Auch Prominente werden erwartet

Corona-Demo in Kassel: Darum gehen die Demonstranten zu Tausenden auf die Straße

Beim freitäglichen Auto-Corso der „Freien Bürger Kassel“ rollen abends Autos hupend durch die Stadt – manche auch mit einem Herz aus Holz.
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Beim freitäglichen Auto-Corso der „Freien Bürger Kassel“ rollen abends Autos hupend durch die Stadt – manche auch mit einem Herz aus Holz.

Tausende Kritiker der Corona-Maßnahmen wollen Samstag in Kassel auf die Straße gehen - mit prominenten Corona-Verharmlosern. Was sind das für Leute?

Kassel – Samstag schaut die „weltweite Menschheitsfamilie“ auf Kassel. So formuliert es leicht größenwahnsinnig der Berliner Journalist Martin Lejeune, der schon mit dem Negativpreis Goldener Aluhut ausgezeichnet wurde und seit einem Jahr auf Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen auftritt. In mehr als 30 Ländern sollen morgen Kundgebungen stattfinden.

Bei der größten Demo in Deutschland erwarteten die „Freien Bürger Kassel“ bis zu 17.500 Teilnehmer. Nun hat der Hessiche Verwaltungsgerichtshof nur 6000 Menschen an der Schwanenwiese zugelassen. Die Veranstalter selbst schwiegen im Vorfeld. Wir haben mit Teilnehmern und Kritikern gesprochen.

Corona-Demo in Kassel: Die Rolle der Chat-Gruppen

Die Kritiker der Corona-Maßnahmen kommunizieren vor allem über den Messenger Telegram. Während in vielen anderen Städten selbst ernannte „Querdenker“ große Kundgebungen veranstalten, nennen sich die Kasseler Organisatoren mittlerweile „Freie Bürger Kassel“.

Outet man sich in dem knapp 1000 Teilnehmer umfassenden Chat als Journalist, wird man als gekaufter Vertreter der „Lügenpresse“ beschimpft. Viele fühlen sich mit ihrer Kritik unverstanden. Eine Frau schreibt, dass sie und andere „von Anfang an als rassistisch, rechtsradikal, unsolidarisch, dumm oder verrückt dargestellt worden sind“.

Corona-Demo in Kassel: Was sich die Teilnehmer von der Veranstaltung versprechen

In einer von mehreren Telegram-Gruppen der „Freien Bürger“ haben wir die Mitglieder gefragt, was sie von morgen erwarten. Eine Frau antwortete: „Wir wollen endlich gehört und ernst genommen werden.“ Zugleich fordert sie den „Rücktritt der gesamten Bundesregierung sowie Strafprozesse gegen sämtliche Beteiligte bei dieser Pandemie“. Pandemie schreibt sie in Anführungsstrichen.

Viele glauben, dass das Coronavirus nichts anderes als eine Grippe sei. Sie behaupten, dass es nie eine Übersterblichkeit gegeben habe (was falsch ist), und dass Phänomene wie Long Covid nur von einer Elite erfunden worden seien.

Es gibt aber auch Menschen, die die gleichen Fragen stellen, wie sie auch seriöse Politiker aufwerfen: ob die Kollateralschäden nicht vielleicht „höher sind als die Schäden, die das Virus anrichtet“. Ein Mann wünscht sich einfach einen „freiheitlichen Umgang mit der Pandemie, wie es Schweden tut“, ignoriert aber, dass es in dem skandinavischen Land längst auch große Einschränkungen gibt. Den selbst in der Bewegung umstrittenen Begriff „Querdenker“ definieren die meisten als „Selbstdenker“.

Kassel: Auch Prominente wollen an der Corona-Demo teilnehmen

Auch viele bekannte Vertreter der Bewegung haben in den vergangenen Wochen mobil gemacht – etwa Wolfgang Wodarg. Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete gilt in der Szene als Heilsbringer, für Kritiker ist er einer der einflussreichsten Corona-Verharmloser. In einem Video kündigte Wodarg an: „Wir werden alle da sein.“

Angeblich sollen auch der Journalist Ken Jebsen und der Schauspieler Mustafa Alin nach Kassel kommen. Jebsen gilt als „einer der erfolgreichsten Verschwörungsideologen Deutschlands“ („Spiegel“) und schwadroniert schon mal von einem zweiten Auschwitz. Und Alin, der einst in der RTL-Soap „GZSZ“ mitwirkte, soll sich im November mit einer vorgetäuschten Verletzung in eine Klinik bei Hannover eingeschlichen haben, um heimlich per Kamera angebliche Corona-Lügen aufzudecken. Laut des Redaktionsnetzwerks Deuschland ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Der Ökonom Stefan Homburg wirbt für die geplante Corona-Demo in Kassel.

Auch der Ökonom Stefan Homburg will anreisen. Bis vor einem Jahr war er der angesehene Direktor des Instituts für Öffentliche Finanzen an der Universität Hannover. Seitdem er jedoch mit Verschwörungstheoretikern auftritt und mit seinen Datenanalysen aufzeigen will, dass „das Coronavirus keineswegs eine einzigartige Bedrohung darstellt“, hat sein Ruf gelitten.

Gegenüber unserer Zeitung behauptet Homburg, dass niemand an „Kinder, Depressive und Menschen denkt, die ihre Existenz verloren haben. Ich fordere, dass die Freiheitsbeschränkungen endlich beendet werden“.

Dass Rechtsextremisten den Anschluss an die Bewegung suchen, scheint ihn nicht zu stören: „Demonstrationsfreiheit bedeutet, dass jeder mitmachen kann, egal ob links oder rechts. Die meisten Demonstranten sind ohnehin Ärzte, Handwerker, Familien und andere Normalbürger. Nur die Fernsehkameras schauen immer auf einige seltsame Vögel.“

Corona-Demo in Kassel: Teilnehmerin spricht von Sturm auf Polizei

Die Veranstalter betonen immer wieder, dass sie friedlich seien und keine rechtsradikalen Symbole und Parolen sehen wollten. In den Telegram-Gruppen löschen sie entsprechende Posts. Trotzdem findet man auch hier bisweilen Beiträge aus Gruppen der antisemitischen QAnon-Bewegung, deren Anhänger glauben, die Eliten würden Kinderblut trinken und Donald Trump sei ihr Erlöser.

Neben solchen Verschwörungsmythen in der Bewegung kritisiert Jenny Huschke vom nordhessischen DGB aber auch den nachlässigen Umgang mit Masken und anderen Corona-Regeln: „Wer erkennbar die Nichteinhaltung geltender Regeln praktiziert oder gutheißt, handelt letztlich egoistisch und unsolidarisch; er gefährdet bewusst andere.“

Für die morgige Demo stellen manche offenbar eigene Regeln auf. Eine Teilnehmerin empfahl, mit einem Baby in die erste Reihe zu gehen, „wenn wir die Polizeikette stürmen. So etwas bringt Klicks, wenn die Polizei eine Frau mit Baby schlägt.“ (Matthias Lohr) Am Samstag (20.03.2021) berichten wir live über die Corona-Demo in Kassel.

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