Radfahren in Kassel

Fahrrad-Boom wegen Corona: Darum haben die Händler nichts davon

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Führt Kunden per Videoanruf durch das Geschäft: Radhändler René Wehnhardt von Mauers Baikschopp.

Wegen Corona fahren immer mehr Menschen Rad, doch die Fahrrad-Geschäfte in Kassel machen bis zu 90 Prozent Umsatzminus. Anders als in Berlin gelten sie nicht als systemrelevant. 

  • Das Coronavirus wirkt sich stark auf den Alltag in Kassel aus.
  • Wegen der Krise fahren immer mehr Menschen Fahrrad.
  • Trotzdem mache die Händler inKassel ein großes Minus im Umsatz.

In Corona-Zeiten ist das Fahrrad das Fortbewegungsmittel der Stunde: Man hält automatisch Abstand zu seinen Mitmenschen und bewegt sich an der frischen Luft. Auch deshalb waren die Radwege der Region am Sonntag so voll wie vielleicht noch nie. Warum profitieren die Radhändler in Kassel davon nicht?

Corona in Kassel: So geht es den heimischen Fahrrad-Händlern

Normalerweise wäre bei Mauers Baikschopp gestern kein Durchkommen gewesen. „Nach einem sonnigen Wochenende sind montags 20 Kunden gleichzeitig im Laden“, sagt Betreiber René Wehnhardt. Wegen Corona kommt man derzeit jedoch überhaupt nicht in seinen Radladen in Bettenhausen.

Während Konkurrenten etwa in Berlin ganz normal geöffnet haben, weil das Fahrrad dort als systemrelevant eingestuft wurde, dürfen in Hessen nur Werkstätten Kunden bedienen. Wehnhardt klagt jedoch nicht über den Föderalismus, sondern macht das Beste draus. Seine 20 Angestellten, die nun im Schichtdienst arbeiten, führen die Kunden per WhatsApp-Video-Anruf durch das Geschäft. 

Gefällt ein Rad, wird es nach Hause geliefert. „Wir müssen so arbeiten, um uns am Leben zu halten. Allein mit der Werkstatt ginge das nicht“, sagt Wehnhardt, der jeden Morgen die Temperatur seiner Mitarbeiter misst.

Fahrrad fahren in Kassel: Händler liefern wegen Corona nach Hause

Auch Fahrrad Neddermann liefert nun nach Hause, wenn die Kunden online bestellt haben. Trotzdem sind 90 Prozent des Umsatzes weggebrochen, wie Inhaber Phil Neddermann vorrechnet. Er muss nun die Rechnungen für die neuen Modelle bezahlen, die im Laden keine Käufer finden: „Drei Monate können wir das vielleicht ertragen. Darüber hinaus geht es an die Existenz.“ 

Seine Hoffnung liegt in der zweiten Jahreshälfte: Womöglich machen die Menschen wegen Corona dann verstärkt in der Region Urlaub, fahren dabei Rad und kaufen sich schließlich ein neues Modell. Vielleicht kann 2020 jedoch auch niemand mehr Urlaub machen.

Corona in Kassel: Das sagt die Fahrrad-Kette

In diesen Tagen wollte Christian Morgenroth groß feiern. In Wiesbaden hätte der Mitgründer der Kette Lucky Bike seine 29. Filiale eröffnet. Das musste er nun verschieben. Die anderen 28 Geschäfte sind ebenfalls geschlossen, auch der Laden in der Holländischen Straße. Dabei ist der April „mit Abstand der stärkste Monat“, klagt Morgenroth, der trotzdem etwas Gutes tun wollte.

An Helden des Alltags verschenkt Lucky Bike 112 Trekkingräder. Pfleger, Kassiererinnen und andere „Stützen der Gesellschaft“ können sich auf lucky-bike.de für eines der 500 Euro teuren Adler-Modelle bewerben. Morgenroth garantiert, dass „in jeder Filiale mindestens ein Rad verteilt wird“.

Corona in Kassel: So geht es dem Fahrrad-Verleihservice Nextbike

Vielleicht wirdKassel durch Corona zur Fahrradstadt. Während der Radverleih Nextbike in den ersten beiden Märzwochen bundesweit 25 Prozent weniger Fahrten verzeichnete, war der Rückgang in Kassel nur marginal, wie man beim Betreiber in Leipzig überraschend festgestellt hat. Insgesamt wurden hier im März laut einer Sprecherin ein Viertel mehr Räder ausgeliehen als im Vorjahresmonat. 

Mit 600 Ausleihen war vorgestern der stärkste Tag des Jahres. Zudem gibt es in Kassel, wo die Räder wie in allen mehr als 60 Nextbike-Städten täglich desinfiziert werden, zahlreiche Neuregistrierungen.

In einem Punkt hinkt Kassel allerdings hinterher. In Berlin und weiteren 15 Städten sind die ersten 30 Minuten jeder Fahrt kostenlos. Bezahlt wird die halbe Stunde von der Stadt. In Kassel gibt es das noch nicht. Im Rathaus wusste man bislang nicht, dass dies nun möglich ist.

Von Matthias Lohr

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