Behandlung auf der Isolierstation

Interview mit dem Leiter der Corona-Station am Klinikum Kassel: „Auch ich hatte am Anfang Angst“

Kassel: Interview mit dem Leiter der Corona-Station am Klinikum
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Leitet die Covid-19-Station am Klinikum: Prof. Frank Schuppert. Er beobachtet, dass häufig auch der Magen-Darm-Trakt der Infizierten betroffen ist. 

Der Leiter der Corona-Station am Klinikum Kassel erzählt über die aktuelle Situation auf den Isolationsstationen und beantwortet Fragen zum Virus. 

  • Das Klinikum Kassel ist koordinierendes Krankenhaus für die Versorgung von Corona-Patienten n der Region
  • Leiter der Corona-Station im Interview
  • So ist die Situation im Klinikum Kassel 

Kassel – Das Klinikum Kassel ist das koordinierende Krankenhaus für die Versorgung von Covid-19-Patienten in der Region. Im Klinikum werden sie auf zwei reinen Isolationsstationen versorgt. Über seine Erfahrungen sprachen wir mit Prof. Dr. Frank Schuppert, Direktor der Klinik für Gastroenterologie Endokrinologie, Diabetologie und Allgemeine Innere Medizin und nun auch zuständig für die Corona-Normalstation.

Prof. Schuppert, wie haben Sie sich vorbereitet, um am Ende nicht Entscheidungen über Leben und Tod treffen zu müssen wie in Italien?

Wir hatten das große Glück in Deutschland, dass wir erst später mit dem Coronavirus konfrontiert wurden als Italien und Spanien. Schon früh hat das Klinikum Kassel eine interne Struktur für die Bewältigung der Covid-19-Pandemie aufgebaut. Ich war von Anfang an dabei, wie immer bei Wellen von Infektionskrankheiten. Völlig klar war, dass wir für die Infizierten eine eigene Station vorhalten müssen. Anfangs hatte ich die Bilder aus Italien im Kopf und die Sorge, wie viele Menschen sich in unserer Region wohl anstecken werden. Die erste Pandemiewelle ist aber nach etwa drei Wochen abgeklungen.

Corona in Kassel: Patienten im Klinikum

Wie viele Patienten sind es aktuell auf Ihrer Station?

Derzeit sind es 15 Patienten. Seit Anfang März haben wir geschätzte 250 Patienten mit Verdacht auf Covid-19 auf der Isolierstation behandelt. Glücklicherweise waren nur etwa 100 Patienten von Covid-19 betroffen. Viele dieser Patienten sind älter, zumeist mit Vorerkrankungen. Wir hatten aber auch jüngere Patienten; der jüngste war 19 Jahre alt. Menschen mit Gefäßerkrankungen scheinen für eine Ansteckung anfälliger zu sein, darauf weisen erste Untersuchungen hin.

Wie viele wurden intensivpflichtig?

Erstaunlich wenige. Überhaupt gibt es in Deutschland deutlich weniger Patienten auf Intensivstationen als in anderen Ländern. Hessen ist bislang glimpflicher davon gekommen, gerade Nordhessen konnte die Pandemie gut bewältigen. Insofern war es uns auch möglich, Patienten aus anderen Ländern und Regionen intensivmedizinisch zu übernehmen und zu behandeln. In den Spitzen waren es am Klinikum 12 bis 14 Patienten zeitgleich auf der Intensivstation.

Corona in Kassel: Symptome der Patienten 

Ab wann sind Infizierte ein Fall fürs Krankenhaus?

Typischerweise unterschätzen Patienten am Anfang die Luftnot, obwohl sie eine niedrige Sauerstoffsättigung haben. Ich möchte sie dazu ermutigen, eher früher als später zu kommen, gerade weil man als Betroffener den eigenen Zustand oft überschätzt. Unsere Erfahrungen zeigen jedoch, dass glücklicherweise viele dieser Patienten Verdachtsfälle bleiben.

Welche Symptome zeigen Ihre Patienten?

Covid-19 ist nicht nur eine Lungenerkrankung. Bei bis zu 40 Prozent unserer Patienten ist auch der Magen-Darm-Trakt betroffen. Häufig haben sie zudem erhöhte Leberwerte, auch der Herzmuskel kann entzündet sein. Hinzu kommt ein Blutgerinnungsproblem. Wir haben festgestellt, dass das Virus fast alle Organsysteme betreffen kann.

Corona in Kassel: Behandlung auf Normalstation

Wie behandeln Sie die Patienten auf der Covid-19-Normalstation?

Bislang gibt es keine überzeugenden Medikamente. Remdesivir kann lebertoxisch sein; auch das Malariamittel ist vom Tisch. Somit bleibt Covid-19 eine potenziell letale Krankheit, die nicht ursächlich behandelbar ist – und wie bei vielen Viruserkrankungen bleibt uns nur die unspezifische Behandlung unserer Patienten. Das heißt, wir tun ihnen Gutes, überwachen, nehmen Blut ab, ermitteln Leberwerte. Fälle, bei denen sich noch eine bakterielle Infektion aufsetzt, werden wie üblich antibiotisch behandelt.

