Interview

Corona - Bundestagsabgeordneter: "Die Menschen zählen darauf, dass wir die Krise abmildern"

+
SPD-Bundestagsabgeordneter Timon Gremmels

Kassel: Der SPD-Bundestagsabgeordnete Timon Gremmels erklärt, wie sich die Arbeit im Bundestag wegen der Corona-Krise verändert hat.

Kassel – Nach zehn Tagen im Homeoffice hat der SPD-Bundestagsabgeordnete Timon Gremmels sein Zuhause in Niestetal bei Kassel wieder verlassen. Der 44-Jährige ist zur Sitzungswoche nach Berlin gereist. Kritiker fragen: Muss das sein? Im Interview erklärt Gremmels, warum nur so die Hilfe für die Opfer der Coronakrise auf den Weg gebracht werden kann.

Herr Gremmels, wie geht es Ihnen?

Persönlich geht es mir gut. Auch meine Eltern, meine Schwester und ihre Kinder sind fit. Ich war jetzt seit zehn Tagen im Homeoffice in Niestetal und habe das Wochenende durchgearbeitet. Man ist kein Schönwetterabgeordneter, sondern auch in schweren Zeiten für die Bürger da. Mit meinem Team besprechen wir uns jeden Morgen zu viert per Videokonferenz. Dazu kommen jede Menge Telefonkonferenzen. Und auch alle Bürgerfragen beantworte ich von zuhause aus.

Was wollen die Menschen von Ihnen wissen?

Das ist ganz unterschiedlich. Es melden sich viele Menschen, die Angst vor dem Jobverlust haben, und Selbstständige mit Existenzängsten. Beiden Gruppen werden wir helfen – mit einem verbesserten Kurzarbeitergeld und einem 50-Milliarden-Zuschussprogramm für Selbstständige, damit keiner ins Bodenlose fällt. Ein junger Mann, dem ich durch ein Austauschprogramm einen Job in den USA vermittelt hatte, wurde plötzlich ausgeflogen. Er hatte nicht einmal eine Krankenversicherung. Um ihn habe ich mich ebenso gekümmert wie um ein Ehepaar, das mit dem Wohnwagen in Spanien war und wissen wollte, ob es überhaupt noch über Frankreich nach Hause fahren kann.

SPD-Bundestagsabgeordneter Timon Gremmels

Geht das?

Ja, man braucht dazu aber eine Bescheinigung des Auswärtigen Amtes. Zwischendurch hatte ich auch noch Zeit, die Schranktür zu reparieren, die seit einem halben Jahr geklemmt hat.

Seit Montagabend sind Sie wieder in Berlin. Einer Ihrer Fraktionskollegen hat kritisiert, dass die Sitzungswoche stattfindet. „Wir lassen die Abgeordneten quer durchs Land reisen. Das kann man keinem erklären“, sagte er. Warum müssen 700 Abgeordnete zusammenkommen, während alle anderen zuhause bleiben sollen?

Weil wir sonst die Hilfe für die Menschen nicht auf den Weg bringen könnten. Dazu brauchen wir die Kanzlermehrheit von 355 Abgeordneten. Ich kann nicht von einer Kassiererin verlangen, dass sie mit 12 000 Menschen am Tag Kontakt hat, und mich dann als Abgeordneter verstecken. Die Menschen zählen darauf, dass wir die Krise abmildern. Es kommen auch nur die gesunden Abgeordneten. Und in meinem Büro bin ich allein. Meine Mitarbeiter arbeiten von daheim.

Was wird bei der heutigen Sitzung im Bundestag anders sein als sonst?

Wir werden überall auf den nötigen Abstand achten. Es wird auch nicht jeder Platz im Plenarsaal besetzt sein. Einige Abgeordnete werden auf der freien Besuchertribüne sitzen. Zum Teil werden die Reden aus dem Büro verfolgt. Die namentlichen Abstimmungen finden in der Lobby statt, damit es kein Gedränge gibt, wie es sonst der Fall ist. Es rächt sich jetzt, dass es im Bundestag anders als in vielen anderen Parlamenten kein elektronisches Abstimmungsverfahren gibt. Das parlamentarische System ist auf so etwas wie Corona nicht besonders gut vorbereitet.

