Einkaufsgalerien verzeichnen starken Rückgang

Händler kämpfen um Weihnachtsgeschäft in Kassel: „Wer Schnäppchen will, sollte kommen“

Erst am späten Samstagnachmittag füllte sich die Innenstadt: Normalerweise gibt es um diese Jahreszeit – auch wegen des Weihnachtsmarktes – kein Durchkommen auf der Königsstraße.
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Erst am späten Samstagnachmittag füllte sich die Innenstadt in Kassel: Normalerweise gibt es um diese Jahreszeit – auch wegen des Weihnachtsmarktes – kein Durchkommen auf der Königsstraße.

In Kassel haben die Händler und Geschäfte in der Innenstadt zu kämpfen. Wegen Corona gab es einen starken Besucherrückgang.

Kassel - In der Vorweihnachtszeit brummt das Geschäft normalerweise in der Kasseler Innenstadt. Doch wegen Corona und der damit verbundenen Schließung der Gastronomie sowie der Absage des Weihnachtsmarktes hat der innenstädtische Handel nun zu kämpfen. In den Einkaufsgalerien City Point und Königs-Galerie sei die Besucherfrequenz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum jeweils um die Hälfte zurückgegangen, berichten die Betreiber auf HNA-Anfrage.

Mit großen Rabatten von teilweise über 50 Prozent und einer Kassel-Gutschein-Aktion versuchen sich die Kaufleute gegen die Folgen der Pandemie und den Siegeszug von Online-Händlern wie Amazon zu stemmen. Nun liegen ihre Hoffnungen auf den verbleibenden Adventssamstagen.

„Wir fordern die Menschen auf, den stationären Handel zu unterstützen. Einkaufen ist sicher, die Hygienekonzepte funktionieren“, sagt Martin Schüller, Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Hessen-Nord. Besonders die Geschäfte in Innenstadtlage litten unter der Situation, weil die Menschen Angst vor Massenansammlungen hätten und die Aufenthaltsqualität durch die geschlossene Gastronomie gesunken sei.

Corona in Kassel: Umsatz im Parkhaus bricht ein

Wie stark der Kundenrückgang in der City ist, lässt sich auch an den Zahlen der Parkhausgesellschaft ablesen. Der Umsatz sei im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um zwei Drittel zurückgegangen, sagt Gerhard Jochinger von der Parkhausgesellschaft. Dies liege aber auch am Ausfall des Weihnachtsmarktes.

Alexander Wild, Vorsitzender der City Kaufleute, ist aufgefallen, dass vor allem Menschen aus dem Umland die Stadt meiden. Für dramatisch hält er die Lage aber nicht: „Die Händler haben wahnsinnig an der Angebotsschraube gedreht. Wer Schnäppchen will, sollte kommen.“ Zudem machten ihm die von Verdi angekündigten Streiks bei Amazon Hoffnung.

Schüller vom Einzelhandelsverband ist sich indes inzwischen „nicht mehr sicher, dass die Region mit einem blauen Auge davonkommt.“ Besonders die Textil-, Schuh- und Lederwarenbranche habe es schwer. Nun hänge viel vom Einkaufsverhalten der Kunden ab.

Wir haben mit Händlern, Branchenvertretern und Verbänden über die Folgen der Pandemie gesprochen:

Corona in Kassel: Das sagt der Einzelhandelsverband

Nach Ansicht des Einzelhandelsverbandes Hessen-Nord geht es der Kasseler Innenstadt wie fast allen Großstädten in diesen Tagen. „Es gibt zwar keine Zählungen auf der Königsstraße. Aber in vergleichbaren Großstädten liegt der Frequenzverlust bei 50 bis 60 Prozent“, sagt Geschäftsführer Martin Schüller. Hinzu komme, dass sich die Menschen wegen geschlossener Cafés und Restaurants sowie der Absage des Weihnachtsmarktes nicht mehr lange in der Innenstadt aufhielten. Bummeln finde kaum statt, die Menschen kämen für gezielte Einkäufe.

„Wir glauben aber nicht, dass der Konsument weniger ausgibt. Er gibt sein Geld nur anders aus“, so Schüller. Der Online-Handel boome. Gleiches gelte für Möbelhäuser und Einrichtungsläden. Wer nicht verreisen könne, investiere in sein Heim. Der Verband schätzt, dass in der Vorweihnachtszeit 1,76 Milliarden Euro in Nordhessen umgesetzt werden. Diese wäre sogar eine leichte Steigerung gegenüber dem Vorjahr.