Wie lange sind diese Patienten im Krankenhaus?

Die Verweildauer liegt durchschnittlich bei zwölf bis 14 Tagen. Bevor unsere Patienten verlegt oder entlassen werden, folgen ein bis zwei negative Abstriche.

Wie erleben Sie die Isolation der Patienten, die keinen Besuch empfangen?

Die Situation ist für die Patienten nicht schön, vor allem für jene, die nicht technikaffin sind und keine entsprechenden Kommunikationsmittel nutzen können. Bei den Visiten habe ich schon einige erlebt, die verzweifelt waren. Unser Personal versucht jedoch, auch die psychischen Begleiterscheinungen der Erkrankung und des Aufenthalts im Krankenhaus so gut wie möglich aufzufangen.

Corona in Kassel: Stimmung der Beschäftigten

Wie würden Sie die Stimmung unter den Beschäftigten beschreiben?

Als sehr gut. Die besondere Situation hat das Team noch einmal zusammengeschweißt. Viele Dinge, die vorher problematisch erschienen, werden mit Teamgeist gelöst.

Zu Beginn war die Anspannung größer?

Richtig. Uns trieb natürlich die Angst um, ob die Schutzmaßnamen ausreichen. Wir haben es geschafft, dass sich bislang nur ein einziger Arzt unserer Station bei einem Patienten infiziert hat, und das vermutlich gleich am ersten Tag. Er war danach in häuslicher Quarantäne. Seither hat sich keine Pflegekraft, keine Ärztin und kein Arzt der rund 35 Mitarbeiter unserer Station angesteckt. Unsere Schutzmaßnahmen sind gut – das hat den Kollegen viel von der anfangs diffusen Angst genommen.

Und wie ist es um Ihre eigene bestellt?

Klar, auch ich hatte am Anfang Angst, weil es sich bei Covid-19 um eine nicht ursächlich behandelbare Krankheit handelt. Mit 62 bin ich ja nicht mehr so jung, und je älter man wird, desto höher ist das Risiko, schwerer zu erkranken. Mittlerweile bin ich gelassener.

Corona in Kassel: Aufwendige Kleidung auf Isolierstation

Die Arbeit auf der Isolierstation ist sicher eine ganz andere als auf einer Normalstation?

Total. Allein das aufwendige Verkleiden: Es dauert eine Weile, bis die Schutzkleidung angelegt ist – und das bis zu 15 Mal am Tag. Mit dem Personal der Gastroenterologie allein hätten wir den Corona-Alltag übrigens nicht gestemmt. Glücklicherweise haben sich auch Kolleginnen und Kollegen aus anderen Kliniken unseres Hauses angeboten, uns zu unterstützen.

Was ist mit den Patienten, die nicht an Corona erkrankt sind? Erleben auch Sie in Ihrer Klinik für Gastroenterologie, dass Notfälle aus Angst vor Ansteckung erst spät kommen?

Das haben wir wochenlang beobachtet. Normalerweise haben wir täglich Patienten, die beispielsweise blutige Stühle haben, bei denen ein Tumorverdacht besteht oder aber wegen einer Gallenkolik behandelt werden müssen. Die blieben plötzlich aus. Inzwischen kommen diese Patienten wieder; die Angst vor Ansteckung hat sich offenbar gelegt. Ich kann nur dazu ermuntern, unsere Klinik im Krankheitsfall ohne Sorge aufzusuchen.

Im Klinikum gibt es zwei geschützte Zugangswege mit dem Ziel der strikten Trennung der Covid-19-Patienten von den anderen Patienten. Dank der konsequenten Testung und der Trennung kann jeder Bereich lückenlos überwacht werden. Dies ist der größte Schutz, den ein Krankenhaus aktuell bieten kann.

Corona in Kassel: Prognose 

Wagen Sie eine Prognose, wie es weitergeht?

Mein Bauchgefühl sagte mir vor etwa einer Woche, dass der Kurs in Richtung Normalität etwas zu früh kommt, zumal wir eine Latenzzeit der Fälle von 10 bis 14 Tagen haben. Stand heute bin ich aber optimistischer, dass wir gut durch die Krise kommen. Perspektivisch können wir die Covid-19-Normalstation verkleinern. Es wird aber weiter nötig sein, das Thema im Auge zu behalten. Kliniken müssen, um eine sichere Lösung für Patienten zu haben, längerfristig eine separate Covid-19-Station vorhalten.

Zur Person

Prof. Dr. Frank Schuppert wurde 1957 in Hannover geboren. Er studierte Medizin in Kiel, Würzburg, Paris und den USA. Die Ausbildung zum Internisten, Gastroenterologen und Endokrinologen machte er in Hannover. Seit 2009 leitet er die Klinik für Gastroenterologie, Endokrinologie, Diabetologie & Allgemeine Innere Medizin am Klinikum.

Von Anja Berens

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