Politik und Kultur-Szene kritisieren Stadtverwaltung

Friedrich-Ebert-Straße wieder gesperrt: Stadt ist zufrieden - „Ballermann-Atmosphäre“ blieb aus

Menschenmassen nach Mitternacht: Abstandsregeln wurden zu diesem Zeitpunkt auf der Friedrich-Ebert-Straße nicht mehr eingehalten.
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Menschenmassen nach Mitternacht: Die Corona-Abstandsregeln wurden auf der Friedrich-Ebert-Straße nicht mehr eingehalten.

Trotz Corona wurde die Friedrich-Ebert-Straße wieder gesperrt. Zuvor hatte es dafür heftige Kritik gegeben. Die Stadtverwaltung ist allerdings zufrieden.

Update vom Sonntag, 30.08.2020, 16.50 Uhr: Auch diesmal wurde die Friedrich-Ebert-Straße vorübergehend für den Verkehr gesperrt. In einer Pressemitteilung erklärt die Stadt Kassel, dass die erweiterten Wirtschaftsgärten am Samstag (29.08.2020) trotz Corona gut funktionierten. Ein „distanzlose Massenandrang mit Ballermann-Atmosphäre“ habe nicht stattgefunden.

Die unter anderem frühzeitige Aufklärung, Schließung der Gärten vor Mitternacht und die Zusammenarbeit mit den Wirten haben sich bewährt, resümiert Oberbürgermeister Christian Geselle. Kneipen und Bars in der Friedrich-Ebert-Straße haben bereits freiwillig um 2 Uhr geschlossen.

Nach Sperrung der Friedrich-Ebert-Straße: Oberbürgermeister ist zufrieden

„Nach polizeilicher und unserer Einschätzung war es der bezogen auf die Pandemielage angemessenste Samstag auf der Friedrich-Ebert-Straße seit vielen Wochen“, erklärt Ordnungsdezernent Dirk Stochla. Nach Angaben der Stadt Kassel waren schätzungsweise rund 2.000 Menschen auf der Partymeile unterwegs.

Die Erweiterung der Gärten in der Friedrich-Ebert-Straße habe nach Geselle trotz Corona funktioniert. Daran soll in Zukunft angeknüpft werden.

Friedrich-Ebert-Straße wieder gesperrt: Viel Kritik an der Stadtverwaltung

Update vom Freitag, 20.08.2020, 20.08 Uhr: Jetzt also doch. Nachdem bis zum Freitag nicht bekannt war, ob die Friedrich-Ebert-Straße nach der kontroversen Sperrung am 22.08.2020 am folgenden Samstag wieder gesperrt wird, veröffentlichten die anliegenden Bar-Betreiber ein Statement. In Absprache mit der Stadtverwaltung soll am Samstag, 29.08.2020, wieder ein Teil der Friedrich-Ebert-Straße gesperrt werden, heißt es in der auf Facebook veröffentlichten Mitteilung.

Die Bar-Betriebe auf der „Partymeile“ werden zwischen 20 und 23 Uhr die „bestehenden Biergärten erweitern“. Um 2 Uhr nachts soll dann definitiv Schluss sein und die Bars wollen dann vorzeitig schließen. Die Verfasser betonen aber, dass die Polizei zu jeder Zeit die Lokale schließen und die Versammlung auflösen könne, falls die Corona bedingten Hygiene- und Abstandsregeln nicht gewährleistet werden können.

Partymeile wieder gesperrt: Lokal-Betreiber äußern sich zum aktuellem Streit

In dem Statement gehen die Bar- und Lokal-Betreiber auch auf die Situation am vergangenen Freitag ein. Sie verteidigen das Konzept, die Besuchermassen durch die gesperrte Straße zu entzerren, um die Einhaltung der Abstandsregeln zu vereinfachen. Sie geben aber zu, dass am vergangenen Samstag nach Mitternacht die Besuchermassen unerwartet stark angestiegen seien. Das habe die Schließung der Lokale notwendig gemacht.

„Wir wollten zu keinem Straßenfest aufrufen, sondern den allwöchentlichen Besucheransturm in geordnete Bahnen lenken“, heißt es in dem Statement. Nachdem es in den vergangenen Wochen wiederholt auch ohne Sperrung zu sehr großen Menschenansammlungen gekommen sei, wollen die Lokal-Betreiber an dem neuen Konzept festhalten, um mit der Sperrung der Straße der „Lage Herr zu werden“.

Partymeile in Kassel: Aufruf an Gäste

Die Bar-Betreiber rufen ihre Gäste zur Rücksicht und zur unbedingten Einhaltung der Corona-Regeln auf. Die Lokale wollen keine „Getränke to go“ verkaufen. Sie bitten Gäste ihre Masken mitzunehmen.