Corona in Kassel: Das sagen die Händler in der Innenstadt

Der Manager der Königs-Galerie Heinz Schäffer kann die Folgen der Pandemie genau beziffern. An den Eingängen der Galerie wird die Kundenfrequenz erfasst. „Wir registrieren einen Rückgang von 56 bis 60 Prozent“, sagt Schäffer. Zudem seien die Menschen nicht so kauffreudig. Die Maske beeinträchtige das Einkaufserlebnis.

Wegen der geschlossenen Gastronomie fehle es an Atmosphäre. „Die Händler werden sicher mehr als 50 Prozent Umsatzrückgang haben“, glaubt Schäffer. Er geht aber davon aus, dass nach der Durststrecke die Kunden im nächsten Jahr – wenn die Impfungen angelaufen sind – zurückkämen. „Viele werden froh sein, wenn sie wieder Flanieren können. Das bietet das Internet nicht.“ In der Zwischenzeit finde er „individuelle Lösungen“ für die Mieter.

City-Point-Chefin Jessica Reinhardt spricht von einem Kundenrückgang um 50 Prozent. Wobei es an den Wochenenden besser laufe als unter der Woche. Sie hoffe dennoch auf ein gutes Weihnachtsgeschäft. „Wir haben ein zertifiziertes Hygienekonzept. Man kann sicher shoppen“, sagt Reinhardt. Um die Corona-Regeln zu überwachen, sei das Wachpersonal zu bestimmten Zeiten verdoppelt worden. Die Gastronomie im City Point sei für Take-away weiter geöffnet.

Corona in Kassel: Einige Händler spüren wenig Veränderungen in der Pandemie

Florian Wagener vom Spielegeschäft Spieleburg an der Wilhelmsstraße ist sogar zufrieden mit den Umsätzen. „Wir haben immer noch Steigerungen. Das kann aber auch damit zu tun haben, dass es uns erst seit vier Jahren gibt und wir noch weiter wachsen“, so der Mitinhaber. Auch die Brettspielbranche insgesamt habe zugelegt – vermutlich auch durch Corona. „Dennoch gibt es auch bei uns Unsicherheit. Ein harter Lockdown, wie es ihn im Frühjahr gab, wäre eine Katastrophe. Vom Online-Geschäft allein können wir bei den Mieten hier nicht leben.“

Harro Schulze von der Goldschmiedegalerie Claudia Hill an der Neuen Fahrt ist „auch ganz zufrieden“. Es kämen zwar weniger Kunden, aber die, die kämen, würden hochwertigere Stücke kaufen. Stammkunden hielten dem Geschäft die Treue. Zudem lebe die Branche von der persönlichen Beratung, weshalb es keine größere Verlagerung ins Internet gebe. Manche kauften den Schmuck auch als Anlageobjekt, weil es auf der Bank keinen Zinsen mehr gebe. Erstaunlich sei, dass zuletzt mehr Trauringe verkauft worden seien. „Die jungen Leute sind offenbar trotz Corona zuversichtlich.“

Matthias Pape-Herwig von Etuis Mertl an der Wilhelmsstraße spricht von einem „verhaltenen Geschäft“. Es gebe deutlich weniger Frequenz in der Innenstadt. Viele mieden offenbar die Fußgängerzonen. So laufe das zweite Geschäft von Etuis Mertl an der Friedrich--Ebert-Straße deutlich besser. „Da können Sie schnell mal vorfahren.“ Nur durch große Rabatte könnten Kunden gelockt werden. „Wir nennen es Winterräumungsverkauf. Ohne Prozente bringt keiner mehr das Jahr zu Ende“, sagt Pape-Herwig. Auch von der Aktion „Kassel Gutschein“, der man sich angeschlossen habe, erhofft er sich Erlöse.

Corona in Kassel: Das sagen die City Kaufleute

Alexander Wild, Geschäftsführer der City Kaufleute, bleibt optimistisch: „Wir sind zwar weit hinter den Vorjahreszahlen. Aber ganz so verheerend wie befürchtet, ist die Lage auch nicht.“ Die verlängerte Schließung der Gastronomie sei allerdings eine erhebliche Belastung.

Mittelfristig sehe er die Kasseler Innenstadt aber gut aufgestellt. Dieses Bild ergebe sich aus Kundenumfragen. So rechnet er 2021 mit einer Erholung. (Bastian Ludwig)

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