Interview

Experte zur Corona-Demo in Kassel: „Wie Pegida ohne Rassismus“

Corona-Demo in Kassel: Protest gegen den Teufel. Dieser bayerische Biogemüsebauer protestierte auf der Schwanenwiese und in der Innenstadt gegen das Impfen.
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Corona-Demo in Kassel: Protest gegen den Teufel. Dieser bayerische Biogemüsebauer protestierte auf der Schwanenwiese und in der Innenstadt gegen das Impfen.

Die Corona-Demo vom Samstag (20.03.2021) wird wohl noch lange für Gespräche in Kassel sorgen. Wir haben mit einem Rechtsextremismus-Experten darüber gesprochen.

  • Corona-Demo in Kassel: Experte Christopher Vogel versucht die Teilnehmer einzuordnen.
  • Rund 20.000 Menschen waren am Samstag (20.03.2021) zur Corona-Demo nach Kassel gekommen.
  • Corona-News: Experte über Querdenker-Demo: „Mischung aus Sophie Scholl und Pippi Langstrumpf“

Kassel - Experte Christopher Vogel vom Mobilen Beratungsteam gegen Rassismus und Rechtsextremismus beschäftigt sich schon lange mit „Querdenkern“. Die Corona-Demo in Kassel fand er unerträglich. 

Die Veranstalter sagen, die 20.000 Menschen, die am Samstag in Kassel demonstriert haben, seien die Mitte der Gesellschaft. Welchen Eindruck hatten Sie?
Der Durchschnitt der Gesellschaft war das nicht, eher die weiße Mittelschicht. Die Bewegung ist offensichtlich sehr heterogen. Man hat zwar Familien gesehen, aber keine Jugendlichen oder Studenten. Das Durchschnittsalter war relativ hoch. Einige dieser Menschen kommen mit Beschränkungen wegen Corona nicht klar und suchen in den Tiefen des Internets einen Ausweg. Sie wenden sich obskuren Youtube-Kanälen zu und bewegen sich nur noch in dieser Blase.
Die Organisatoren fordern relativ abstrakt die Rücknahme aller Corona-Maßnahmen sowie Frieden, Freiheit und Demokratie. Was ist Ihnen bei den Reden aufgefallen?
Ich fand vieles widerwärtig. Drei Redner hintereinander haben Bezug auf den Nationalsozialismus genommen. In einer Mischung aus Sophie Scholl und Pippi Langstrumpf gefallen sie sich in der Pose von Widerstandskämpfern. Sie tun so, als ob wir in einem faschistischen oder Apartheid-Staat leben würden. Das verharmlost den Nationalsozialismus und verhöhnt dessen Opfer. Und wenn dann erzählt wird, eine internationale Elite hätte sich mit der Pharmaindustrie verschworen, bedient das antisemitische Klischee. Ein Redner drohte von der Bühne, dass nach ihrem Erfolg über das Regime „abgerechnet“ würde. Da wird applaudiert, niemand widerspricht. Das ist unerträglich. Es ist wie Pegida ohne Rassismus.
Es gibt massive Kritik an der Polizei. Hätte man verhindern können, dass tausende Menschen stundenlang ohne Masken durch die Stadt ziehen?
Das ist eine politische Frage, die ich nicht beantworten kann. Man fragt sich aber, wofür es eigentlich gerichtliche Auflagen gibt, wenn die nicht kontrolliert werden. Die Teilnehmer hatten schon im Vorfeld angekündigt, keine Masken aufzuziehen. Die Zahl der Demonstranten mit Mund-Nasen-Schutz bewegte sich im Promillebereich. Was nach Samstag aber bleibt: Kassel ist für die „Querdenker“-Bewegung ein Riesenerfolg und der Start in die neue Protest-Saison. Auf diesem Event werden sie aufbauen. Das kann man in den einschlägigen Kanälen jetzt schon sehen.
Sie kritisieren, dass sich die Bewegung nicht überzeugend nach rechts abgrenzt. Reichsbürger und Neonazis waren am Samstag aber kaum zu sehen.
Wir haben auch am Samstag (20.03.2021) Nazis in diversen kleinen Grüppchen gesehen, die in der Menge untergegangen sind. Das große Problem der Bewegung bleiben aber die Verschwörungstheorien. „Querdenker“ reden von der Lügenpresse, geheimnisvollen Eliten und vom Widerstand gegen eine Diktatur. So etwas hat man bisher nur auf stramm rechten Veranstaltungen gehört. Nach rechts sind die „Querdenker“ sperrangelweit offen.
Wie kann man mit „Querdenkern“ ins Gespräch kommen?
Diese Frage hören wir in der Beratung von immer mehr Menschen, deren Angehörige wegen Corona an Verschwörungstheorien glauben. Am besten redet man nicht über deren Inhalte. Denn das ist so eine Flut, dagegen kommt man nicht an. Besser ist es, über persönliche Dinge zu reden und ihnen zu sagen: „Schalt mal das Internet vier Wochen aus.“ Sie müssen aber selbst erkennen, dass sie falsch liegen. Die Veranstalter sagen, die 20.000 Menschen, die am Samstag (20.03.2021) in Kassel demonstriert haben, seien die Mitte der Gesellschaft. Welchen Eindruck hatten Sie? (Matthias Lohr)

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