Aufklärungsgespräche dauern lange

Verunsicherung bei Astrazeneca verständlich: Hausarzt fordert bessere Risikokommunikation

Nach den Thrombose-Fällen und der Neubewertung der Ständigen Impfkommission, den Impfstoff von Astrazeneca in Deutschland nur noch über 60-Jährigen zu impfen, herrscht große Verunsicherung - ein Hausarzt aus Kassel schildert seine Erfahrungen.
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Nach den Thrombose-Fällen und der Neubewertung der Ständigen Impfkommission, den Impfstoff von Astrazeneca in Deutschland nur noch über 60-Jährigen zu impfen, herrscht große Verunsicherung - ein Hausarzt aus Kassel schildert seine Erfahrungen.

Über keinen Impfstoff wird so viel diskutiert wie über den von Astrazeneca. Patienten sind verunsichert. Das merkt auch Dr. Peter Fleischmann - Hausarzt in Kassel.

Kassel - Für Aufklärungsgespräche braucht Dr- Peter Fleischmann täglich zwei, drei Stunden, sagt der 46 Jahre alte Facharzt für Allgemeinmedizin, der eine Praxis in Kassel-Niederzwehren betreibt.

Ist die Aufregung um Astrazeneca übertrieben?

Was heißt übertrieben? Die Menschen sind verunsichert – das kann ich gut verstehen. Mehrfach wurde die Empfehlung für den Corona-Impfstoff von Astrazeneca geändert. Der eine hört dieses Horrorszenario, ein anderer jenes. Was mir fehlt, sind Experten, etwa von der Stiko, vom RKI oder vom Paul-Ehrlich-Institut, die verlässlich und regelmäßig Auskunft in den Medien über die Fakten geben. Die berichten, wie hoch das Risiko tatsächlich ist, und für wen.

Dr. Peter Fleischmann ist Hausarzt in Kassel: Er verbringt viel Zeit mit der Aufklärung über den Impfstoff von Astrazeneca.

Ein Risiko für Thrombosen gibt es doch, oder nicht?

Ja. Aber Stand jetzt reden wir nicht von normalen Thrombosen bei Astrazeneca, zum Beispiel von Beinvenen-Thrombosen oder einer Lungenembolie, sondern von einer speziellen Form – einer Thrombose der Gehirn-Sinusvene und in den Darmvenen. Die Ursache dafür ist eine andere, sie hängt mit einer vermutlich autoimmunen Verminderung der Blutplättchen zusammen. Die führt zu einer Fehlfunktion des Gerinnungssystems. Menschen, die über weniger Blutplättchen verfügen, sollten meiner Ansicht nach nicht mit Astrazeneca geimpft werden. Das sind nur wenige Menschen. Nach aktuellem Stand besteht für jene mit normalen Thrombosen kein erhöhtes Risiko.

Wer kann, darf und soll denn nun mit Astrazeneca geimpft werden?

Die Stiko empfiehlt den Wirkstoff für Menschen über 60. Jüngere können ihn aber auch bekommen, allerdings nur nach Aufklärung über das leicht erhöhte Risiko in der Altersgruppe unter 60. Es geht dabei immer darum, den Nutzen und das Risiko abzuwägen. Jüngere haben ein geringeres Risiko, an Covid zu sterben, dafür aber ist das Risiko ein klein wenig größer, diese spezielle Thrombose zu bekommen.

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Bei Menschen über 60 ist dieses Risiko nach jetzigem Wissensstand nicht höher als bei Ungeimpften. Nach Zahlen der EMA beträgt das Risiko für alle Patienten 0,0003 Prozent. Das Problem ist, dass wir noch nicht ausreichend Impfstoff zur Verfügung haben. Und wenn nun ältere Menschen aus Angst einen Termin mit Astrazeneca nicht wahrnehmen, verschiebt sich die gesamte Prozedur nach hinten. Ich appelliere daher, dass von offizieller Seite mehr alltagsverständliche Risikokommunikation erfolgt und Angst genommen wird. (Robin Lipke)

Im Impfzentrum in Calden (Landkreis Kassel) verweigern immer mehr Menschen den Impfstoff von Astrazeneca.

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