„Wer schreit, hat schon verloren“

Expertin erklärt Verschwörungsideologien in der Corona-Pandemie: So redet man mit Anhängern

Radikale Impfgegner und Aluhutträger: Auch bei Corona-Demos in Kassel trifft man Anhänger von Verschwörungsideologien – wie im Mai 2020 auf dem Königsplatz.
+
Radikale Impfgegner und Aluhutträger: Auch bei Corona-Demos in Kassel trifft man Anhänger von Verschwörungsideologien – wie im Mai 2020 auf dem Königsplatz.

Praktisch jeder kennt jemanden, der Corona leugnet oder an Verschwörungen glaubt. Wie reagiert man darauf? Eine Expertin gibt Tipps.

Kassel – Wie soll ich mich verhalten, wenn Freunde und Bekannte in die Welten von Corona-Leugnern oder Reichsbürgern abtauchen? Diese Frage will eine neue Broschüre des Mobilen Beratungsteams gegen Rechtsextremismus und Rassismus mit dem Titel „Verschwörungsideologien – Hype oder Gefahr?“ beantworten. Wir sprachen mit Charlotte Grau, die das Heft konzipiert hat.

An wen richtet sich die Broschüre?
An alle, die mit Menschen zu tun haben, die an Verschwörungsideologien glauben. Ich kenne niemanden, der in seinem Bekannten- und Verwandtenkreis nicht jemanden kennt, um den er sich Sorgen macht. Also richtet sich die Broschüre an alle.
Viele fühlen sich ohnmächtig, wenn Freunde nur noch in Telegram-Gruppen zuhause sind.
Ja, viele haben das Gefühl, nicht mehr an die Menschen ranzukommen. Nicht nur wegen dieses Ohnmachtsgefühls sind das sehr emotionale Konflikte. Häufig fühlen sich die Leute allein. Und sie scheuen sich, Hilfe zu suchen.
Fühlen sich diejenigen, die an Verschwörungen glauben, nicht auch allein?
Die bewegen sich eher in Online-Communitys, die ihnen das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Sie sehen sich in einer Position, in der sie etwas verstanden haben, das die anderen, die sogenannten Schlafschafe, nicht erkennen. Das wertet die eigene Gruppe auf. So kriegen diese Menschen die Kontrolle über ihr Leben zurück.
Laut einer Studie ist der Anteil der Menschen, die eine Verschwörungsmentalität aufweisen, von 31 Prozent im Jahr 2018 auf 38 Prozent 2020 gestiegen. Wieso sind Verschwörungen schon vor Corona so attraktiv geworden?
Verschwörungsideologien sind Jahrhunderte lang verankert in der Gesellschaft. Unsicherheiten und Ambivalenzen können dazu führen, dass Menschen sich zu ihnen hingezogen fühlen. Das kann etwa die Migrationsbewegung sein, die für viele das Gefühl erzeugte, ihnen würde etwas weggenommen. Rechtspopulisten nutzen gezielt Elemente von Verschwörungsideologien. Auf komplexe Fragen finden sie simplifizierte Antworten, teilen die Welt in Gut und Böse auf und schaffen Feindbilder. Letztlich bringen Verschwörungsideologien den Gläubigen Sicherheit und Halt zurück. Dies ist ein Bedürfnis, das schon vor Corona erfüllt werden musste.
Wer ist besonders anfällig?
Das geht quer durch alle Gesellschaftsschichten. Auch Bildung ist nicht unbedingt ein Indikator. Selbst Menschen, die studiert haben, sind anfällig und ignorieren Fakten-Checks.
Was kann ich machen, wenn Freunde und Verwandte in Verschwörungswelten abtauchen?
Man sollte gegenüber der Person immer wertschätzend sein. Kritisiert werden sollte nur die Ideologie – vor allem wenn es um rassistische, demokratiefeindliche und antisemitische Verschwörungen geht. Man kann etwa sagen: „Es scheint dir nicht gut zu gehen.“ Oder: „Gut, dass du so kritisch bist. Warum bist du nicht auch hier kritisch?“ Beim Mobilen Beratungsteam und anderen Einrichtungen gibt es Ansprechpartner, mit denen man Strategien entwickeln kann. Es geht aber nie darum, die andere Person zu überzeugen. Sie kann sich nur selbst überzeugen. Es geht also um einen Anstoß zur Selbstreflexion. Dies kann ein jahrelanger und schmerzhafter Prozess sein. Unter Umständen muss man sich selbst schützen, sich zurückziehen und sagen: „Melde dich, wenn du Lust hast zu reden.“
Diskussionen mit Anhängern von Verschwörungsideologien sind mitunter schwierig. Wie kann man mit ihnen reden?
Diese Diskussionen sind oft hitzig, weil Kritiker an dem Weltbild des Gegenübers rütteln. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es schwerfällt, ruhig zu bleiben. Man verzettelt sich leicht. Trotzdem muss man ruhig bleiben: Wer schreit, hat schon verloren.
Sollte man die Verschwörungen einem gemeinsamen Fakten-Check unterziehen?
Ja, aber an einem Abend reicht meist ein Thema. Man sollte nicht zwischen vielen Themen springen, wie es Verschwörungsanhänger gern tun. Sinnvoll ist es, offene Fragen zu stellen. Also etwa: Warum glaubst du das? Geschlossene Fragen klingen meist vorwurfsvoll. Und man darf sich nicht dazu verleiten lassen, einfache Antworten zu geben. Für komplexe Probleme taugen unterkomplexe Erklärungsmuster nicht.
Kassel hat im März Schlagzeilen gemacht durch eine große Anti-Corona-Demo. Ist die Stadt eine Hochburg von Verschwörungsanhängern?
Nein, ähnliche Strukturen gibt es in ganz Deutschland. Logistisch spricht einiges für Kassel, weil die Stadt in der Mitte von Deutschland liegt. Am 20. März fiel auf, dass die Freien Bürger Kassel noch keine Erfahrung bei der Veranstaltung von großen Demonstrationen hatten. Es liegt daher nahe, dass sie Unterstützung von geübteren Gruppen hatten, beispielsweise der „Querdenker“-Gruppe, die sich aber lieber im Hintergrund gehalten haben. So musste die Veranstaltung nicht unter dem mittlerweile gebrandmarkten Label der „Querdenker“ stattfinden.
Die Pandemie wird hoffentlich bald vorbei sein. Wie könnte die Spaltung der Gesellschaft, von der oft die Rede ist, nach Corona überwunden werden?
So banal es klingt: Alle Seiten müssen weiter offen für den Dialog sein. Ausgrenzen hilft nicht. Man muss die Nöte der Menschen wahrnehmen und aufzeigen, dass Form der Kritik verfehlt ist, nicht nur im Kontext der Pandemie. (Matthias Lohr)

Die kostenlose Broschüre gibt es unter: mbt-hessen.org. Sie wollen keine Nachrichten aus der Stadt verpassen? Dann abonnieren Sie unseren kostenlosen Kassel-Newsletter.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.