Vertrauen in die Politik verloren

„Niemals alles auf eine Karte setzen“: Psychologe über die Corona-Krise als komplexe Herausforderung

Das Virus birgt Herausforderungen: Unser Bild zeigt eine Corona-Station im Krankenhaus.
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Das Virus birgt Herausforderungen: Unser Bild zeigt eine Corona-Station im Krankenhaus.

Die Corona-Pandemie stellt die Gesellschaft vor große Herausforderungen, die zu Dauergereiztheit und Aggressionen führen. Ein Psychologe aus Kassel im Interview.

Kassel – Seit einem Jahr bestimmt die Corona-Pandemie unser Leben. Viele Menschen sind unzufrieden mit der Politik und auch unsicher im privaten Umgang mit der Situation. Wir sprachen mit dem Kasseler Psychologieprofessor Ernst-Dieter Lantermann darüber, warum Corona uns überfordert.

Was macht den Umgang mit der Coronakrise für die Politik und andere Akteure so schwer?

Der Kern des Problems liegt darin, dass die Virus-Epidemie eine höchst komplexe gesellschaftliche Herausforderung ist. Übliche Lösungsstrategien greifen da zu kurz. Das lässt sich gut an einem Beispiel aus unserer Forschung zum Thema veranschaulichen. Wir haben in einem Computerspiel Testpersonen vor die Aufgabe gestellt, ein fiktives afrikanisches Land zu lenken. Dort gab es diverse Problemlagen von Hunger über eine schwache Wirtschaft bis zu einer ansteckenden Krankheit.

Und wie haben sich die Testpersonen verhalten?

Wir konnten immer wieder beobachten, dass gerade moralisch integre Menschen sehr viel Geld investiert haben, um das Gesundheitssystem zu verbessern. Das hatte aber verschiedene Folgen: Die Geburtenrate stieg, man brauchte mehr Nahrung, dann gab es Hungersnöte und die Sterblichkeit stieg stark an. Wer alles auf die Karte Gesundheit setzte, hatte oftmals nach wenigen Jahren das ganze System zerstört. Worauf ich hinaus will: Im Umgang mit komplexen Problemen darf man vor allem eines nicht machen, egal wie alternativlos die Lage scheint: Man darf niemals alles auf eine Karte setzen.

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Und das passiert derzeit, indem nur noch auf das Virus geschaut wird?

Genau. In der Wissenschaft sprechen wir bei diesem Phänomen von Zentralreduktion und der Absolutierung von Zielen. Das heißt, alle Probleme werden auf eine zentrale Ursache zurückgeführt. Und man hat nur noch das Ziel, diese Ursache zu beheben. In unserem Fall: das Coronavirus zu vernichten.

Das ist ja auch erstrebenswert. Was ist das Problem dabei?

Die Pandemie verläuft nicht isoliert von anderen gesellschaftlichen Bereichen. Alles, was im Blick auf das Virus unternommen wird, hat vielfältige Nebenfolgen. Bislang konzentrieren sich die Maßnahmen auf Kontaktbeschränkungen, um Ansteckungen zu vermeiden. Das wirkt sich auch direkt im Gesundheitsbereich aus, indem andere Erkrankungen teils nicht entdeckt oder frühzeitig behandelt werden, weil die Menschen die Vorsorge nicht wahrnehmen oder einen Krankenhausbesuch vermeiden. Aber es hat auch Folgen im Bereich der Bildung, wenn Kinder nicht in Kita und Schule gehen, in der Wirtschaft durch die Schließungen und im Bereich der psychischen Gesundheit durch die soziale Isolation. Diese Kollateralschäden gilt es mit zu berücksichtigen.

Aber was wäre die Alternative, wenn man das Virus eindämmen will?

Ich habe natürlich auch keine Lösung für die aktuelle Situation. Ich möchte nicht mit den Entscheidern tauschen. Würde man die Kontaktbeschränkungen nicht so streng durchziehen, nähme man in Kauf, dass mehr Menschen sterben. Wer würde das verantworten wollen? Trotzdem ist es zu kurzfristig gedacht, denn es sterben und leiden auch Menschen an den Folgen der Corona-Maßnahmen. Was mich vor allem stört, ist die in weiten Strecken einseitige Kommunikation seitens der Entscheidungsträger. Im ersten halben Jahr der Krise hat kaum jemand von diesen negativen Folgen gesprochen.

Welche Lösungsstrategien wenden Menschen typischerweise in solchen herausfordernden Situationen an?

Es gibt bei komplexen Problemen kein Patentrezept. Trotzdem müssen Menschen in solchen unüberschaubaren Situationen handeln. Deshalb nutzen sie typischerweise Strategien der Komplexitätsreduktion, sie vereinfachen das Problem also. Das lässt sich auch in der Coronakrise beobachten. Dabei wird, wie gesagt, alles auf eine Karte gesetzt: nämlich Kontaktbeschränkungen. Führt das nicht zum erhofften Erfolg, wird die Dosis erhöht: Steigen die Werte, wird der Lockdown verschärft. Außerdem kennen wir aus der Forschung sogenanntes ballistisches Verhalten: Akteure treffen Entscheidungen, kümmern sich aber nicht mehr um deren Wirkung. So haben sie das Gefühl, etwas getan zu haben, sie müssen sich aber nicht möglichen Fehlschlägen stellen.

Das klingt so, als fehle ein Plan?

Genau, und das ist ja auch schwer bei einer Problemlage wie Corona, die eine hohe Eigendynamik aufweist und sich ständig verändert. Bisher wirkt das Verhalten der Entscheidungsträger sehr reaktiv, im Augenblick verhaftet und getrieben. Die Politik zieht zwar Virologen und andere Experten heran für ihre Entscheidungen, aber von einer strategischen Beratung zur Problemlösung habe ich noch nichts gehört. Aus meiner Sicht wäre eine Analyse dessen nötig, was bisher gemacht wurde und was für Folgen es hatte. Dafür nimmt man sich angesichts des verspürten Handlungsdrucks offensichtlich keine Zeit.

