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Kinderarzt vom Klinikum Kassel zu Corona-Impfungen: „Das Ganze dient dem Schutz der Kinder“

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Von: Robin Lipke

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Prof. Dr. Andreas Jenke, Chefarzt der Kinderklinik im Klinikum Kassel.
Prof. Dr. Andreas Jenke, Chefarzt der Kinderklinik im Klinikum Kassel. © Robin Lipke

Soll ich mein Kind gegen Corona impfen lassen oder lieber nicht? Prof. Dr. Andreas Jenke rät dazu, auch die unter Zwölfjährigen zu immunisieren.

Kassel – Im Kampf gegen Corona rücken Impfungen für Kinder ab fünf bis zwölf Jahren stärker in den Blickpunkt. Den Wirkstoff hat die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) bereits zugelassen. Nun hat auch die Ständige Impfkommission (Stiko) die Impfung empfohlen, allerdings nur für Kinder mit Vorerkrankungen und Kontakt zu Risikopatienten.

Aber auch gesunde Kinder sollen bei individuellem Wunsch geimpft werden können. Darüber sprachen wir mit Prof. Dr. Andreas Jenke, Chefarzt der Kinderklinik am Klinikum Kassel. Jenke ist selbst Vater von drei Kindern.

Herr Jenke, sind Ihre Kinder bereits geimpft?

Meine beiden älteren Kinder, 17 und 24, sind schon vollständig geimpft. Meine Jüngste, sie ist elf Jahre alt, hätte wohl auch schon ihren Piks bekommen, wenn sie nicht eine Corona-Infektion gehabt hätte. Da soll ja ein bisschen gewartet werden. Ich wäre froh gewesen, wenn ich sie vorher hätte impfen können.

Hatte Ihre Tochter denn einen schweren Verlauf?

Nein, das nicht. Die Infektion verlief mild. Alles nicht so wild. Aber darum geht es bei den Kinderimpfungen auch nicht. Mithilfe der Impfung wird verhindert, dass infolge einer Corona-Infektion Komplikationen auftreten.

Besorgte Eltern befürchten aber, dass Kinder in erster Linie zum Schutz anderer immunisiert werden sollen.

Ganz ehrlich, vor einem Jahr war ich mir ebenfalls unsicher, da hätte ich Ihnen auch nicht sagen können, ob die Impfung sinnvoll ist. Heute können wir zu 100 Prozent sagen: Das Ganze dient dem Schutz der Kinder. Es gibt ausreichend Informationen, die belegen, dass die Folgen einer Infektion um ein Vielfaches gravierender sein können als die einer Impfung.

Okay, fangen wir mit den Nebenwirkungen der Impfung an.

Die Einstichstelle könnte sich röten, Druckschmerz und Kopfschmerzen können auftreten, das Kind kann sich grippig fühlen – wie bei uns Erwachsenen auch. Nichts, was nicht mit Ibuprofen behandelt werden könnte. Das Schlimmste, was passieren kann, ist eine Herzmuskelentzündung. Die wurde vor allem bei Jungen zwischen 15 und 25 Jahren festgestellt. Die Chance, nach einer Impfung eine Herzmuskelentzündung zu bekommen, liegt aber nur bei eins zu 10.000. Zudem ist sie in der Regel schnell abgeheilt.

Und wie sieht es mit den Folgen einer Corona-Infektion bei Kindern aus?

Inzwischen ist belegt, dass Kinder in einem von 1000 Fällen circa vier bis sechs Wochen nach einer Corona-Infektion am PIMS-Syndrom erkranken.

PIMS?

Pädiatrisch Inflammatorisches Multiorgan-Syndrom. Das ist ein postvirales Entzündungssyndrom. Das Kind bekommt hohes Fieber, das Immunsystem spielt verrückt, der Körper ist entzündet. Hier im Klinikum haben wir schon elf Fälle behandelt, drei davon mussten auf die Intensivstation. In der Regel werden die Kinder acht bis zehn Tage stationär aufgenommen. Das ist eine aufwendige Therapie. Unter anderem wird hoch dosiertes Kortison verabreicht. Die Situation ist für die Familien meist sehr belastend und mit vielen Ängsten verbunden.

Welche Folgen kann eine Infektion noch haben?

Eine exakte Datenlage gibt es zwar noch nicht. Aber es ist sehr auffällig, dass seit Beginn der Corona-Pandemie Kinder wesentlich häufiger an Diabetes Typ I erkranken. Erkrankungsspitzen sehen wir dabei immer zwei bis drei Monate nach den Wellen. Diese Kinder müssen dann lebenslang Insulin spritzen. Die Häufigkeit hat sich im Zuge der Pandemie deutschlandweit etwa verdoppelt. Und von Kollegen aus England höre ich immer wieder weitere besorgniserregende Nachrichten.

