Ein Rundgang am Samstagabend nach 22 Uhr

Die große Leere: Eindrücke der ersten Ausgangssperre für Kassel seit dem Zweiten Weltkrieg

Ausgestorben: Auf der Königsstraße waren ab 22 Uhr nur noch sehr wenige Menschen unterwegs. Auch die Bahnen waren ziemlich leer.
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Ausgestorben: Auf der Königsstraße waren ab 22 Uhr nur noch sehr wenige Menschen unterwegs. Auch die Bahnen waren ziemlich leer.

Seit Samstag greift die Corona-Notbremse und auch in Kassel gilt eine Ausgangssperre - die erste seit dem Zweiten Weltkrieg. Ein Rundgang.

Kassel – Vor Corona waren Ausgangssperren nur aus Krisen- und Kriegsgebieten bekannt. So galten am Samstagabend für Kassel die ersten Ausgangsbeschränkungen seit dem Zweiten Weltkrieg. Eine Dokumentation:

21.40 Uhr: Bei der Fahrt durch Wehlheiden und die Südstadt ist noch erstaunlich viel los auf den Straßen. Alle wollen offenbar noch schnell und damit pünktlich vor Beginn der Beschränkungen nach Hause kommen.

22.00 Uhr: Die Ausgangssperre greift. Auf dem Königsplatz treffen sich die Straßenbahnen. In den meisten Bahnen sitzt nicht mehr als ein Dutzend Menschen. Es ist still. So still, dass das Plätschern der in der Dunkelheit sprudelnden Wasserspeier alles andere übertönt. Drei junge Männer ziehen sich in das Foyer der Commerzbank zurück – vermutlich, um vor Blicken möglicher Ordnungshüter verborgen zu bleiben.

22.10 Uhr: Auf der Königsstraße huschen noch vereinzelte Gestalten an den zumeist dunklen Schaufenstern vorbei. Die Einkaufsmeile wirkt gespenstisch, das Surren der Kaufhaus-Klimaanlagen klingt wie der Soundtrack zu einem nächtlichen Thriller. Eine Straßenbahn der Linie 8 fährt vorbei – sie transportiert einen Fahrgast. Von Polizei und Ordnungsamt keine Spur.

Hatte noch geöffnet: Der Betreiber des Kiosks an der Holländischen Straße hatte von der Ausgangssperre offenbar nichts mitbekommen.

22.25 Uhr: Holländische Straße. Es ist nun kaum mehr ein Auto unterwegs. Das Leben muss man suchen. Nur ein kleiner Laden mit internationalen Lebensmitteln hat geöffnet. Darin streitet der Mann an der Kasse mit einer weiteren Person in einer osteuropäischen Sprache. Von der Ausgangssperre haben sie wohl nichts gehört. Nachfragen sind aber nicht erwünscht. Es wird weiter laut gestritten.

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22.38 Uhr: Die sonst so lebhafte Jägerstraße, wo sich Dönerläden und türkische Frisöre wie eine Perlenkette aneinanderreihen, ist ausgestorben. Nur an der Ecke verkauft noch ein türkisches Restaurant Speisen zum Mitnehmen durch ein Fenster. Eigentlich ist ab 22 Uhr nur der Lieferservice erlaubt. Das Haus verlassen darf man bis Mitternacht nur mit Hund, zum Joggen oder Spazieren gehen – und das jeweils auch nur allein. Ab 24 Uhr sind auch diese Ausnahmen tabu. Einzig für den Weg von und zur Arbeit und bei medizinischen Notfällen dürfen die Menschen ihre Häuser bis 5 Uhr morgens verlassen.

22.43 Uhr: Das erste Polizeiauto kreuzt an diesem Abend am Lutherplatz unseren Weg. Der Taxi-Stand am Hauptbahnhof ist verwaist.

22.45 Uhr: Auf der Friedrich-Ebert-Straße ist niemand zu sehen. Dann ein einsamer Spaziergänger. Das Treiben auf der Kneipenmeile wirkt wie eine ferne Erinnerung. Wir halten das Auto mitten auf der Friedrich-Ebert-Straße und machen einen Test. Wann zwingt uns das nächste Fahrzeug zur Weiterfahrt? Nach fünf Minuten brechen wir ab, weil der Rückspiegel Schwarz bleibt.

22.52 Uhr: Der Waschsalon „Waschtreff“ an der Friedrich-Ebert-Straße/Ecke Murhardstraße ist hell erleuchtet und geöffnet. Bis 0 Uhr ist das Waschen dort möglich. Ein Pärchen mit Hund läuft vorbei. Eigentlich dürfte nur einer von beiden den Hund um den Block führen. Offenbar ist ihnen das bewusst, schnell laufen sie weiter.

