Pandemie

Partymeile in Kassel: Ab 23 Uhr kam keiner mehr rein - Besucher: „Ich glaube nicht an Corona“

Erlebten einen ungewöhnlich ruhigen Abend: Carsten Bischoff und Marko Döring von Joe’s Garage räumten gegen 23.30 Uhr die Biertische ein.
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Erlebten einen ungewöhnlich ruhigen Abend: Carsten Bischoff und Marko Döring von Joe’s Garage räumten gegen 23.30 Uhr die Biertische ein.

Erneut wurde die Friedrich-Ebert-Straße in Kassel vorübergehend gesperrt. Der Abend verlief ruhig. Gäste, die ab 23 Uhr noch zur Meile wollten, wurden von der Polizei abgewiesen.

Kassel - Um kurz vor halb 12 am Samstagabend (39.08.2020) gehen zwei junge Männer Ende 20 an den Polizisten an der Annastraße vorbei und verlassen die gesperrte Friedrich-Ebert-Straße. „Es ist ja richtig tot alles“, sagt einer der beiden und es klingt fast wie ein Vorwurf. Eigentlich wollten die muskelbepackten Freunde Party machen auf der Meile. „Das hat keinen Sinn mehr“, haben sie eingesehen. Denn um kurz nach 23 Uhr wurden am Samstag die Schotten dicht gemacht auf der Friedrich-Ebert-Straße.

Wer sich zu dem Zeitpunkt bereits in dem gesperrten Bereich Annastraße und alter Hauptpost aufhielt, durfte bleiben. Gäste, die erst zu späterer Stunde auf die Meile wollten, mussten draußen bleiben. Sie wurden von Polizei und Ordnungsamt freundlich, aber bestimmt abgewiesen. Anwohner wurden nach Vorlage eines Ausweises durchgelassen. Alles in allem ist die Stadt Kassel zufrieden: „Die Ballermann-Atmosphäre ist ausgeblieben.“

Friedrich-Ebert-Straße in Kassel gesperrt: Feiernde waren zurückhaltend

Damit wollte die Stadt Kassel Zustände wie am vergangenen Samstag vermeiden. Wie berichtet, hatten sich am Wochenende zuvor tausende Menschen auf der Meile gedrängt, die erstmals für das Feierpublikum gesperrt war. Weil die Abstandsregeln nicht eingehalten wurden, räumten die Ordnungskräfte schließlich die Straße. Anwohner der Partymeile waren sauer auf die Stadt.

Durch das frühzeitige Abriegeln der Straße bot sich diesmal ein völlig anderes Bild. Als Carsten Bischoff von Joe’s Garage um kurz vor Mitternacht die Biertische einräumt, sagt er: „Es war ein schöner Abend, die Leute waren zurückhaltend.“ Auch drei junge Männer um die 30 hatten bis zur letzten Runde im Freien vor der Kneipe gesessen. „Das kann man mit gutem Gewissen machen“, fanden sie. Sie haben gehört, was in der Woche zuvor los war. „Wir sind nicht die, die noch Straßenparty machen“, versichern sie und brechen wenig später nach Hause auf.

Sperrung der Friedrich-Ebert-Straße: „Corona ist vorbei“

Wer sich auf der Meile umsieht und umhört, bekommt aber schnell mit, dass auch viele unterwegs sind, die genau das suchen: ausgelassene Party auf der Straße. Einige der Grüppchen die umherziehen, aber eine Sechserpackung Bier unter dem Arm oder Cola- und Whiskyflasche in der Hand. Vor den Kiosken an der Straße stehen die Leute auch nicht etwa Schlange, um Kaugummi zu kaufen. Wer nach Corona fragt, hört wahlweise: „Corona ist vorbei“, „Ich glaube nicht an Corona“ oder „Wenn ich’s kriege, dann kriege ich’s halt.“

An der Absperrung in Höhe der Annastraße und den seitlichen Zuläufen zur Meile reagieren die meisten Menschen verständnisvoll und drehen direkt ab, als die Polizeibeamten sie über die Sperrung informieren. Ein 29-Jähriger, der aus Göttingen nach Kassel gefahren ist, steht ratlos vor der Straßensperre. Seine Freunde sitzen im „Papagayoo“, wo die Clique einen Tisch reserviert hatte, sagt er. Die Beamten machen keine Ausnahme, die Feier findet ohne den Göttinger statt.

Ab 23 Uhr kam keiner mehr rein: Die Polizei ließ nur noch Anwohner auf die Feiermeile.

Friedrich-Ebert-Straße vorübergehend gesperrt: Einige Feiernde enttäuscht

Am versperrten Zugang zur Meile aus Richtung Innenstadt ist die Stimmung zeitweise aufgeheizter. Enttäuschte Feierlustige bleiben mit ihren Getränken vor den Barrieren stehen, als ob sie wie vor der Disko anstehen. Aber auch mit Wartezeit gibt es keinen Einlass. Als sich eine kleine Gruppe junger Männer einfach an den Ordnern vorbeidrängt, werden sie sofort zurückgedrängt.

Eine junge Frau im Inneren der Meile telefoniert offenbar mit Freunden, die noch kommen wollten. „Sag denen, was das für ein lächerlicher Abend hier ist“, ruft ihre Freundin ihr zu. Um kurz nach 2 Uhr – zwei Stunden früher als üblich – machen die Gastwirte ihre Kneipen dann ganz dicht. Der Umsatz ist zwar etwas geringer geblieben. Aber der Abend verlief in geordneten und coronakonformen Bahnen. Das sei es wert, sagt ein Kneipier. „Die Leute werden sich daran gewöhnen müssen, gezielter wegzugehen.“ (Katja Rudolph)

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