Die wären?

Ich habe mit Kollegen an der Universität in Cambridge telefoniert. Sie haben einen rasanten Anstieg von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen bei Kindern registriert. Inwieweit das Phänomen mit Covid zusammenhängt, ist nicht abschließend geklärt. Aber unter englischen Kindern sind die Fälle etwa dreimal höher im Vergleich zu normalen Zeiten. Gleichzeitig gab es dort in den ersten drei Wellen erheblich mehr an Covid erkrankte Kinder als bei uns. Die drei beschriebenen Folgen – PIMS, Diabetes und chronisch entzündliche Darmerkrankung – passen ins Bild: Alles sind Überreaktionen des Immunsystems.

Haben Sie vor diesem Hintergrund noch Verständnis für die Skepsis vieler Eltern?

Dass Eltern verunsichert sind, kann ich verstehen. Mich hat zuletzt die Aussage von Thomas Mertens wütend gemacht. Ausgerechnet der Vorsitzende der Stiko sagt in einem Interview, dass er seine Kinder nicht impfen lassen würde. Das ist verantwortungslos. Ein Mann in seiner Position sollte seine persönliche Meinung zurückhalten und sich an Fakten halten. Ungeachtet dessen verstehe ich wirklich die ganze Aufregung nicht. Bei relativen Bagatellerkrankungen wie Rotaviren-Infektionen zögern wir keine Sekunde und lassen die Kinder impfen. Aber bei einer wirklich schweren Krankheit wie Covid-19 stellen wir uns so an.

Die weitverbreitete Angst vor den Folgen des mRNA-Impfstoffs scheint ein wesentlicher Grund dafür zu sein, oder?

In dieser Hinsicht haben Experten ausführlich erklärt, dass die Wirkstoffe nicht gefährlich sind. Ohne ins Detail zu gehen, will ich an dieser Stelle auch noch einmal sagen: Der Impfstoff verändert nicht die DNA des Kindes. Irgendwann muss Virologen und Medizinern auch mal geglaubt werden. Und wenn ich das hinzufügen darf: Wir haben im Klinikum bereits 30 Hochrisiko-Kinder geimpft – alle haben den Piks gut vertragen.

Dennoch empfiehlt die Stiko die Impfung nur für Kinder mit Vorerkrankungen und Kontakt zu Risikopatienten.

Ich finde dies zu vorsichtig. Es führt nur wieder zur Verunsicherung der Eltern und suggeriert, dass die Impfung schädlicher ist als die Infektion und vor allem deren Sekundärkomplikationen.

Noch mal zum Impfstoff: Was ist an dem für Kinder anders?

Die Lösung ist minimal verändert. Das ist aber nicht der Rede wert. Ansonsten ist es das gleiche Biontech-Vakzin, das auch Erwachsene bekommen haben. Kinder erhalten allerdings nur ein Drittel der Dosis. Gleich ist wiederum, dass Kinder zweimal in den Oberarm gepikst werden. Empfohlen wird ein Abstand von drei bis vier Wochen.

Und Auffrischungen?

Ich nehme es an. Es wird ähnlich sein wie bei der Grippe, vermutlich nur schlimmer. Das Grippevirus verändert sich auch jedes Jahr. Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir für Kinder und Erwachsene in regelmäßigen Abständen Auffrischimpfungen gegen Corona benötigen.

Droht nun ein ähnlicher Ansturm auf Impfstellen wie beim Boostern?

Die Kinderärzte werden viel zu tun bekommen, so viel steht fest – vor allem, was Beratung und Beruhigung anbelangt. Um schnell durchzukommen, wäre es hilfreich, mobile Teams zu Grundschulen zu entsenden. Natürlich ist es kompliziert, weil ein Erziehungsberechtigter dabei sein muss. Ich hoffe aber, dass die Eltern das alles unterstützen. (Robin Lipke)

Zur Person

Prof. Dr. Andreas Jenke (47) stammt aus Hamburg. Studiert hat er in Witten/Herdecke im südöstlichen Ruhrgebiet. 2019 kam er nach Kassel. Im Klinikum ist er Chefarzt der Klinik für Neonatologie und allgemeine Pädiatrie. In seiner Freizeit segelt und liest er gern, außerdem spielt er Hockey und Klavier, und er interessiert sich für Wein. Jenke ist verheiratet und Vater von drei Kindern im Alter von 11, 17 und 24 Jahren. (Robin Lipke)

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