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„Corona hat ein Kollektivtrauma ausgelöst“: Interview mit der Kasseler Psychotherapeutin Michaela Huber über gesellschaftliche Krisen

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Von: Anna-Laura Weyh

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Corona-Krise ist ein gesellschaftlicher Schock: Die Pandemie hat besonders bei Kindern und Jugendlichen deutliche Spuren bei der psychischen Gesundheit hinterlassen.
Corona-Krise ist ein gesellschaftlicher Schock: Die Pandemie hat besonders bei Kindern und Jugendlichen deutliche Spuren bei der psychischen Gesundheit hinterlassen. © Paul Zinken/dpa-bildfunk

Die Wartelisten für Psychotherapie-Plätze sind lang. Durch aktuelle Krisen, wie die Corona-Pandemie, erhöht sich die Zahl der seelischen Erkrankungen weiter drastisch.

Kassel – Die Wartelisten für Psychotherapie-Plätze sind lang. Anders als bei einer körperlichen Verletzung erhalten Menschen mit seelischen Erkrankungen oft nicht sofort Hilfe. Extremsituationen wie Gewalterfahrungen oder auch die Corona-Pandemie verstärken Stress und Ängste in der Gesellschaft. Wir sprachen mit der Traumatherapeutin Michaela Huber, die in Kassel bereits seit mehr als 30 Jahren eine psychotherapeutische Praxis betreibt und europaweit Traumazentren aufbaut.

Frau Huber, Sie sind Traumatherapeutin. Welche Menschen kommen zu Ihnen in die Praxis?

Traumatisierte Menschen haben Todesangst verspürt. Sie erlebten ein oder mehrere Ereignisse als existenzielle Bedrohung. Die Situation war unaushaltbar, aber man musste sie trotzdem aushalten. In solchen Fällen schaltet das Gehirn die Alltagswahrnehmung aus, und man befindet sich während des Geschehens in einer Art Trance. Das Gehirn speichert Erlebtes aus solchen Situationen separat ab. Nach dem Motto: Das war jetzt zu viel, das müssen wir in kleine Konservendosen packen und im Laufe der nächsten Monate verarbeiten. Häufig werden Ereignisse gleichgesetzt mit Trauma, das ist aber fachlich gesehen nicht richtig.

Das müssen Sie erklären.

Ein Psychotrauma ist eine seelische Wunde, die durch solch ein Extremereignis ausgelöst wird. Man spricht zwar von Vergewaltigungstrauma, Unfalltrauma oder Kriegstrauma, aber tatsächlich ist es so, dass die eine Person den Krieg fast ohne große Schäden überlebt und der andere Mensch zerbricht. Wir schauen uns deshalb die Wunde an, und die erkennt man sehr gut an den Symptomen, die die Leute haben.

Welche Symptome sind das?

Zum Beispiel, dass man sich an das Erlebte nicht mehr genau, vielleicht sogar überhaupt nicht mehr erinnert. Auch das Abdriften in Tagträume, Schlafprobleme, Suchttendenzen, Angstattacken und Wutanfälle gehören zu den Symptomen. Betroffene haben oft das Gefühl, nicht mehr klar denken zu können, bewegen sich eigentlich durchgängig auf einem sehr hohen Stresslevel und sind angespannt. Viele meiden alles, was auch nur entfernt mit dem schlimmen Ereignis zu tun hat, isolieren sich und sind irgendwann vielleicht sogar nicht mehr arbeitsfähig. Wenn dann auch noch das Leben sinnlos erscheint, wächst die Wunde immer weiter, und das Leben ist gefühlt nicht mehr lebenswert.

Wie können Sie den Betroffenen helfen?

Wir geben den Leuten grundsätzlich immer erst mal drei Monate, um das Erlebte zu verarbeiten. Ist das Extremereignis aber länger her und sie kriegen die Symptome nicht weg, benötigen sie Hilfe. Die Nummer eins beim Vermeiden langfristiger Schäden ist soziale Unterstützung. Profis braucht man nur, wenn das eigene Umfeld diese Unterstützung nicht bieten kann. Wenn Profis aktiv werden, dann stabilisiert man am besten die Betroffenen erst einmal in der Gegenwart, damit sie nicht immer wieder wegbrechen.

