Anfeindungen auf Facebook

Nach Anti-Corona-Demo in Berlin: Kasseler will kein Covidiot sein

Demo trotz steigender Fallzahlen: Mehrere zentausend Menschen protestierten am Samstag in Berlin auf der Straße des 17. Juni gegen die Corona-Maßnahmen. Einer von ihnen war Stefan Cloodt aus Kassel.
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Demo trotz steigender Fallzahlen: Mehrere zentausend Menschen protestierten am Samstag in Berlin auf der Straße des 17. Juni gegen die Corona-Maßnahmen. Einer von ihnen war Stefan Cloodt aus Kassel.

Corona Demo in Berlin: Auch ein Mann aus Kassel war dabei. Er will aber eigentlich kein Covidiot sein.

Kassel – Am Samstag stand Stefan Cloodt mit mehreren zehntausend anderen Menschen auf der Straße des 17. Juni in Berlin und hatte ein gutes Gefühl. Der Kasseler war einer der Teilnehmer, die auf der Großdemonstration gegen die Corona-Maßnahmen protestierten. Für Saskia Esken ist Cloodt hingegen einer der „Covidioten“. So bezeichnete die SPD-Chefin die Demonstranten, die trotz rapide steigender Infektionszahlen auf die Straße gehen.

Cloodt fühlte sich in der Menschenmenge dennoch „ganz wohl“, wie der 53-Jährige sagt: „Wir müssen den Debattenraum größer ziehen. Das Motto ,Freiheit, Friede und Selbstbestimmung’ kann ich mittragen.“ Der Slogan der Veranstalter klingt ein bisschen wie der Leitspruch „Friede, Freude, Eierkuchen“, zu dem einst Techno-Fans auf der Berliner Loveparade tanzten.

Der Mitinhaber des Kasseler Radladens Edelmann und Mitarbeiter einer Zertifizierungsfirma wehrt sich gegen den Vorwurf, ein Covidiot zu sein. Wenn er einkaufen geht, trägt er eine Maske. Er fragt sich aber, ob die Corona-Maßnahmen am Ende nicht mehr Schaden anrichten als das Virus selbst. Darum war er schon vor Monaten auf einer der ersten Berliner Hygienedemos, die der selbst ernannte Demokratische Widerstand organisierte.

Corona Demo in Berlin: Teilnehmer aus Kassel erntet Shitstorm auf Facebook

Fragt man ihn, welche Grundrechte er in Gefahr sieht, wo die Deutschen doch sogar ihr Grundrecht auf Ballermann-Tourismus wieder ausüben können, überlegt er länger und sagt schließlich, dass die Politiker bei der Maskenpflicht zunächst uneinig und dann gleichgeschaltet gewesen seien: „Warum gibt es nicht unterschiedliche Meinungen?“

Bei Facebook hat er ein Selfie von sich und seinem Kumpel hochgeladen, mit dem er im Wohnmobil nach Berlin gereist ist. Das Bild zeigt sie auf der Straße des 17. Juni lachend und ausgelassen, als sei gerade wieder Loveparade und nicht eine globale Pandemie. Facebook-Freunde des Hobby-Triathleten kommentierten wütend, man solle ihn für Wettkämpfe lebenslang sperren. Andere machten ihn dafür verantwortlich, dass wieder mehr Menschen an Corona sterben werden. Cloodt hingegen fragt sich, ob es überhaupt eine zweite Welle geben wird.

Stefan Cloodt

Über die Reaktionen auf die zugelassene Demo von Berlin wundert er sich auch deshalb, weil vor einigen Wochen Tausende gegen Rassismus auf die Straße gingen, ebenfalls ohne Abstand: „Das war akzeptiert. Es kommt offensichtlich auf die Message an.“

Vielleicht liegen die Reaktionen auch daran, dass am Wochenende einige eine demokratiefeindliche Botschaft hatten. Neben besorgten Bürgern und Impfgegnern demonstrierten im Tiergarten auch Rechtsradikale. Cloodt, der politisch noch weiter links steht als Saskia Esken, findet, das seien „Kollateralschäden“, denn: „Ich kann doch nicht jeden nach seiner Meinung fragen.“

Corona Demo Berlin: Teilnehmer aus Kassel erlebte Szene mit Dunja Hayali mit

Inmitten der Menschenmasse hat er auch die ZDF-Journalistin Dunja Hayali gesehen, die ihren Dreh abbrechen musste, nachdem sie mit minutenlangen „Lügenpresse“-Rufen diffamiert worden war. Ihr beängstigendes Video, das den wütenden Mob zeigt, wurde bei Instagram bereits mehr als eine halbe Million Mal abgerufen. Wenn Hayali Cloodt gefragt hätte, hätte er ihr geantwortet, sagt er.

Er will nicht ausschließen, dass er noch einmal zu einer Corona Demo geht. Wichtiger ist ihm aber diese Botschaft: „Man sollte solidarisch sein.“ Ein Satz, der so gar nicht zu den Bildern aus Berlin passt. (Matthias Lohr)

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