„Man muss sich eine Struktur schaffen“

Corona-Besuchsverbot im Krankenhaus: Schwere Zeit für Patienten - Ein Betroffener berichtet

Familie und Freunde dürfen ihn wegen Corona nicht besuchen: Ralf Fischer wird im Klinikum Kassel wegen einer Leukämieerkrankung behandelt. 
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Familie und Freunde dürfen ihn wegen Corona nicht besuchen: Ralf Fischer wird im Klinikum Kassel wegen einer Leukämieerkrankung behandelt. 

Corona in Kassel: Das Besuchsverbot in Krankenhäusern ist bis zum 05.07.2020 verlängert worden - für Patienten eine schwere Zeit. Ein Betroffener berichtet.

Kassel –Wir haben mit Ralf Fischer gesprochen, der in diesen Tagen im Klinikum Kassel wegen einer Krebserkrankung behandelt wird. Um jegliche Infektionsgefahr für ihn auszuschließen, hat Ralf Fischer ein Einzelzimmer mit einer Überdruck-Belüftung. Wenn jemand sein Zimmer betritt, sind neben der Händedesinfektion Kittel und Mundschutz Pflicht.

Im Interview, das wir telefonisch geführt haben, erzählt der Volkmarser, wie er seine Tage strukturiert und wie es sich anfühlt, über Wochen Familie und Freunde nicht zu sehen.

Herr Fischer, haben Sie in den vergangenen Wochen Selbstgespräche geführt?

Ja, dabei habe ich mich durchaus schon ertappt. Beispielsweise, wenn ich einen Film im Fernsehen schaue und dann laut sage, was ich über eine bestimmte Szene denke. Aber das fällt ja glücklicherweise niemandem auf, weil ich alleine in meinem Zimmer bin.

Seit wann sind Sie im Klinikum in Behandlung?

Insgesamt bin ich seit Oktober vergangenen Jahres das fünfte Mal vier Wochen lang hier im Krankenhaus wegen meiner Leukämieerkrankung behandelt worden. Im März war ich zuletzt hier, als schon das Besuchsverbot galt. Meine Frau, meine Mutter, meine Kinder, meine Freunde, sie alle konnte ich über Wochen nicht sehen. Das ist nicht leicht.

Haben Sie einen Tipp, wie man einen Tag in diesen Zeiten gut rumbekommen kann?

Man muss sich eine Struktur schaffen. Egal, wie die aussieht.

Wie sieht diese Struktur für Sie aus?

Der immer gleiche Tagesablauf ist für mich hilfreich: Um 6.30 Uhr weckt mich die Pflege, um 8.15 Uhr gibt es Frühstück, dann ist Physiotherapie, irgendwann kommt die Putzfrau, danach beginnt mein kleiner Serien-Marathon.

Ein kleiner Serienmarathon?

Ja, ich habe immer ein paar Serien, die ich jeden Tag schaue: zum Beispiel die Arztserie „In aller Freundschaft“ und danach „Notruf Hafenkante“. Ruckzuck ist dann schon 12 Uhr, und es gibt Mittagessen.

Und danach?

Dann ist erst mal Mittagsschlaf angesagt, bis die Pflegekraft um 14 Uhr wieder vorbeikommt. Außerdem gibt es jeden Tag eine Visite. Nachmittags surfe ich oft im Internet, telefoniere mit meiner Frau oder mache ein bisschen Gymnastik. Wenn man so lange nur in einem Raum ist, merkt man vor allem, wie sehr einem die Bewegung fehlt. Um 17 Uhr gibt es Abendbrot, und dann ist der Tag auch schon wieder geschafft.

Geschafft, das klingt ein bisschen negativ?

Nein, ich werde hier wirklich gut versorgt, da gibt es nichts zu meckern. Trotzdem sind die Tage eben doch manchmal lang. Aber damit meine Behandlung erfolgreich verläuft, muss ich Kontakte weitgehend vermeiden. Jeder kleine Schnupfen ist für mich schon ein Problem.

Menschen, die jetzt viel Zeit im Homeoffice verbringen, klagen, dass sie nicht mehr wissen, welcher Tag ist. Wie ist das bei Ihnen?

Manchmal ist es ein bisschen durcheinander. Aber montags, mittwochs und freitags gibt es immer frische Bettwäsche, das ist eine gute Orientierung. Wenn es der Gesundheitszustand zulässt, bezieht man sein Bett hier selbst und wenn es wieder so weit ist, dann weiß ich auch gleich, welcher Tag ist. Aber ob Wochentag oder Feiertag, das macht hier keinen Unterschied. Die Pflegekräfte kommen immer zur selben Zeit.

Kennen Sie schon einige Schwestern und Pfleger?