Und dann versuchen wir auch, von den früheren Belastungen möglichst viel zu verarbeiten. Es gibt viele Therapiemethoden, die dem Gehirn beim Verarbeiten helfen, keineswegs nur das Reden, sondern auch neurologische und körperorientierte Methoden, manchmal ist auch eine medikamentöse Unterstützung notwendig. Wirklich wichtig zu betonen ist aber an der Stelle, dass Traumatherapie nicht das Erste ist, was passieren muss, wenn jemand psychologische Unterstützung benötigt. Die Stabilisierung ist immer das Wichtigste.

Da gibt es vermutlich nicht den einen Lösungsweg?

Jeder Mensch in einer Krise braucht etwas anderes. Es ist wichtig, dass wir es schaffen, Hilfe passgenau und schnell anzubieten. Dafür müssen alle Akteure zusammenwirken und sich vernetzen: stationäre und ambulante Einrichtungen, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Betreuung, Beratung, Begleitung, Psychotherapeuten und Ärzte, Heilpraktiker und Physiotherapeuten.

Ich gehöre ja zu den Ausbildenden, um Allgemeinmediziner und Psychotherapeuten, aber auch Lehrer, Erzieher und Sozialarbeiter für traumatisierte Menschen zu sensibilisieren. Das ganze Hilfesystem besser zu koordinieren, auch die Zusammenarbeit von Sozial-, Familien- und Gesundheitsministerien zu befördern, ist Teil meiner Lebensaufgabe. Deshalb baue ich zum Beispiel auch Psychotrauma-Institute in verschiedenen Ländern Europas mit auf.

Aktuell funktioniert die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren häufig nicht besonders gut.

Leider nicht. Immer mehr Menschen werden psychisch krank. Unser System muss schneller reagieren, um die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen zu finden, die sich in schweren Krisen befinden. Betroffene müssen möglichst kurze Wege haben. Denn wer verzweifelt ist, ruft einmal irgendwo an. Wenn er dann nicht durchkommt, vergehen Wochen, und dem Menschen geht es immer schlechter. Wir wissen: Wenn Leute eine Depression haben, machen viele nach einem Jahr einen Suizidversuch. Sie müssen also in dieser Zeit vorher ein Angebot bekommen. Aber das System ist überlastet. Wir werden alle überflutet mit Anfragen und können höchstens jedem Zehnten ein Angebot machen. Auch durch die Energiekrise ist es noch mal mehr geworden.

Inwiefern mehr?

Wir bekommen in meinem Institut in der Woche bestimmt 30 bis 40 Mails allein von Leuten, die bereits jetzt in prekären Verhältnissen leben und aufgrund der steigenden Energiekosten so depressiv und verzweifelt sind, dass sie suizidale Gedanken haben. Die können wir ja nicht ins Bodenlose fallen lassen. Also suchen wir ihnen in den Städten, in denen sie leben, Beratungsstellen, sodass sie wenigstens Ansprache und Rat bekommen. Psychotherapeuten werden gesucht, es sind aber nicht genügend vorhanden, die freie Kapazitäten haben. Unter den Hilfesuchenden sind auch viele junge Leute. Das bereitet uns Kummer. Auch weil da nicht genug kommt vonseiten der Politik. Es ist keine wirkliche Änderung in Sicht, um Menschen nach der Corona-Krise und aus der größer werdenden Not zu helfen.

Hat denn auch die Pandemie die Lage noch einmal zugespitzt?

