Kritik an Pandemie-Maßnahmen

Kassel: Fitnessstudio-Betreiber verteidigt Corona-Demo - „Das war zu 95 Prozent ein Friedensfest“

Die Kasseler Corona-Demo mit 20.000 Menschen hat bundesweit für Entsetzen gesorgt. Ein Fitnessstudio-Betreiber war einer der Teilnehmer. Er erklärt, warum die Demo richtig war.

Kassel – Am Samstag (20.03.2021) war Jürgen Beute einer von 20.000 Menschen, die in Kassel gegen die Corona-Maßnahmen demonstrierten. Der Inhaber des Kasseler Fitnessstudios Balance hatte zuvor in einem Youtube-Video zur Demo der „Freien Bürger Kassel“ aufgerufen und stellt die Maßnahmen gegen die Pandemie immer wieder infrage.

Der 63-Jährige versteht sich nicht als „Querdenker“, sondern als „konstruktiv-kritischer Bürger“. Wir sprachen mit Beute über die Corona-Demo in Kassel, die bundesweit für Entsetzen sorgte. Von den Übergriffen auf Journalisten, Passanten und Kinder habe er nichts mitbekommen.

Viele der Demonstranten feiern die Demo als Zeichen der Freiheit. Sehen Sie das auch so?
Ja, was da gelaufen ist, war zu 95 Prozent ein Friedensfest, das unter dem Motto stand: Wir lassen uns nicht weiter unsere Grundrechte einschränken. Es war wie auf einem großen Festival. Mir war es fast schon zu spirituell. Diese Veranstaltung der Meinungsfreiheit ist nicht ansatzweise negativ zu bewerten. Die fünf Prozent, die sich danebenbenommen haben, dürfen in der Berichterstattung nicht so dominant sein. Es ist ein Skandal, wie die Medien eine Veranstaltung derart verunglimpfen können – auch im Vorfeld schon.
Aber aus großen Teilen der Gesellschaft und der Politik gibt es heftige Kritik an der Veranstaltung und dem Einsatz der Polizei, die die Demonstranten trotz Verbots gewähren ließ.
Wie können Polizisten aufgefordert werden, gegen friedliche Menschen vorzugehen? Ich sehe es genauso wie der hessische Innenminister Peter Beuth, der den Einsatz verteidigt hat. Wenn die Polizei dazwischen geknüppelt hätte, wäre die Verhältnismäßigkeit nicht ansatzweise gewahrt gewesen. Ich danke der Polizei, dass sie mit ihrem Verhalten der Veranstaltung diesen Rahmen gegeben hat. Das Risiko, dass man sich draußen anstecken kann, geht gegen null. Das hat der Aerosol-Experte Gerhard Scheuch auch in Ihrer Zeitung gesagt.

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Corona-Demo in Kassel: „Maske hat draußen so gut wie keine Funktion“

Studien zeigen, dass große Demos sehr wohl zu höheren Infektionszahlen führen können. Die allermeisten Menschen sind darum wütend, dass sich so viele Demonstranten nicht an die Auflagen gehalten haben. Tausende sind ohne Masken in die Königsgalerie gerannt. Das sei unsolidarisch, lautet die Kritik. Inwiefern können Sie das verstehen?
Wäre die Ansteckungsgefahr draußen wirklich so hoch, hätte es im letzten Jahr nach den riesigen Veranstaltungen in Berlin einen überproportionalen Anstieg der Inzidenzen geben müssen. Natürlich ist es nicht okay, ohne Maske in die Königsgalerie zu gehen. Ich bin auch gegen die Zerstörung von Eigentum und appelliere, die Hausordnungen einzuhalten. Aber draußen hat die Maske doch so gut wie keine Funktion. Der Fehler steckt im System. Wer Teilnehmer kriminalisiert, die ohne Maske erscheinen, provoziert solche Reaktionen. Wenn so viele Menschen kommen, muss man die Veranstaltung auf einem größeren Platz genehmigen, also auf der Karlswiese statt der Schwanenwiese. Das wurde aber verboten. Wir sind mündige Bürger, die sich gegen überzogene Maßnahmen wehren. Stattdessen wurden wir beschimpft.
Von wem?
Als ich mit einem deutsch-griechischen Freund ohne Maske am Weinberg Richtung Innenstadt unterwegs war, wurden wir von einem maskierten Radfahrer als „Nazischweine“ beschimpft. Mein Freund fragte: „Nur weil wir uns hier friedlich ohne Maske bewegen, werden wir so attackiert?“ Eine noch unschönere Begegnung hatten wir in der Innenstadt mit Gegendemonstranten. Etwa 100 bis 150 Jugendliche skandierten permanent „Nazischweine raus!“ Natürlich hat uns das extrem geärgert. Durch das souveräne Auftreten der Polizei blieb es bei verbalen Scharmützeln.
„Wir sind mündige Bürger, die sich gegen überzogene Maßnahmen wehren“: Das sagt Unternehmer Jürgen Beute über sich und die anderen 20.000 Menschen, die am Samstag trotz Verbots unter anderem auf dem Friedrichsplatz demonstrierten.