Auf jeden Fall. Einige kenne ich seit meinem ersten Aufenthalt hier. Manche trifft man immer wieder. Da lernt man sich auch gut kennen über die Wochen. Die Mitarbeiter merken auch, wenn ich Redebedarf habe. Wenn sie Zeit haben, dann gibt es einen Plausch, und manchmal spricht man durchaus auch über private Dinge.

Zum Beispiel?

Ich bin im Elferrat des Karnevalsvereins und in der Feuerwehr aktiv. Bei der Feuerwehr habe ich auch Brandschutzerziehung in Kindergärten gemacht. Es war nicht einfach, dass das alles von jetzt auf gleich für mich weggefallen ist.

Von jetzt auf gleich?

Ich war eine Woche vorher noch im Urlaub und hatte dann einen Termin zum Vorgespräch, weil ich eine Entzündung am Fuß hatte, die operativ entfernt werden sollte. Dabei ist aufgefallen, dass meine Blutwerte sehr schlecht sind. Von einen auf den anderen Tag lag ich hier im Klinikum und hab direkt eine Chemotherapie bekommen. Das war im Oktober 2019.

Bei Ihren ersten Chemotherapiebehandlungen konnten Sie noch Besuch bekommen. Lässt das den Unterschied zu den Wochen mit Besuchsverbot deshalb noch deutlicher werden?

Ja, vielleicht. Meine Frau war oft mit einer Freundin zu Besuch. Manchmal hat mein Sohn sie auch hergefahren, sodass sie länger bleiben konnte. Dann haben wir Karten gespielt. Auch Freunde sind oft vorbeigekommen, wenn sie etwas in Kassel zu erledigen hatten.

Macht man sich mehr Gedanken, wenn man so viel Zeit hat?

Nein, eigentlich nicht. Ich sage mir immer, hier im Krankenhaus bin ich sicherer vor Corona als draußen. Als ich das erste Mal wieder nach Hause konnte, musste ich einen Mundschutz tragen. Das war lange vor Corona. Der eine oder andere hat dann Witze gemacht. Mittlerweile falle ich mit der Maske gar nicht mehr auf.

Gucken Sie manchmal auch einfach nur aus dem Fenster?

Schon, aber da gibt es leider für mich nicht sonderlich viel zu sehen. Ich habe hier immer denselben Ausblick auf das gegenüberliegende Gebäude. Öffnen kann ich das Fenster auch nicht, weil in meinem Zimmer, um eine Infektionsgefahr auszuschließen, Überdruck herrscht. Ich kann beobachten, wann die Ärzte und Pfleger nach Hause gehen. Manche sind durchaus von hier oben zu erkennen.

Ist das Kontaktverbot auch für Ihre Frau schwierig?

Ja, das ist nicht leicht. Aber dadurch, dass wir jeden Tag telefonieren, geht es einigermaßen. Mal telefonieren wir nur kurz, mal eine Stunde. Meine Frau arbeitet in einer Arztpraxis, oft sagt sie, dass sie wegen Corona ohnehin Angst hätte, vorbeizukommen, weil sie mich vielleicht anstecken könnte.

Wenn Ihre Frau in der Arztpraxis arbeitet, ist dann auch Corona oft ein Thema?

Wir unterhalten uns eigentlich über andere Dinge. Corona ist selten ein Thema. Höchstens manchmal, wenn es darum geht, dass das Enkelkind Geburtstag hat und ob man es dann bald besuchen kann. Aber Corona hat zumindest ein bisschen was Gutes.

Und zwar?

Die Konfirmation meines Enkelkindes wurde verschoben. Dadurch kann ich dann hoffentlich auch dabei sein. Wenn ich durch diesen letzten Zyklus der Erhaltungschemotheraphie durch bin, hab ich es geschafft. Dann werde ich mich erst mal zuhause erholen und anschließend eine Reha beginnen. Ich will ja noch ein bisschen was von meiner Rente haben und mit meiner Frau mal wieder an die Nordsee fahren. Wissen Sie, was ich am Anfang die Pfleger hier gefragt habe?

Nein.

Ob Sie den Unterschied kennen zwischen meinem Zimmer im Klinikum und einer Zelle im Gefängnis.

Und der wäre?

Im Gefängnis hätte ich zumindest noch eine Stunde pro Tag Freigang im Hof. Aber ich will gesund werden, deshalb stehe ich das jetzt auch noch durch.

Zur Person: Ralf Fischer

Ralf Fischer (61) lebt mit seiner Frau in Volkmarsen. Derzeit wird er wegen einer Krebserkrankung im Klinikum behandelt. Fischer arbeitet als CNC-Dreher. Seine Hobbys sind der Karnevalsverein und die Feuerwehr. Fischer ist auch als Brandschutzerzieher in Kindergärten tätig. Fischer hat drei Söhne und sechs Enkelkinder.

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