Streit um Partymeile in Kassel: Politik und Kultur-Szene kritisieren Stadtverwaltung scharf

Originalmeldung vom Freitag, 20.08.2020, 16 Uhr: Kassel – Die Sperrung der Friedrich-Ebert-Straße am vergangenen Wochenende sorgt weiter für Zündstoff – in der Politik und der Club- und Kneipenszene. Unterdessen hat die Stadt sich noch nicht dazu geäußert, ob die Partymeile am kommenden Wochenende wieder gesperrt werden soll und welche Regeln dort gelten sollen.

Anwohner hatten bereits zuvor wegen der vielen Verstöße gegen das Corona-Abstandsgebot auf der gesperrten Friedrich-Ebert-Straße die Stadt Kassel massiv kritisiert.

CDU und Grüne ärgern sich über die Äußerungen von SPD-Fraktionschef Patrick Hartmann zum Thema. Der Sozialdemokrat hatte die Entscheidung von Oberbürgermeister Christian Geselle in einer Pressemitteilung verteidigt. Er argumentierte, dass an vielen Stellen in der Stadt die Außengastronomie erweitert oder genehmigt worden sei, um die Abstände zu wahren. An der Friedrich-Ebert-Straße könne man zusätzlichen Raum nur durch eine Straßensperrung schaffen.

Boris Mijatovic, Fraktionsvorsitzender der Rathausgrünen betonte, dass man zum Erlass der Sondernutzungsgebühren für Außengastronomie stehe, die im Finanzausschuss beschlossen wurde und auch zur Praxis, Wirtschaftsgärten auszuweiten. „Es war aber sicherlich nicht Teil der Debatte, dies alleine auf der Friedrich-Ebert-Straße anzuwenden und somit unfreiwillig zur Corona-Party einzuladen“, so Mijatovic. Eine Sperrung der Straße sei im Ausschuss zu keiner Zeit thematisiert worden, betont er.

Michael von Rüden: Vorsitzender der Kasseler CDU-Fraktion.

Auch Dr. Michael von Rüden, Fraktionsvorsitzender der CDU, stellt klar, dass im Ausschuss nie die Rede davon gewesen sei, öffentliche Straßen zu sperren. Dadurch entstehe ein „Sogeffekt“ und zusätzliche Besucher würden angelockt, so von Rüden.

Die Sperrung der Friedrich-Ebert-Straße sei „eine einsame Fehlentscheidung des Kasseler Oberbürgermeisters, die er im Übrigen getroffen hat, ohne die Stadtverordneten vorab zu informieren“. Anstatt einzusehen, dass die Zustände vom vergangenen Wochenende auf der Friedrich-Ebert-Straße eine Gefahr für die Menschen in Kassel darstellen, versuche der SPD-Fraktionsvorsitzende „von den Verantwortlichkeiten des Oberbürgermeisters abzulenken“, meint der CDU-Fraktionschef.

Kritik gibt es auch, weil andere auf Corona abgestimmte Veranstaltungskonzepte aus der Gastronomie- und Kulturszene von der Stadt zuletzt abgelehnt wurden. So hatte Uwe Vater von MM-Konzerte vor wenigen Wochen für ein geplantes Picknickkonzert mit Sängerin Lea auf dem Friedrichsplatz keine Erlaubnis bekommen (wir berichteten).

Auch das Team vom Club „Panoptikum“ an der Leipziger Straße hatte Ende Juni von der Stadt einen Korb bekommen für eine Open-Air-Veranstaltung mit DJs. Dabei sollten maximal 250 Menschen auf dem Gelände hinter dem Club zusammentreffen und sich in vorgezeichneten Kreisen auf der Wiese in Kleingruppen von maximal zehn Personen aufhalten, erklärt Tim Marth vom Panoptikum. Außerhalb der Kreise sollte Maskenpflicht gelten.

Es falle ihm schwer nachzuvollziehen, warum eine Veranstaltung mit Abstandsregeln und Corona-Konzept nicht erlaubt werde, andererseits aber auf der extra dafür gesperrten Friedrich-Ebert-Straße tausende Leute zusammenkommen dürften, sagte Marth. „Dort läuft das ja weitgehend ungeregelt ab.“ Das Team von Panoptikum will nun für seine Veranstaltungsidee einen zweiten Anlauf bei der Stadt nehmen. Die Club-Szene der Stadt Kassel veranstaltet deswegen eine Demo für mehr Unterstützung in der Corona-Krise.

Boris Mijatovic, Fraktionsvorsitzender der Rathausgrünen 

Eine Ungleichbehandlung sieht bei diesen Fällen auch Boris Mijatovic von den Grünen: „Es entsteht der Eindruck, als seien alle Formate, die nicht auf der Friedrich-Ebert-Straße stattfinden, nicht erwünscht.“ (rud)

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