Mutter soll als „Kinderschänderin“ beschimpft worden sein

Corona-Demo in Kassel: „Querdenker“ sollen sogar Kinder angegangen haben

Demonstranten und Querdenker auf dem Friedrichsplatz Kassel am Samstagnachmittag.
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Für sie war es die Rückkehr der Freiheit, für die anderen ein Affront gegen den Rechtsstaat: Demonstranten auf dem Friedrichsplatz am Samstagnachmittag.

Nach dem Mega-Protest der „Querdenker“ am Samstag in Kassel beklagen sich immer mehr Einwohner über aggressive Demonstranten. Selbst Kinder sollen angegangen worden sein.

Kassel – Auch Tage später ist Sarah Nort immer noch fassungslos über das, was vor ihrer Haustür passiert ist. Als am Samstagnachmittag 20.000 Demonstranten durch Kassel zogen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu protestieren, kamen sie auch an der Wohnung der 40-Jährigen in der Goethestraße vorbei.

Nort schaute aus dem Fenster und rief den Menschen zu, dass sie in Kassel nicht willkommen seien. Wenig später hätten einige Demonstranten gegen die Haustür des Mehrfamilienhauses getreten. Durch ihr offenes Fenster flog eine Bierflasche in die Wohnung.

Corona-Demo in Kassel: „Polizisten waren ja völlig überfordert“

Nort und ihr Mann riefen die Polizei. Dort habe man ihnen gesagt, sie sollten in ihrer Wohnung bleiben, der Eingang würde gesichert. „Das ist nicht passiert, die wenigen Polizisten waren ja völlig überfordert“, sagt Nort.

Über eine Stunde habe der Spuk vor ihrer Haustür gedauert. Mittlerweile ist Nort immer noch „entsetzt, dass man das alles zugelassen hat. Mein Vertrauen in die Behörden ist erschüttert.“

Ähnlich geht es einer Freundin von ihr, die nach eigenen Angaben am Samstag mit ihren Kindern von Demonstranten am Rande der Karlsaue bedrängt wurde. Da die 45-Jährige bereits zuletzt Anfeindungen ausgesetzt war, wie sie sagt, will sie nur anonym berichten.

Corona in Kassel: Demonstranten wollten Kindern die Masken abreißen

Die Therapeutin war mit ihren beiden Söhnen (8 und 5) mit dem Rad ins Naturkundemuseum unterwegs, wo sie sich die Tierkinder-Ausstellung ansehen wollten. Als sie fast an der Wiese am Penone-Baum in der Nähe der documenta-Halle angekommen waren und auf unzählige Demonstranten trafen, passierte laut der Mutter Folgendes.

Mehrere „Querdenker“ versperrten die kleine Brücke über die Drusel und riefen der Frau entgegen, ihren Kindern solle man die Masken abreißen. Die hatte sie ihren Söhnen aufgezogen, weil die Abstände längst nicht mehr einzuhalten waren. Die Mutter wurde als „Kinderschänderin“ und „hirnverwaschen“ beschimpft. Auch frauenverachtende Wörter fielen.

Als sich die Familie doch durchgekämpft hatte, wurde es selbst im Naturkundemuseum nicht viel besser. Zahlreiche Demonstranten suchten hier die Toilette auf – keiner trug eine Maske.

Corona-Demo in Kassel: Frau mit Sohn eingekesselt

Auf dem Rückweg wurde die Frau mit ihrem kleinen Sohn sogar eingekesselt. „Bei meinen Kindern ist das bis heute Gesprächsthema, auch für mich war das eine Ohnmachtserfahrung“, sagt die Mutter.

Ähnliche Erlebnisse schilderten uns auch andere Leser. Viele fragen sich, wie Menschen, die angeblich nur ihre Grundrechte wiederhaben wollen, so auftreten und sämtliche Regeln missachten können.

Corona in Kassel: Demonstranten fotografierten Klingelschilder ab

Die Mutter der beiden Söhne versucht, dieses Phänomen mit der Traumatheorie zu erklären. Demnach sind die Pandemie und ihre Folgen für viele Menschen ein Trauma. Auf dieses reagieren sie laut Forschern entweder mit Flucht, Schockstarre oder Kampf. Für einige war am Samstag folglich Kampftag in Kassel.

Sarah Nort indes hofft, dass sie so etwas wie am Wochenende nicht noch einmal erleben muss. Sie beobachtete, wie einige Demonstranten die Namen von den Klingelschildern abfotografierten: „Wir haben ein ganz schön mulmiges Gefühl.“

Auch Ladenbetreiber wurden von den Corona-Kritikern bei der Demo angegangen. Alle Neuigkeiten zu der Corona-Demo der Querdenker-Bewegung in Kassel finden Sie in unserem News-Ticker. (Matthias Lohr)

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