Die Politik hat bei ihren Entscheidungen ja immer auch die Gunst der Wähler im Hinterkopf. Inwiefern spielt das eine Rolle?

Das spielt eine zentrale Rolle. Politiker wollen nicht nur Probleme lösen, sondern wollen als souverän und kompetent wahrgenommen werden. Oder sich vielleicht als neuer Bundeskanzler empfehlen. Da geht es immer auch ums Ego. Wenn dann noch der Zeitdruck hoch und die Gefahr groß ist, sich in der Öffentlichkeit zu blamieren, geht es nicht mehr um eine möglichst gute Lösung des Problems, sondern vor allem um die Sicherung des Bildes von sich selbst als überlegener Akteur. Das ist ein kaum zu ändernder psychologischer Mechanismus, wenn Menschen sich in ihrem Selbstwert unter Druck sehen.

Da ist es vermutlich wenig hilfreich, wenn jedem Plan der Politik ein Aufschrei folgt und jede missglückte Aktion mit Rücktrittsforderungen quittiert wird.

Dadurch wird das Phänomen noch befeuert. Der Selbstwertschutz wird zum zentralen Antrieb für das Handeln. Das führt zu einem Aktionismus, der darin besteht, vollmundig Maßnahmen und Ziele anzukündigen. Das Machen bleibt dann aber häufig aus. Hauptsache, man demonstriert nach außen, dass man weiß, was zu tun ist.

Wie ordnen Sie da Merkels Entschuldigung angesichts der missglückten Ruhetage vor Ostern ein?

Das war ein seit vielen Monaten ersehntes kleines symbolisches Äktchen der Einsicht, dass Fehler gemacht werden. Ich fand das gut. Es ist viel Vertrauen in die Politik verloren gegangen und es wird viel zu wenig unternommen, um dieses Vertrauen wieder herzustellen.

Wie wäre das möglich?

Die Entscheidungsträger müssten viel mehr kommunizieren und die Menschen einbeziehen, die von den angeordneten Maßnahmen betroffen sind. In der Psychologie kennt man das Phänomen der Reaktanz. Gemeint ist damit: Wenn mir etwas weggenommen wird, ohne dass ich eingewilligt habe, wird es mir plötzlich ganz wichtig. Viele Menschen gehen nie in Kneipen. Aber jetzt, wo Bars und Restaurants geschlossen sind, fühlen sie sich in ihrer Freiheit eingeschränkt. Menschen verhalten sich nur vernünftig, wenn sie Verbote und Gebote zu ihren eigenen machen. Eine Demokratie ist angewiesen auf selbstbestimmte Bürger. Deshalb muss die Politik viel stärker um Zustimmung werben. Das geht nur im Dialog, etwa über Bürgerräte oder andere Formen der Beteiligung.

Was wäre jetzt wichtig, um die verfahrene Situation zu verbessern?

Vor allem Kompromissfähigkeit. Und dafür ist eine öffentliche Debatte notwendig. Kompromisse tun weh, vor allem, wenn Leben und Tod auf dem Spiel stehen. Umso wichtiger ist es, dass viele verschiedene Perspektiven von den Entscheidungsträgern eingenommen werden. Man kann die Coronakrise nicht nur mit Politikern und Virologen bewältigen. Aus der Forschung ist bekannt, dass auch Expertenteams dramatisch schlechte Einscheidungen treffen können: und zwar, wenn die Teilnehmer eine homogene Gruppe bilden. Wenn man zuletzt die Corona-Krisensitzungen von Bund und Ländern verfolgte, hatte man den Eindruck, dass hier die Gruppe der Berufspolitiker unter sich blieb, denen man ähnliche Motivlagen wie Macht oder Prestige, vergleichbares Wissen und ähnliche Lösungsperspektiven auf das Problem unterstellen kann. So wird man einem so komplexen Problem wie Corona nicht gerecht.

Nun ist es leicht, der Politik ihre Mangelhaftigkeit vorzuwerfen. Wie steht es um uns als Bürger?

Wir ticken nicht anders als die Menschen in der Politik, mit dem Unterschied, dass wir uns mit unserem Denken und Handeln nicht öffentlich verantworten müssen. Auch viele Normalmenschen vereinfachen das Problem, indem sie sagen: Schuld an der Misere ist die politische Elite. Oder: Es gibt kein Corona. Oder Verschwörungsideologien bemühen. Auch wir stehen unter hohem emotionalem Druck und dichotomisieren die Welt: Es gibt nur noch gut und böse, falsch und wahr, Freund und Feind. Viele Menschen suchen in so einer Situation gern nach Schuldigen, seien es Politiker, Journalisten, Wissenschaftler oder Ausländer. Und sie schließen sich zu Gruppen Gleichgesinnter zusammen, um nicht mit gegenteiligen Meinungen und Informationen konfrontiert zu werden. All das sind Strategien, um den Selbstwert zu schützen.

Also verstärkt Corona die Spaltung der Gesellschaft?

Die aktuellen Herausforderungen der Pandemie führen zu einer Atmosphäre der Dauergereiztheit und hohen Aggression. Das macht es politisch Verantwortlichen noch schwerer, vernünftig langfristige Strategien zur Eindämmung des Virus und zur Entwicklung unserer Gesellschaft in der Pandemie zu entwerfen. (Katja Rudolph)

Aktuelle Informationen zur Corona-Lage in der Region Kassel gibt es in unserem News-Ticker.

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