Die ganze Corona-Krise kann man als eine Art gesellschaftlichen Schock bezeichnen. Es ist eine Zeitenwende, es wird immer heißen „vor Corona“ und „nach Corona“. Die Angst um Leben, um Gesundheit, die Art der Isolation, der Lockdown, die Masken, die Diskussion ums Impfen – das alles hat vielen geschadet. Nicht nur durch die Krankheit selbst, sondern auch durch die Art, wie Kinder, Jugendliche und Erwachsene psychisch belastet, isoliert und unter Druck gesetzt wurden. Viele Existenzen wurden vernichtet, Menschen sind in wirtschaftliche Not gekommen, und viele Kinder und Jugendliche sind geradezu in Gedanken von Aussichtslosigkeit geraten, das darf doch eine Gesellschaft nicht zulassen. Die Zahl der psychisch Erkrankten ist in allen Altersgruppen gestiegen.

Ist eine Bevölkerungsgruppe davon besonders betroffen?

Um es drastisch auszudrücken: Die Triage gab es nicht auf den Intensivstationen, aber in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Wir haben nur einen Bruchteil der Kinder, die mit Vernachlässigung, Verwahrlosung, Einsamkeit und Gewalt konfrontiert waren und dringend psychiatrische und psychotherapeutische Hilfe gebraucht hätten, versorgen können. Die Suizidraten sind enorm hochgegangen, bei Kindern und Jugendlichen besonders, aber auch bei Erwachsenen.

Hilfetelefon

Die Nummer gegen Kummer unter 11 61 11 ist Montag bis Samstag von 14 bis 20 Uhr erreichbar. Die Telefonseelsorge ist 24 Stunden lang an 365 Tagen im Jahr per Telefon unter 08 00 / 1 11 01 11 oder 08 00 / 1 11 02 22 oder per Mail unter online.telefonseelsorge.de erreichbar.

Und wir sehen, dass die ganze Corona-Krise eine extreme Belastung, man kann auch sagen ein Kollektivtrauma, in unserer Gesellschaft ausgelöst hat. Nicht nur durch die Erkrankung und deren Folgen selbst, sondern das gesamte soziale Leben drumherum, was sich dadurch stark verändert hat. Wir müssen schauen, dass wir den Zusammenhalt in der Gesellschaft nicht vollends verlieren. Wir Fachleute sehen eine starke Spaltung.

Zwischen Impfbefürwortern und Impfgegnern?

Ja, aber auch zwischen Leuten, die weiter in totaler Angst sind und sich deshalb noch mehr Lockdown wünschen, weil sie gesundheitsmäßig die nächsten Krisen fürchten, und denjenigen, die wieder gemeinsam leben und tanzen wollen. Und dazwischen hat es ganze Familien, Teams und Freundeskreise zerrissen. Das hat etwas bewirkt, das richtig schlimm ist. Es ist sehr wichtig, dass wir versöhnen. Aber das wird unsere Gesellschaft einige Jahre kosten.

Gibt es Übungen für Betroffene, die bei traumatischen Belastungen im Alltag helfen?

Wichtig ist, von dem wegzukommen, das die Betroffenen belastet. Etwas, das stark eingewirkt hat, kann man nicht einfach vernichten. Man wird lernen müssen, damit zu leben – und möglichst besser zu leben als zu dem Zeitpunkt, wo man so eine Not hatte. Man braucht Hoffnung und liebevolles Miteinander. Es gibt ein ganzes Spektrum, was man tun kann. Wenn die Angst im Fokus ist, kann man zum Beispiel versuchen, sich davon abzulenken.

Durch, so seltsam es klingt, einen angenehmen Geruch, durch Geschmacksintensitäten, die Konzentration auf Freundliches, durch Summen, Singen, Tanzen, möglichst mit Menschen zusammen sein, die man mag. Ein Umgebungswechsel hilft auch immer. Und etwas einzuordnen, kann auch helfen. Sich etwa selbst sagen: Jetzt kann ich mich nicht darum kümmern, aber ich verspreche mir, dass ich mich am Samstagnachmittag damit beschäftige. Man dosiert damit die Art der Auseinandersetzung.

Und kann auch das soziale Umfeld unterstützen?

Die beste Hilfe ist, wenn jemand für einen da ist und zuhört. Wenn jemand nach dem Betroffenen in angemessener Weise schaut, geduldig bleibt und freundlich an seiner Seite steht, etwa mit der Frage „Was brauchst du?“.

Kontakt: info@michaela-huber.com

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