Sie sind im Wirtschafts- und Petitionsausschuss. Finden die Sitzungen statt?

Nein, es tagen nur die Ausschüsse, die zwingend notwendig sind.

Welche Themen und Anträge, die eigentlich wichtig wären, müssen jetzt zurückstehen, weil die Eindämmung der Seuche Vorrang hat?

In meinem Bereich sollte diese Woche das Geologiedatengesetz verabschiedet werden, das wichtig ist für die Suche nach einem Atommüllendlager. Zudem hätte es in der Koalition Gespräche zur Abschaffung des Solardeckels geben sollen, damit wir den Ausbau von Photovoltaik vorantreiben können. Alles abgesetzt. Ich hoffe, dass wir das Ende April behandeln werden.

Setzen Sie sich als leidenschaftlicher Bahnfahrer auch in diesen Tagen wieder in den ICE?

Nein, ich bin das erste Mal in meiner Amtszeit mit dem Auto nach Berlin gefahren. Immerhin waren die Straßen frei. Die Gefriertruhe in meiner Hauptstadtwohnung habe ich vorige Woche vollgemacht. Das reicht für einige Tage. Andere Bundestagsabgeordnete leben im Hotel, wenn sie in Berlin sind. Das ist jetzt ein Nachteil. Im Plenarsaal gibt es aber Sofas. Zur Not kann man dort auch schlafen. Die 700 Meter von meiner Wohnung zum Bundestag gehe ich zu Fuß.

Die Corona-Krise ist überall spürbar: auch im Bundestag (Symbolbild).

Sie sind auch in Niestetal mal rausgegangen?

Natürlich. Spaziergänge sind wichtig in dieser Zeit. Ich war auch einkaufen. Trotzdem ist es eine ganz schöne Herausforderung, so ausgebremst zu werden. Voriges Jahr war ich auf Dienstreisen in 14 Ländern. Und jetzt soll man zuhause bleiben. Da denkt man schon darüber nach, was anders werden muss. Ich habe mir in der vergangenen Woche eine Liste für die Zeit nach der Krise gemacht.

Was steht da ganz oben?

Der Ausbau des schnellen Internets, damit Homeoffice überall möglich ist. Wir sollten auch in der Lage sein, Medikamente und Schutzmasken in Europa herzustellen. Ganz oben steht aber eine bessere Bezahlung der wahren ‚systemrelevanten Berufe’ wie des Krankenhauspersonals und der Supermarktkassiererin.

Haben Sie nach Ihren zahlreichen Videokonferenzen schon die schönste Bücherwand gekürt, wie Sie auf Twitter scherzhaft angekündigt hatten?

(lacht) Nein, noch ist die Challenge ja nicht vorbei. Aber der Frankfurter SPD-Landtagsabgeordnete Gernot Grumbach hat schon eine beeindruckende Bibliothek. Auch in schwierigen Zeiten wie jetzt muss es Humor geben. Was uns die Krise aber jetzt schon lehrt: Wir können unseren Alltag ändern und die Menschen um uns herum unterstützen. 

Ich habe zum Beispiel ein Buch in der Buchhandlung in Kassel bestellt. Zwei Tage später war es im Briefkasten. Die Karten für Konzerte und Theatervorstellungen habe ich nicht zurückverlangt, um die Künstler zu unterstützen. Bislang hat jeder nur auf sich selbst geschaut. Nun können wir beweisen, dass wir soziale Wesen sind.

Von Matthias Lohr

Video - Trittin kritisiert: Bundestag schlecht auf Home-Office vorbereitet

Die neuesten Entwicklungen zu Corona in Kassel gibt es im News-Ticker - unter anderem: Aufgrund der Coronakrise in Kassel geraten Firmen, Selbstständige und Privatpersonen in finanzielle Nöte. Die Banken in der Region reagieren nun.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.