Kinder in der Corona-Krise 

„Kinder brauchen andere Kinder“ - Interview mit Kasseler Kinder- und Jugendpsychologe

Kann zu Konflikten führen und die Entwicklung beeinträchtigen: Kitas und Spielplätze sind geschlossen, der Kontakt zu anderen Kindern fehlt. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Nächste Woche sollen die Schulen in Hessen wieder schrittweise geöffnet werden. Ein Kasseler Kinder- und Jugendpsychologe fordert eine baldige Öffnung der Kindertageseinrichtungen. 

  • Aufgrund der Corona-Krise sind Kitas und Schulen geschlossen
  • Viele Kinder haben kaum Kontakt zu Gleichaltrigen
  • Der Kontaktverlust wird spätestens nach einem Vierteljahr zu einem Problem für die psychische Entwicklung

Kassel – Nächste Woche sollen die Schulen trotz anhaltender Corona-Krise in Hessen schrittweise wieder öffnen. Kitas und Tagesmütter haben weiterhin geschlossen. Der Kinder- und Jugendpsychologe Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff aus Kassel fordert im HNA-Interview eine baldige, breitere Öffnung der Kindertageseinrichtungen. Er sieht die Entwicklung vieler Kinder bedroht.

Was bedeutet die anhaltende Schließung von Kitas für Klein- und Vorschulkinder?

Sie ist dramatisch für die Kinder. Kindertageseinrichtungen sind ja nicht nur Betreuungsorte, sondern Institutionen der Bildung und Erziehung. Vor allem für Kinder aus belasteten Lebensverhältnissen ist es höchst problematisch, wenn ihre wichtigen Bezugspersonen im Kindergarten oder bei der Tagesmutter wegfallen. Ihnen wird durch die Schließung ein wichtiger, sicherer Ort genommen. Und ein Ort, an dem sie regelmäßig ein warmes Essen kriegen.

Betrifft das Problem nur vorbelastete Kinder?

Nein. Alle Kinder brauchen andere Kinder. Einzelkinder sitzen seit nunmehr fünf Wochen ohne jeglichen Kontakt zu anderen Kindern allein zuhause. Hinzu kommt, dass viele Eltern den Spagat zwischen Kinderbetreuung und Homeoffice meistern müssen. Kinder verstehen das nicht: Die Mama ist da, aber hat keine Zeit. Sie werden abgewiesen. Das kann auch in nicht vorbelasteten Familien zu massiven Konflikten führen.

Corona in Kassel: Nach einem Vierteljahr wird Kontaktlosigkeit zum Problem

Für kleine Kinder sind ein, zwei Monate eine halbe Ewigkeit. Ist das Fehlen von Kontakten kein Entwicklungshemmnis?

Auf jeden Fall. Allerdings ist das abhängig von dem Zusammenspiel von Stabilität und Anregungsmöglichkeiten zuhause. Eine stabile Familie mit reflektierten Eltern kann die Situation sicher eine längere Zeit auffangen. Da wird es vielleicht nach einem Vierteljahr ohne Kontakte zu anderen Kindern kritisch. Aber in Konstellationen, in denen Eltern selbst belastet sind, sehe ich schon jetzt eine Gefährdung der Entwicklung von Kindern. In Kassel gibt es schätzungsweise 6000 Kinder mit psychisch kranken Eltern. 15 Prozent leben in Armutsverhältnissen. Für diese Kinder ist die Situation ungleich schwieriger. Die Spreizung der Gesellschaft wird durch die Kita-Schließungen verstärkt.

Wirkt der Wegfall von anderen wichtigen Bezugspersonen wie Großeltern und das Aussetzen von Routinen wie Spielplatzbesuchen zusätzlich verunsichernd für Kinder?

Verunsichernd und entwicklungserschwerend. Die Kinder sind durch all das, was gerade von ihrem normalen Alltag fehlt, unzufrieden. Sie können die Hintergründe ja nur begrenzt verstehen. Die Spannungen in den Familien steigen, die natürlichen Ausweichmöglichkeiten vor Ort fallen weg und wichtige Bezugspersonen in der Familie und der Kita ebenso. Wir wissen, dass die Isolation von Familien ein großer Risikofaktor für die gesunde Entwicklung von Kindern ist.

Wie sieht es mit Kindern mit besonderem Förderbedarf aus?