Nur kurz mit dem Hund raus: Diese Anwohnerin des Bebelplatzes dreht ganz legal mit ihrem Beagle noch eine kleine Runde.

22.55 Uhr: Am Bebelplatz ist die Sperrstunde laut der Uhr an der Haltestelle schon vorbei. Sie zeigt 6.15 Uhr. Eine einsame Anwohnerin ist mit ihrem Beagle draußen. Das Tier ist störrisch und die Dame möchte lieber nicht mit einem Foto und Namen in die Zeitung. „Obwohl ich ja alleine und mit Hund auf die Straße darf“, sagt sie. Um wie viel Uhr die Ausgangssperre begonnen hat, da ist sie sich etwas unsicher: „Um 22 Uhr, oder?“ Und dann: „Es ist ja nicht so einfach in dieser Zeit.“ Aus der Distanz ist ein Foto dann doch in Ordnung.

23.05 Uhr: In der Goetheanlage ist es finster. Mit der Taschenlampe erkunden wir das Feuerlöschbecken mit seinen Basketballkörben. Wo sonst – auch in Corona-Zeiten – häufig viele Jugendliche abends zusammen abhängen, ist niemand zu sehen.

Geisterzüge hielten in Kassel: Am Bahnhof Wilhelmshöhe fuhren zwar alle Bahnen nach Fahrplan, aber kaum jemand stieg aus oder ein.

23.07 Uhr: Am Wilhelmshöher Bahnhof wartet der 500er-Bus vergeblich auf Fahrgäste. Er fährt leer ab. Vermutlich wird es für den Fahrer eine einsame Fahrt nach Bad Wildungen. Am Taxi-Stand ergeht es den Fahrern nicht anders. Nur eine Handvoll ist überhaupt gekommen. Ein braun gebranntes Rentnerpaar verlässt mit Rollkoffern den Bahnhof. Er trägt kurze Hosen. Sie stürzen in das erste Taxi in der Reihe. Eigentlich dürften sie nicht mehr unterwegs sein. Für touristische Zwecke ist das Brechen der Ausgangssperre nämlich laut Landesregierung nicht erlaubt.

23.12 Uhr: Im Bahnhof herrscht Leere. Es sind zwar elf Züge bis 1.30 Uhr angekündigt. Aber offenbar steigt fast niemand aus.

Weiß nicht mehr weiter: Taxi-Fahrer Houssein hatte am Samstagabend nur einen einzigen Fahrgast. Acht Euro hatte er gegen Mitternacht eingenommen.

23.20 Uhr: Zurück am Taxi-Stand bestätigen die Taxi-Fahrer das Bild. Fahrer Houssein wartet seit fast vier Stunden darauf, dass ein Kunde seine Dienste benötigt. Seine Schicht hat um 18 Uhr begonnen. Er hat seitdem nur einen Fahrgast vom Klinikum nach Wolfsanger gebracht. „Acht Euro habe ich bisher eingenommen. Wie soll ich davon meine Frau und meinen Sohn ernähren“, fragt er. Er macht sich keine Hoffnungen, dass in dieser Nacht noch ein Fahrgast bei ihm einsteigt. Die anderen Fahrer auch nicht. Für die nächsten Tage sind ihre Befürchtungen ähnlich düster.

23.30 Uhr: Ein aufgemotzter Golf mit osteuropäischem Nummernschild rast mit hoher Geschwindigkeit über die Schönfelder Straße in Richtung Wehlheider Kreuz. In der Kurve trägt es ihn in den Gegenverkehr. Dicht dahinter ein Polizeiwagen. Eine Verfolgungsjagd. Die Polizei wird den Raser nicht fassen, wie sie am nächsten Tag mitteilen wird.

Ansonsten ist man bei der Kasseler Polizei aber zufrieden mit dem ersten Abend der Ausgangssperre: „Die Menschen haben sich an die Beschränkungen gehalten. Es hat aber verstärkt Anrufe bei uns gegeben, weil die Leute verunsichert waren, was nun erlaubt ist und was nicht“, so ein Polizeisprecher. Ein Anrufer wollte wissen, ob man Schwangere ins Krankenhaus fahren darf. Das geht natürlich. (Bastian Ludwig)

Informationen zur aktuellen Corona-Lage in der Region Kassel gibt es in unserem News-Ticker.

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