Corona-Forschung

Studie sieht kein erhöhtes Infektionsrisiko in Bus und Bahn ‒ KVG äußert sich

Bei vielen fährt die Sorge vor Corona-Ansteckung mit: Die Nachfrage nach Bus und Bahn ist in der Pandemie stark zurückgegangen.
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Bei vielen fährt die Sorge vor Corona-Ansteckung mit: Die Nachfrage nach Bus und Bahn ist in der Pandemie stark zurückgegangen.

Fahrgäste in Bus und Bahn sind statistisch gesehen genauso sicher vor einer Corona-Infektion wie Autofahrer. Das sagt die KVG zu dem positiven Ergebnis.

Kassel ‒ Die Gefahr einer Corona-Infektion ist im öffentlichen Nahverkehr nicht höher als etwa im eigenen Auto. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Berliner Charité. Die Experten verglichen das Ansteckungsrisiko von Pendlern in Bussen und Bahnen mit dem von Menschen, die regelmäßig mit dem Auto, Motorrad oder Fahrrad unterwegs sind. Mit der selbst in Auftrag gegebenen Studie möchte der ÖPNV in Deutschland während und nach der Corona-Pandemie um Fahrgäste werben.

Denn die Pandemie hat gravierende Auswirkungen auf den öffentlichen Nahverkehr - nicht nur in Kassel. Wie die Kasseler Verkehrs-Gesellschaft (KVG) berichtet, hat sich die Anzahl der Fahrgäste seit dem Frühjahr 2020 erheblich verringert. Im Jahr 2019 waren noch mehr als 48 Millionen Fahrgäste in den Bussen und Bahnen der KVG unterwegs. Die geringste Nachfrage verzeichnete die Gesellschaft dann im ersten Corona-Lockdown 2020 mit nur etwa 30 Prozent der Fahrgäste im Vergleich zum Vorjahr.

Studie zu Corona-Infektionsrisiko in Bus und Bahn: Auslastung in Kassel gesunken

Im Herbst 2020 lag die Nachfrage an Schultagen dann bei etwa 80 Prozent, im Winter zeitweise wieder bei nur etwa 30 Prozent. Ersten Auswertungen zufolge waren die Fahrzeuge in Kassel in der ersten Aprilhälfte 2021 zu etwa 55 Prozent besetzt. Das liegt zum Teil sicherlich am Homeoffice beziehungsweise Homeschooling in der Corona-Pandemie, wodurch einige gar nicht mehr viel in der Stadt unterwegs sind. Viele Pendler sind in Kassel aber auch aus Angst vor einer Ansteckung auf das Auto oder Fahrrad umgestiegen.

Studie zu Corona-Infektionsrisiko in Bus und Bahn: Sorge ist unbegründet

Doch diese Angst ist laut den Experten der Berliner Charité unbegründet: Bei der Studie, die in Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet* durchgeführt wurde, zeigte sich kein erhöhtes Infektionsrisiko mit dem Coronavirus in Bussen und Bahnen. Über fünf Wochen wurden seit Februar insgesamt 681 freiwillige Teilnehmende im Alter von 16 bis 65 Jahren im Gebiet des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV) in Hessen begleitet. Alle Probanden wurden zu Beginn und am Ende der Studie durch eine PCR-Testung auf eine mögliche akute Infektion oder mit einem Antikörpertest auf eine bereits überstandene Infektion untersucht.

Das Ergebnis: Bei ungefähr gleich vielen Teilnehmern in jeder Gruppe konnten Corona-Antikörper nachgewiesen werden. Im ÖPNV waren demnach 325 Probanden unterwegs, von denen 12 im Anschluss positiv getestet wurden. Im Individualverkehr waren es 314, von denen 14 positiv waren. Daraus schließen die Autoren, dass das Infektionsrisiko im Alltag mit der Nutzung des ÖPNV nicht steigt.

Corona-Studie zu Bus und Bahn: Gute Nachrichten für KVG-Kunden

„Die Ergebnisse sind eine gute Nachricht für die Stammkunden im ÖPNV, aber auch für die vielen Fahrgäste, die in den letzten Monaten aufgrund eines Unbehagens auf die Nutzung von Bus und Bahn verzichtet haben“, erklärte die Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz und Bremer Senatorin für Mobilität, Maike Schaefer (Grüne).

