„Leute werden dann zu sorglos“

Inzidenz in Kassel steigt seit Wochen – Ein Blick auf die Gründe

Seit Wochen steigt die Inzidenz in Kassel wieder an. Viele fragen sich, ob das auch mit der „Querdenker“-Demo im März zusammenhängt, bei der sich die meisten Teilnehmer nicht an die Regeln hielten.
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Seit Wochen steigt die Inzidenz in Kassel wieder an. Viele fragen sich, ob das auch mit der „Querdenker“-Demo im März zusammenhängt, bei der sich die meisten Teilnehmer nicht an die Regeln hielten.

Die Inzidenz in Kassel ist zuletzt stetig gestiegen. Liegt das auch an der „Querdenker“-Demo im März? Ein Blick auf mögliche Gründe.

Kassel – Noch vor zwei Monaten schienen Kassel und der Landkreis auf einem guten Weg zu sein, was die Zahl der Corona-Neuinfektionen angeht. Bei gerade einmal 23,3 lag die Sieben-Tage-Inzidenz in der Stadt, im Kreis wies das Robert-Koch-Institut (RKI) einen Wert von 35,1 für die Neuinfektionen der letzten sieben Tage pro 100.000 Einwohner aus.

Davon sind wir nun weit entfernt, und viele fragen sich, ob die Ursache auch bei der Corona-Demo der Querdenker liegt, bei der am 20. März rund 20.000 Teilnehmer größtenteils ohne Maske und Abstand durch die Kassel zogen.

Corona-Inzidenz in Kassel - das sind die Inzidenz-Zahlen

Die Zahlen: Eine Antwort zu geben, ist tatsächlich schwer. Schon vor der Demo stiegen die Zahlen vor allem in Kassel wieder an, lagen Mitte März bei 71,9 in der Stadt und bei 41,4 im Kreis. Am Tag der Demonstration wies das RKI für die Stadt eine Inzidenz von 82,8 aus, für den Kreis 54,9. Exakt zwei Wochen später hatte die Stadt dann einen enormen Sprung gemacht – auf 136,3. Zu diesem Zeitpunkt lag der Kreis bei 103,9.

Die Studie: Auch wenn man annehmen könnte, dass es also einen Zusammenhang bei dieser Entwicklung und der Anti-Corona-Demo gibt, lässt sich das ohne eine wissenschaftliche Studie unmöglich sagen. Denn: Zahlreiche Faktoren können für einen Anstieg der Fälle sorgen – so etwa auch die Verbreitung der britischen Variante. Auswirkungen dürfte die Demonstration im Zweifel auch nicht nur in Kassel gehabt haben – immerhin war die überwiegende Anzahl der Teilnehmer von außerhalb angereist.

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Solch eine Studie zur Auswirkung der Demonstration in Kassel gibt es bisher nicht, allerdings für ähnliche Ereignisse. So hatten das ZEW Mannheim und die Humboldt-Universität zu Berlin beispielsweise die Folgen zweier „Querdenken“-Demos am 7. November in Leipzig und am 18. November 2020 Berlin untersucht. Dabei hatten die Forscher ermittelt, dass bis Weihnachten zwischen 16.000 und 21.000 Covid-19-Infektionen hätten verhindert werden können, wenn diese beiden großen „Querdenker“-Kundgebungen abgesagt worden wären. Auf Kassel übertragen lassen sich diese Ergebnisse freilich nicht ohne Weiteres.

Inzidenz in Kassel steigt: Aerosolexperte sieht Grund nicht bei Corona-Demo

Der Aerosolforscher: Der Aerosolforscher Gerhard Scheuch aus Gemünden hatte vor der Corona-Demo in Kassel gesagt, dass er kein Superspreader-Event befürchte, da es bei Demos zwar zu einzelnen Ansteckungen kommen könne, aber nie zu einer Cluster-Infektion wie in Innenräumen. Das bekräftigte er gestern noch einmal. Auch Mutationen wie die britische Variante ändern daran laut Scheuch nichts. „Es scheint so zu sein, dass diese Virusvariante nicht per se ansteckender ist“, sagt der Physiker. Durch die Mutation sei die Infektiosität länger. „Der Mensch, der ansteckend ist, ist dies also einen Tag früher und zwei Tage länger.“

Scheuch rechnet mit Blick auf größere Zusammenkünfte zudem vor, dass bei einer Inzidenz von 220 – wie es sie derzeit in Kassel gibt – von 1000 Leuten 2,2 infiziert seien. Nur jeder Vierte stecke zudem überhaupt jemanden an. Das bedeute, dass von 1000 Leuten etwa 0,5 infektiös wären, so Scheuch. „Und dann muss man noch 15 Minuten dicht zusammenstehen, ohne sich fortzubewegen.“ Volle Parks, Innenstädte und Strände sind für den Aerosolforscher daher keine Infektionstreiber. Dennoch empfiehlt er beim engen Zusammenstehen im Freien, Maske zu tragen – auch wenn das Risiko gering sei.

Vor allem aber kommen von Scheuch ermutigende Worte: Er erwartet einen Rückgang der Fallzahlen, wenn es nun endlich wärmer wird und sich wieder mehr Menschen draußen aufhalten und treffen. Das sei das A und O. „Wir müssen raus, sonst schießen wir uns ins eigene Bein“, sagt Scheuch – auch mit Blick auf die Ausgangssperren, durch die sich wohl viele Menschen in Gruppen verbotenerweise drinnen treffen, weil sie draußen leichter entdeckt werden können.

Infektiologe zu steigenden Corona-Inzidenzen: „Leute werden dann zu sorglos“

Der Infektiologe: Dass es durchaus auch bei einer Demonstration wie der in Kassel zu Ansteckungen kommen kann, sagt Dr. Andreas Bastian, Chefarzt am Marienkrankenhaus Kassel. „Dort redet man ja nicht normal wie etwa, wenn man im Park sitzt“, sagt er. Das Infektionsgeschehen in Europa solle beispielsweise in Italien rund um ein Fußballspiel seinen Ursprung gehabt haben. „Wenn Sie im Pulk gehen, vielleicht Alkohol getrunken haben, wird Ihre Aussprache feuchter und auch lauter“, sagt der Infektiologe.

Was er beobachte: Orte, wo es lange wenige Infektionen gab, hätten nun viel höhere Zahlen – und umgekehrt. Der Grund: „Die Leute werden dann zu sorglos“, sagt Bastian. Das sehe man momentan auch am Beispiel Indien, wo es lange gut lief – und nun die Zahlen explodieren.

Die Stadt: Die Stadt Kassel verzeichnet seit Anfang März einen Anstieg der Infektionen. Seither beobachte man auch ein verstärktes Auftreten von Mutationen, so Pressesprecherin Simone Scharnke. Damit folge Kassel dem bundesweiten Trend. „Aktuell ist das Infektionsgeschehen äußerst diffus, ein Großteil der Infektionen geschieht im familiären Bereich“, so Scharnke. Mittelbar seien davon auch Einrichtungen wie Kitas und Schulen betroffen. Infos zur aktuellen Corona-Lage in der Region Kassel gibt es in unserem News-Ticker. (Marie Klement)

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