldataler Mediziner findet das ungerecht.

Dr. Gunter Lehmann ahnt, was ihn nach diesem Artikel erwartet. „Ich werde die Wut der Lehrer abbekommen“, sagt der Allgemeinmediziner aus Fuldatal im Landkreis Kassel. Dabei hat der 74-Jährige unserer Zeitung lediglich geschildert, welche Erfahrungen er in den vergangenen Wochen in seiner Praxis in Ihringshausen gemacht hat. Seine These: Viele Lehrer missbrauchen die Corona-Verordnungen, um nicht unterrichten zu müssen, obwohl sie nicht gefährdeter seien als andere.

So wollte beispielsweise ein Patient ein Attest haben, der „vor drei Jahren mal ein Asthma-Spray verschrieben bekam“. 50-Jährige mit Bluthochdruck möchten freigestellt werden, so wie es die Verordnungen des Robert-Koch-Instituts vorsehen.

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Lehmann findet das ungerecht gegenüber anderen Berufen: „Medizinische Mitarbeiter arbeiten auch mit Bluthochdruck. Keiner ist zu Hause geblieben. Dabei ist man dem Risiko dort doch viel mehr ausgesetzt als in der Schule.“

Dem Arzt aus Fuldatal im Landkreis Kassel geht es nicht um Krebskranke oder Patienten mit schweren Autoimmunerkrankungen, die vor dem Coronavirus geschützt werden müssen, sondern eine gewisse Panik, die er nicht nur bei Lehrern festgestellt hat.

So wollte ein chronisch kranker Beamter aus dem öffentlichen Dienst ein Attest in der Corona-Krise haben, obwohl er ein eigenes Büro und keinen Kundenkontakt hat. „So jemand darf bei vollem Gehalt zu Hause bleiben, während Kassiererinnen im Supermarkt weiterarbeiten“, sagt Lehmann, der selbst unter Asthma und Bluthochdruck leidet und trotzdem mit 74 Jahren noch weiterarbeitet.

Die Praxis im Landkreis Kassel betreibt er mit seiner 68-jährigen Frau. Demnächst wird ihre Tochter übernehmen. Lehmann glaubt: „Würden sich alle so verhalten wie viele Lehrer, wäre die Hälfte der Krankenhäuser zu und das Land wäre komplett am Boden.“

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Bei der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen hat man keine Statistik, die zeigen würde, in welchen Berufen es besonders viele Freistellungen wegen Corona gibt. „Seriös können wir das erst Anfang Juli abschätzen“, sagt ein Sprecher.

Doch auch der Allgemeinmediziner Dr. Uwe Popert aus Kassel stellt fest, dass „wir gerade überrannt werden von Leuten, die einen Zettel haben wollen“. Das Vorstandsmitglied des Kasseler Hausärzteverbandes ist 63 und Asthmatiker: „Selbst mit meinem Risiko könnte ich als Lehrer arbeiten.“

Wie Lehmann will aber auch Popert Lehrer in der Corona-Krise nicht pauschal kritisieren. Allgemein beobachtet er zwei Tendenzen: „Die einen zeigen zu wenig Vorsicht und verbreiten wüste Theorien, die anderen wollen sich ausklinken, weil sie glauben, an einem Risiko vorbei gelaufen zu sein. Wir brauchen aber einen vernünftigen Mittelweg.“

Von Matthias Lohr

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