Kritik an der Corona-Studie in Bus und Bahn: Sind die Ergebnisse aussagekräftig?

Doch es gibt einige Zweifel an der Studie. Die Forscher selbst erklären, sie seien sich bewusst, dass das Risiko einer Corona-Infektion allein im eigenen Auto gleich null ist. Man müsse daher davon ausgehen, dass sich die Erkrankten woanders ansteckten - etwa am Arbeitsplatz. Um diese Frage konkret beantworten zu können, bräuchte man größer angelegte Studien. Dennoch seien sie überzeugt davon, dass Regeln wie Abstandhalten, Maskentragen und Durchlüften sehr gut wirkten und einen großen Beitrag zur Vermeidung von Infektionen mit dem Coronavirus beitrugen.

Neben dem Ort der Ansteckung halten andere Experten außerdem die Zahl der Studienteilnehmer für viel zu gering, als dass die Untersuchung eine Aussagekraft hätte. Denn es wurden nur rund 680 Teilnehmer befragt, 325 davon nutzten den öffentlichen Nahverkehr. Veronika Simon aus der Wissenschaftsredaktion des SWR erklärt: „Für eine vernünftige Statistik ist das viel zu wenig. Denn selbst bei einer hohen Inzidenz von beispielsweise 200 würde man nach den fünf untersuchten Wochen in beiden Gruppe nur einzelne Covid-Fälle erwarten. Bei so kleinen Zahlen kann der Zufall eine riesige Rolle spielen.“

KVG in Kassel erfreut über Studie: „Wir setzen wirksame Schutzkonzepte um“

Die KVG in Kassel zeigt sich nicht überrascht von dem positiven Ergebnis der Studie. Doch auch die Verkehrsgesellschaft ist sich sicher, Voraussetzung für die hohe Sicherheit im öffentlichen Verkehr in Kassel seien Abstand halten, Maske tragen, Durchlüften und die vergleichsweise geringe Auslastung der Fahrzeuge. Auch die Politik hatte zwischenzeitlich noch einmal reagiert um die Sicherheit in Bussen und Bahnen zu erhöhen. So wurde Anfang des Jahres 2021 die Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln noch einmal verschärft. Zusätzlich zu den geltenden Corona-Verordnungen setzt die Verkehrsgesellschaft in Kassel schon seit Beginn der Pandemie auf ein eigenes Maßnahmenpaket. Dazu zählen:

  • Frische Luft: an den Haltestellen werden alle Fahrzeugtüren geöffnet. Zudem versorgen Klimaanlagen die Fahrzeuge regelmäßig mit Frischluft.
  • Regelmäßige Reinigung: Die Fahrzeuge werden zusätzlich zu den regulären Intervallen an allen Endhaltestellen gereinigt.
  • Abtrennung vom Fahrer: Um die Fahrgäste und Fahrer der KVG zusätzlich zu schützen, wurden in allen Bussen Trennscheiben installiert. Auch in allen Bahnen sind die Fahrer durch Trennscheiben oder Kabinen vom Fahrgastraum getrennt.
  • Alternativen: Ist ein Bus oder eine Bahn in Kassel zu voll, können Fahrgäste auf kurzem Weg auf andere Haltestellen und Linien ausweichen. Zusätzlich wurden Regiotrams und Busunternehmen vom NVV beauftragt.

Obwohl aktuell weiterhin deutlich weniger Fahrgäste unterwegs sind, stellt die KVG auch in Zukunft das volle Angebot zur Verfügung und ist täglich mit bis zu 165 Bussen und Bahnen in Kassel und der Region unterwegs. Die Verkehrsgesellschaften in Hessen und Deutschland sind zuversichtlich, dass die positiven Ergebnisse etwas Angst und Verunsicherung vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus von den Fahrgästen nehmen können.

„Wir freuen uns sehr, dass [die Ergebnisse] jetzt auch auf wissenschaftlicher Grundlage, unter Real- statt unter Laborbedingungen oder auf Basis statistischer Berechnungen, bestätigen, dass Fahrgäste beruhigt Bus oder Bahn nutzen können“, so die Pressesprecherin der KVG, Heidi Hamdad. (iwe mit dpa) *fnp.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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