Corona-Demo in Kassel: „Kinder erleiden irreparable Schäden“

Laut Umfragen haben mehr als drei Viertel der Deutschen kein Verständnis für Corona-Demos. Macht es Sie nicht nachdenklich, dass Sie auf so große Ablehnung stoßen?
Sie werden von der Regierung falsch gelenkt. Deswegen lasse ich bei den jugendlichen Gegendemonstranten mildernde Umstände gelten. Wenn ich nur noch mit Angst argumentiere wie Herr Lauterbach, reagieren die Menschen so. Er prophezeit den Weltuntergang und das schlimmste Szenario. In Teilen hat er recht, aber ein Großteil tritt einfach nicht ein. Und unsere Kinder erleiden durch die Maßnahmen irreparable Schäden. Solche Diskussionen führe ich zwölf Stunden am Tag.
Aber über die Kollateralschäden wird seit Monaten diskutiert. Bei der Kundgebung auf der Schwanenwiese wurde einfach die Rücknahme aller Maßnahmen gefordert, ohne Lösungen im Kampf gegen Corona vorzuschlagen. Das kann doch nicht Ihr Ernst sein.
Nein, natürlich nicht. Aber es gibt genug Alternativen zum Dauer-Lockdown. Allein der Blick auf die Inzidenzzahlen reicht nicht aus. Es gibt flexible Lösungen wie in Tübingen und Rostock, damit Hotels, Restaurants, Geschäfte und der Gesundheitsbereich überleben. Mit meinem Fitness-Center bin ich Teil der Lösung und nicht des Problems. Ich möchte, dass speziell die ältere Generation in meine Anlage kommt, um gesund zu bleiben.

Corona-Demo in Kassel: „Mit Demokratie hat das nicht mehr viel zu tun“

Viele Demonstranten schimpften auf die Diktatur, in der wir angeblich leben. Haben Sie den Eindruck, Deutschland sei eine Diktatur?
Natürlich hinkt der Vergleich mit Russland, aber teilweise stimme ich der These zu. Mit Demokratie hat das, was Angela Merkel macht, nicht mehr viel zu tun. Über Corona sollte im Bundestag diskutiert und entschieden werden und nicht im stillen Kämmerlein mit Ministerpräsidenten. Wir leben nicht mehr in einem komplett freien Land.
Was man am Samstag immer wieder hörte, war der Satz, man könne seine Meinung nicht mehr sagen. Welche Reaktionen bekommen Sie, wenn Sie etwa zur Demo aufrufen?
Vor einigen Wochen habe ich meine Meinung in einem Youtube-Video gesagt, das bis heute 5500 Aufrufe hatte. 270 haben es geliked, Dislikes gab es nur 45. Aber schon damals wurde ich als AfD-Mann beschimpft. Nach der Demo wurde unter anderem gefordert, Krankenkassen sollten die Kooperation mit mir kündigen und ich sollte für die Kosten eventuell verletzter Polizisten aufkommen. Ich werde mit hoher Wahrscheinlichkeit Kunden verlieren, weil ich meine Meinung sage. Im Netz wird mein Unternehmen von anonymen Heckenschützen negativ bewertet. Aber ich werde ein kritischer Bürger und visionärer Unternehmer bleiben, der konstruktiv seine Meinung sagt. Ich glaube, die Geschichte wird zeigen, dass Deutschland im Umgang mit Corona ganz viele schwerwiegende Fehler gemacht hat. (Matthias Lohr)

Rubriklistenbild: © Daniel Seeger

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