Spielfilm über die Otto-Muehl-Sekte

Filmdreh unter Corona-Quarantäne: Zahlreiche Stars fünf Wochen auf Gut Kragenhof

Schauspieler Leo Altaras beim Dreh vor dem Gloria-Kino in Kassel
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Schauspieler Leo Altaras beim Dreh vor dem Gloria-Kino in Kassel

Das Gut Kragenhof ist bekannt für Biobrot und beliebt bei Hochzeitspaaren. Nun fand auf der Fulda-Halbinsel ein ungewöhnlicher Filmdreh mit zahlreichen Stars unter Quarantäne statt.

Kassel – Als Christopher Roth am Mittwoch zum ersten Mal seit fünf Wochen Gut Kragenhof verlässt, fühlt er sich „wie im Rausch“. So sagt es der Berliner Regisseur, als er am Kasseler Gloria-Kino die letzte Szene für seinen Spielfilm über die Otto-Muehl-Sekte aufnimmt. Seit Ende August hat er mit mehr als 50 Schauspielern, Technikern und Helfern auf der Fulda-Halbinsel gedreht. Wegen Corona waren alle in Quarantäne. Nicht nur Hauptdarsteller Leo Altaras empfand den Dreh als „großes Geschenk“. Wir stellen die ungewöhnliche Kino-Produktion vor.

Die Otto-Muehl-Sekte

Was für andere die Hölle war, war für Jeanne Tremsal einst das Paradies. Zwölf Jahre lang lebte die Schauspielerin als Kind in der Kommune des Aktionskünstlers Otto Muehl auf dem Friedrichshof im Burgenland. Der Österreicher propagierte ein radikales Gegenmodell zur bürgerlichen Spießigkeit, schaffte Zweierbeziehungen und Privatbesitz ab und zeugte elf Kinder mit mehreren Frauen.

Doch dann entpuppte sich der Prophet als diktatorischer Sektenführer. 1991 wurde er wegen Kindesmissbrauchs und Drogendelikten zu sieben Jahren Haft verurteilt. Erst wenige Jahre vor seinem Tod 2013 entschuldigte er sich erstmals für seine Taten.

Die Französin Tremsal sah Muehl lange als „Vaterfigur und große Liebe in meinem Leben. Erst später sah ich, was er uns angetan hat.“ Davon handelt der Film, für den die 43-Jährige mit Regisseur Roth das Drehbuch schrieb.

Der Film

Muehl wird im Film nur „Otto“ genannt und von Clemens Schick gespielt, der schon im James-Bond-Klassiker „Casino Royale“ mitwirkte. Erzählt wird die Geschichte aus Sicht zweier Kinder. Jana McKinnon, demnächst als Christina F. Hauptfigur in der Amazon-Serie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, ist als Jeanne zu sehen. Leo Altaras spielt Jan und Tremsal ihre eigene Mutter. Dafür hat sie sich eigens die Haare abgeschnitten – wie es einst alle Erwachsenen in der Muehl-Sekte tun mussten. Das sollte zeigen, „dass man sämtliche Schönheitsideale über Bord wirft“, wie Tremsal sagt. Weitere Stars der von der hessischen Filmförderung finanzierten HR-Koproduktion, die noch keinen Namen hat, sind Hanns Zischler, Julia Hummer und Steffen Wink.

Gut Kragenhof

Als möglichen Drehort schauten sich die Produzenten mehrere Höfe in der Region an – etwa Gut Waitzrodt bei Immenhausen, wo schon die Pferde-Saga „Ostwind“ entstanden ist. Dann entdeckten die Filmleute aus Berlin Gut Kragenhof. Julian Merz, der mit seiner aus drei Generationen bestehenden Familie hier eine Biobäckerei, eine Veranstaltungsstätte und einen Schulungsort betreibt, sagte mit seinen Geschwistern sofort zu. „Wir stehen Neuem immer offen gegenüber“, sagt der 36-Jährige, für den der Dreh auch eine finanzielle Absicherung in schwierigen Zeiten bedeutete: „Wegen Corona hatten wir ein komplettes Nulljahr.“

Vom Filmteam waren die 14 Familienmitglieder ebenso begeistert wie der Regisseur vom Drehort. „Ich wusste gar nicht, dass Hessen so schön ist“, sagt Roth: „Dort war es fast wie im Regenwald.“ Im Film, der nächstes Jahr in die Kinos kommen soll, liegt der Friedrichshof aus dem Burgenland nun auf einer fiktiven Insel.

Der Dreh

Normalerweise drehen Filmteams gern in der Nähe von Metropolen. Doch wegen Corona war die abgeschiedene Lage der Fulda-Halbinsel plötzlich ein Pluspunkt. Fünf Wochen lang durfte die Crew Gut Kragenhof nicht verlassen. Jeder Schauspieler schlief in einem der 40-Ein-Personen-Zelte, die auf der Wiese aufgebaut wurden, oder in Gästezimmern.

Der Chefarzt des Kasseler Klinikums, der Virologe Dr. Marcus Thomé, sorgte dafür, dass alle drei Tage auf Corona getestet wurde – auch die wechselnden Statisten sowie die Mitglieder der Familie Merz, die hin und wieder eben doch in die Stadt mussten. „Ein positives Ergebnis wäre der Super-Gau gewesen“, sagt Julian Merz. Bis zum Ende blieben alle gesund. Und zwar auch deshalb weil die Backstube nachts betrieben wurde, sodass es keine Kontakte mit dem Filmteam gab.

Hauptdarsteller Altaras, dessen Mutter Adriana gerade die Rossini-Oper „La Cenerentola“ am Kasseler Staatstheater inszeniert, hatte nicht einmal das Gefühl, dass es zu einem Lagerkoller kommen könnte: „Man hatte genug Zeit, sich zurückzuziehen. Zudem habe ich für meine Rolle Reiten gelernt.“

Dass die letzte Szene im Gloria-Kino gedreht wurde, lag an einem Zufall. Bereits im Juni waren Regisseur Roth und Tremsal dort vorbeigefahren und sofort begeistert. „Das Kino ist wahnsinnig schön“, sagt Roth. Dort wird nächstes Jahr wohl auch sein Film zu sehen sein.

Für Familie Merz könnte der erste Filmdreh nicht der letzte gewesen sein. Die Produktionsfirma Arden Film plant derzeit einen Spielfilm über ein syrisches Flüchtlingslager. Es ist nicht auszuschließen, dass dafür ebenfalls auf Gut Kragenhof gedreht wird.

Von Matthias Lohr

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