Über die Situation an den Grundschulen

„Einige Schüler verlieren wir“ - Lehrerin Katja Groh im Interview

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Die Grundschulen in Stadt und Landkreis Kassel bleiben nach einem Urteil des Verwaltungsgerichtshofes in Kassel weiterhin geschlossen (Symbolbild).

Eine Lehrerin aus Kassel spricht über die Folgen der Corona-Pause für die Schülerinnen und Schüler der Region. 

Kassel/Fuldabrück – Viel Unruhe herrscht zurzeit in den Grundschulen angesichts der Vorgaben wie dort mit der Corona-Pandemie umgegangen werden soll. Wir sprachen mit der Grundschullehrerin und GEW-Funktionärin Katja Groh.

Sie hatten sich auf den Beginn des Unterrichts in der Schule vorbereitet. Wie geht es Ihnen jetzt?

Viele von uns, besonders die Schulleiterinnen, hatten in den vergangenen Tagen schlaflose Nächte. Zuerst hieß es ja, die Schule startet am 4. Mai. Dann sollten in Hessen die vierten Klassen am 27. April wieder zur Schule gehen. Wir fragten uns: Warum kann nicht noch die eine Woche abgewartet werden, damit alles vernünftig und in Ruhe vorbereitet werden kann?

Was ist geschehen?

Erst am Mittwoch wurden die Schulleitungen seitens des Schulamts und des Kultusministeriums in einem relativ allgemein gehaltenen Schreiben informiert, dass und wie wir uns auf den Schulbeginn vorbereiten sollen. Anstelle von Hygiene-, Raum- oder Betreuungskonzepten gab es jede Menge Vorgaben und eine Mappe mit Excel-Tabellen zur Aufzeichnung von zur Verfügung stehenden Lehrkräften. Vermutlich hatten das aber viele Schulen zu dem Zeitpunkt schon längst erledigt.

Wie hatten Sie sich denn vorbereitet?

Wir haben umfangreiche Vorkehrungen getroffen und alle Vorgaben befolgt. Wir haben überlegt, wie wir gewährleisten können, dass die Kinder beaufsichtigt sind, denn man kann von einem Kind nicht verlangen, dass es immer daran denkt, Abstand zu halten. Wir mussten davon ausgehen, einige Schüler in der Schule und die anderen im Homeschooling zu unterrichten, wir haben also zweigleisig geplant.

Jetzt also bleiben die Grundschulen nach einem Gerichtsurteil bis auf Weiteres doch geschlossen.

Erfahren haben wir das am Freitag, viele Kollegien, wir auch, mitten in der aufwendigen Planung für Montag. Das hat uns alle sehr umgetrieben. Da hängt ja so viel dran, das kann man sich als Außenstehender nicht vorstellen.

Gibt es auch positive Nachrichten?

Ja, jetzt wurde endlich festgestellt und auch festgelegt, dass Lehrkräfte systemrelevant sind. Bis dahin haben sich viele Kollegen Sorgen um die Betreuung ihrer eigenen Kinder gemacht. Ich habe sehr schöne Briefe von den Kindern bekommen. Ein Mädchen schlug vor, ab sofort acht Stunden täglich Schule zu haben, weil sie uns alle so vermisst.

Wie muss man sich Homeschooling bei Achtjährigen vorstellen?

Ich hatte den Kindern zu Beginn Arbeitsmaterial, in dem Fall Lesebegleitung zu einem Buch, das wir lesen, zusammengestellt. Das habe ich zu Päckchen gebündelt im Treppenhaus der Schule ausgelegt und die Schüler haben es am Tag der Schulschließung nacheinander abgeholt. In der Zeit danach habe ich Wochenpläne erstellt und habe die Arbeitsaufträge an die E-MaIl-Adressen der Eltern geschickt, die das dann bei sich ausdrucken mussten.

Zum Glück haben wir einen guten Draht zu unseren Eltern und alle haben E-MaiL-Adressen, die sie uns zur Verfügung gestellt haben. Beim E-Learning muss man immer bedenken, dass eine Reihe Schülerinnen und Schüler abgehängt werden: diejenigen, denen zuhause das Equipment fehlt.

Wie werden die Ergebnisse überprüft?

Ich biete an, dass ich die Aufgaben korrigiere, wenn sie die Kinder erfüllt haben und bis Freitag wieder im Schultreppenhaus ablegen. Wir haben vereinbart, dass die Kinder sich drei Mal in der Woche anrufen. Dafür haben wir Lernpaare gebildet, um Aufgaben zu besprechen und zu vergleichen. Das schafft auch Struktur, damit die Aufgaben bis zu einem bestimmten Zeitpunkt erledigt werden.

Klappt das?

Bei einigen klappt das gut, einige verlieren wir – das muss ganz klar gesagt werden. Es ist so, dass man von einigen Kindern nichts mehr hört und sieht, seitdem die Schule geschlossen ist. Wir müssen uns vor Augen führen, dass es sich bei Grundschülern um die größte Schülergruppe handelt. Und bei den Jüngeren ist Beziehungsarbeit besonders wichtig. Wir werden sehen, mit welchen negativen Nachwirkungen von Corona wir in den Grundschulen rechnen müssen. Jetzt tritt die Bildungsungerechtigkeit besonders deutlich zutage.

Wer soll denn auch in einem Haushalt, in dem kaum Deutsch gesprochen wird, überprüfen, ob die Kinder die Lese- und Schreibaufgaben erledigen? Es verfügen auch nicht alle Familien über einen Computer oder Drucker.

Wo liegen die Probleme begründet?

Jetzt fliegen uns die vielen Versäumnisse in der Bildungsfinanzierung aus der Vergangenheit um die Ohren. Sie ploppen heute für alle sichtbar als große Probleme auf: der Personalmangel, die schlechte digitale Ausrüstung. Was wir da in den Schulen haben, ist steinzeitlich. Wir haben noch nicht mal WLan in den Schulen, geschweige denn die Endgeräte für E-Learning oder den Support und die Ausstattung für die Lehrkräfte. Auch die hygienischen Verhältnisse stehen immer wieder in der Kritik. Ich habe von Kindern gehört, die in den Schulen nicht auf die Toilette gehen, weil die oft dreckig sind. Fehlende Investitionen in Bildung werden in dieser Krisenzeit, überdeutlich und kommen uns teuer zu stehen.

Wie ist Ihre aktuelle Gemütsverfassung?

Wir sind alle verunsichert, aufgewühlt und verärgert. Wir fühlen uns von unserem Dienstherren im Stich gelassen. Es heißt dann nur: In drei Tagen ist die Schule wieder auf, seht mal zu, wie ihr die Vorgaben des Robert-Koch-Institutes umsetzt.

Ich ziehe meinen Hut vor allen Leiterinnen und Leitern von Grundschulen. Die sind häufig ganz allein. Alles ruht auf ihren Schultern und sie brechen zusammen unter den Herausforderungen. Das sind doch Pädagogen und keine Hygienemanager oder Logistiker. Ich habe große Befürchtung, dass so manche bald das Handtuch wirft.

Was vermissen Sie?

Wir vermissen die Kinder, und machen uns große Sorgen um sie. Um einige mehr, um andere weniger. Es ist eine bizarre Situation mit nie da gewesenen Herausforderungen, es gibt keine einfachen Lösungen. Genau deshalb muss umsichtig gehandelt werden, in Abstimmung mit denen, die das letztlich umsetzen müssen, also von unten nach oben und nicht andersherum, so wie bisher.

VON CHRISTINA HEIN

Alles rund um das Thema Corona in der Region Kassel ist im News-Ticker zu finden. 

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