Gerade diese Kinder brauchen sehr passgenaue Anregungen für ihren Entwicklungsstand. Dafür sind pädagogische Fachkräfte nötig, die mit geschultem Blick erkennen, was das Kind braucht. Die allermeisten Eltern, so liebevoll und bemüht sie auch sein mögen, können das im Alltag nicht leisten, weil ihnen schlicht die Fachkenntnis fehlt.

Corona in Kassel: Kitas sollen so schnell wie möglich wieder öffnen

Also meinen Sie, dass Kitas und Tagesmütter schnellstmöglich wieder öffnen sollten?

Absolut. Für mich gibt es keinen Grund, warum Schulen öffnen sollten und Kitas nicht. Das ist sachlich und fachlich nicht zu verstehen. Natürlich müsste man behutsam vorgehen und Hygieneregeln einhalten. So könnte man beispielsweise vorerst einen Zwei-Schicht-Betrieb in den Einrichtungen fahren: Ein Teil der Kinder kommt vormittags, der andere nachmittags. Wenn es nicht möglich ist, alle Kinder wieder aufzunehmen, sollte man zumindest die sogenannte Notbetreuung ausweiten.

Dabei müssten die Fachkräfte in den Kitas, die ja die Kinder und ihre Familien genau kennen, gezielt auf diejenigen zugehen, bei denen die häusliche Situation schwieriger ist oder die besondere Unterstützung und Begleitung benötigen.

Kleinkinder werden nicht konsequent Maske tragen oder ausreichend Abstand zueinander halten. Wie kann man dem Infektionsschutz denn trotzdem gerecht werden?

Man könnte beispielsweise beim Bringen und Holen der Kinder eine Art Übergangszone einrichten, in der sich die Erwachsenen für den Moment eine Maske aufziehen. Zusätzlich könnte man nach der Übergabe die Hände der Kinder nicht nur waschen, sondern auch desinfizieren.

Corona in Kassel: Kinder eher nicht von Corona gefährdet

Dennoch besteht das Risiko, dass Kinder als Überträger des Virus fungieren.

Sicher, das kann man nicht ausschließen. Das Problem ist, dass wir noch zu wenig über die Infektionswege wissen. Es scheint aber so, dass vor allem alte und vorerkrankte Menschen gefährdet sind. Die gravierenden psychosozialen Folgen für Kinder sind größer als das Risiko, das man eingehen könnte, dass sich Eltern infizieren. Die Corona-Pandemie wird zu einseitig diskutiert. Es wird allein auf das Virus geguckt. Die sekundären Folgen werden dabei ausgeblendet. Es gibt auch eine Art soziale Pandemie.

Es sieht nicht danach aus, dass die Kitas bald öffnen dürfen. Was können Eltern tun, um ihren Kinder die Zeit zu erleichtern?

Man sollte versuchen, möglichst viele entspannte Situationen mit den Kindern zu haben. Dabei wäre es gut, die Arbeitszeiten von den Zeiten, in denen man sich dem Kind zuwendet, klar voneinander zu trennen. Gut ist es auch, rauszugehen, zu jeder Tageszeit und bei jedem Wetter. Kleine Kinder brauchen ja nicht viel. Ein Bächlein und ein paar Steine, und schon ist eine Stunde rum.

Corona in Kassel: Kleinkindern die Krise erklären

Sollten Eltern auch mit Kleinkindern schon über die Situation sprechen?

Man kann Kindern jedes Alters in einfachen Worten erklären, was gerade passiert. Beispielsweise könnte man sagen: Es ist gerade eine Krankheit in der Luft. Da können manche Menschen krank werden. Deshalb müssen wir eine Zeit lang aufpassen. Manches ist deshalb gerade ein bisschen anders. Auf jeden Fall sollte man den Hoffnungshorizont aufzeigen: dass es vorübergeht.

Zur Person

Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff (63) ist Diplom-Psychologe und Psychotherapeut für Erwachsene sowie für Kinder- und Jugendliche. Er stammt aus Kassel und hat in Marburg und Gießen studiert. Seit fast 20 Jahren lehrt er an der Evangelischen Hochschule Freiburg als Professor für Entwicklungspsychologie und Klinische Psychologie. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Bereiche der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung. Der 63-Jährige ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in Kassel. Er hat zwei Kinder und ein Enkelkind

VON KATJA RUDOLPH

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