Für Erhalt der Kasseler Szene

Corona: Club-Betreiber demonstrieren in Kassel - Hunderte auf den Straßen

Corona: Demo der Club-Betreiber in Kassel
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Hunderte haben am Samstag (26.09.2020) zum zweiten Mal in Kassel demonstriert, um die Stadt aufzufordern die Club-Betreiber in der Corona-Krise zu unterstützen.

In Kassel sind hunderte Menschen auf die Straße gegangen, um für den Erhalt der Club-Szene zu demonstrieren. Grund sind die coronabedingten Schließungen und die fehlende finanzielle Unterstützung.

Update vom Samstag, 26.08.2020, 16.30 Uhr: In Kassel findet die zweite Demo von Club-Betreibern für den Erhalt der Club- und Kulturszene der Stadt statt. Los ging es gegen um 15.20 Uhr am Kasseler Hauptbahnhof. Mit dabei ist die Berliner Techno-Legende Westbam. Mehrere Hundert Menschen sind auf den Straßen unterwegs und ziehen laut durch die Kasseler Fußgängerzone - trotz des schlechten Wetters.

Die Demonstrierenden fordern einen Dialog mit der Stadt Kassel, damit die Clubs unter Hygiene-Auflagen wieder öffnen können. „Es hängen Existenzen an den Clubs und der ganzen Eventbranche“, sagt Mitorganisator Christian Gherhard. Es gehe um mehr als nur um das Feiern.

Club-Demo in Kassel: Demonstrierende halten sich an Corona-Auflagen

Vor allem junge Menschen sind unter den Demonstrierenden - aber nicht nur. Viele haben Schilder auf die Demo in Kassel mitgebracht. Auf ihnen sind Aufforderungen wie „Save the Rave“ und „Lasst uns wieder raven" zu lesen. Die Teilnehmenden der Demonstration tragen Mund-Nasen-Schutz, berichten Beobachter vor Ort. Die Passanten tanzen teilweise mit.

Gegen 17.45 Uhr wird Techno-Legende Westbam aus Berlin, der für die Club-Demo in Kassel vor Ort ist, auflegen. Dann soll die Demo die Friedrich-Ebert-Straße erreicht haben.

Club-Demo in Kassel: Läden wegen der Pandemie geschlossen

Erstmeldung vom Mittwoch, 23.09.2020, 18.00 Uhr: Kassel – Ohne Corona wären Cristian Gherhard und Calvin Beisheim womöglich längst Party-Könige von Kassel. Im April wollte das Duo in der ehemaligen Spielothek an der Friedrich-Ebert-Straße seinen Techno-Club Grauzone eröffnen. Wegen der Pandemie ist der Laden immer noch dicht. Gherhard weiß nicht, ob dort jemals getanzt wird, und warnt: „Es könnte sein, dass es nächstes Jahr gar keinen Club mehr in Kassel gibt.“

Um das zu verhindern, gehen die Grauzonen-Macher am Samstag mit anderen Club-Betreibern zum zweiten Mal auf die Straße. Bereits Ende August zogen 500 Teilnehmer unter dem Motto „Save the Scene“ durch die Innenstadt. Diesmal könnten es noch mehr werden, die die Szene retten wollen, denn Mitorganisator Steve Turn vom Kleinen Onkel hat prominente Unterstützung organisiert. Aus Berlin kommt Techno-Legende Westbam nach Kassel. Maximilian Lenz, wie der 55-Jährige eigentlich heißt, gilt als Philosoph unter den DJs und war schon 1989 bei der ersten Loveparade dabei.

Während vielerorts illegal gefeiert wird, müssen Clubs zu bleiben: Bereits im August protestierten 500 Menschen für den Erhalt der Club- und Kulturszene.

Am Samstag wird er auf einem von drei Trucks auflegen und sicher auch aus Berlin berichten, wo es Clubs ermöglicht wird, draußen Veranstaltungen zu organisieren. Derlei Unterstützung vermissen die Betreiber in Kassel. „Es wird mir verboten, Geld zu verdienen“, sagt Turn, der gar nicht gegen die Corona-Maßnahmen ist, sich aber fragt, warum in seinem Kleinen Onkel in der Nordstadt noch nicht einmal einige, wenige Besucher dürfen, während viele ICE-Züge überfüllt sind.

Ähnliche Klagen hört man nicht nur in Kassel, sondern im ganzen Bundesland. Darum plädiert Julius Wagner, hessischer Geschäftsführer des Hotel- und Gastronomieverbands Dehoga, gegenüber der HNA für eine vorsichtige Abkehr „von der totalen Null-Risiko-Politik“. Vor allem in Frankfurt gäbe es viele illegale Clubs und Partys: „Wäre es daher nicht besser, Clubs mit professionellen Hygienekonzepten und Einlassbeschränkungen wieder zu öffnen?“

Calvin Beisheim hat festgestellt, dass sich auch im Kasseler Nachtleben viele nicht an die Regeln halten: „Es wird überall gefeiert, nur nicht bei uns.“ Mit Geschäftspartner Gherhard überlegt der 22-Jährige nun, ob aus ihrem Grauzone-Club vorerst nicht eine Bar werden könnte.

Beide hoffen, dass Hessen anderen Bundesländern folgt. In Sachsen-Anhalt etwa dürfen Clubs und Discos ab 1. November wieder öffnen – mit 60 Prozent der maximal zugelassenen Besucherzahl. Der Protest der Kasseler Club-Betreiber wird in jedem Fall weitergehen. „Wir ziehen das so lange durch, bis wir Hilfe kriegen oder sterben“, verspricht Gherhard. » 

Auch Ingo Zitzelsberger wird am Samstag für den Erhalt der Club- und Kulturszene demonstrieren. Der Geschäftsführer des A7 betreibt die einzige Großraumdisco Kassels. Früher amüsierten sich dort bis zu 2000 Besucher gleichzeitig. Laut Zitzelsberger könnte man jetzt trotz Corona 800 Gäste hineinlassen: „Mit dem Messen der Temperatur, Gästeregistrierung und der Lüftungsanlage wäre bestimmt eine Möglichkeit gegeben.“ Bislang gab es jedoch kein Gespräch mit der Stadt.

„Wenn sich die Situation nicht bessert, wird es nächsten Sommer mindestens die Hälfte aller Clubs nicht mehr geben“, prophezeit Zitzelsberger: „Für viele ist jetzt schon Schluss.“ Dass die Stadt für die Läden auf der Friedrich-Ebert-Straße die Feiermeile samstags sperrt, empfindet er als Wettbewerbsverzerrung: „Die Politiker interessieren sich augenscheinlich nicht wirklich für unsere Branche.“

Karl Börries wiederum wird Samstag nicht demonstrieren. Dabei leidet auch er unter den Corona-Maßnahmen. Zwar darf in seinem Club 22 Bar-Betrieb stattfinden. Aber das York ist wie alle anderen Discos zu. Im Rathaus hat er ein Konzept eingereicht, darauf jedoch noch keine Antwort erhalten.

Die Pandemie erinnert ihn ein bisschen an die Prohibition in den USA vor 100 Jahren. Als Alkohol verboten war, sei mehr getrunken worden als sonst. „Und jetzt wird mehr gefeiert, als erlaubt ist“, sagt Börries. (Matthias Lohr)

Die Demo zum Erhalt der Club- und Kulturszene startet am Samstag, 15 Uhr, vor dem Kulturbahnhof.

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