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Immer mehr „Querdenker“ bei „Spaziergängen“ in der Region

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Von: Matthias Lohr

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Abschlusskundgebung auf dem Platz vor dem Kulturbahnhof: Hier trafen die „Querdenker“ bei ihrem „Spaziergang“ auf die Teilnehmer einer angemeldeten Veranstaltung.
Abschlusskundgebung auf dem Platz vor dem Kulturbahnhof: Hier trafen die „Querdenker“ bei ihrem „Spaziergang“ auf die Teilnehmer einer angemeldeten Veranstaltung. © Matthias Lohr

Mehr als 300 „Querdenker“ ziehen am Montagabend durch Kassel. Es ist der bislang größte „Spaziergang“. Die Bewegung bekommt immer mehr Zulauf.

Kassel – Am Ende des bislang größten „Spaziergangs“ der Kasseler „Querdenker“ steht ein Mann auf dem Bahnhofsvorplatz und prophezeit: „Wir werden siegen.“ Er meint, dass die Corona-Wahrheit siegen werde, wie er später sagen wird. Der Mann stellt sich schon seit Monaten mit Schildern vor eine Kasseler Schule, um Kinder und Jugendliche etwa vor angeblich schädlichen Corona-Masken zu warnen. Dies ist das, was er für die Wahrheit hält. Der Schulleiter sagte der HNA, dass die Schüler ihn nicht ernst nehmen.

Aber wie ernst muss man den Protest gegen die Corona-Maßnahmen und das Impfen nehmen, der seit Wochen wieder an Zulauf gewinnt und vor dem Innenminister und Verfassungsschützer warnen, weil er immer radikaler wird? Am Montagabend (27.12.2021) gingen laut Polizei mehr als 300 „Querdenker“ bei einem „Spaziergang“ durch Kassel. Die meisten von ihnen starteten an der Friedenskirche im Vorderen Westen. Dieser Rundgang war nicht angemeldet. Eine angemeldete Veranstaltung mit 25 Teilnehmern begann ebenfalls um 18 Uhr am Holländischen Platz. Am Ende gab es eine Kundgebung auf dem Bahnhofsvorplatz. In der gesamten Innenstadt waren zahlreiche Polizisten im Einsatz.

Corona in Kassel und Nordhessen: Etliche Spaziergänge von Querdenkern

Beim Spaziergang vor einer Woche hatte die Polizei lediglich 50 Teilnehmer gezählt. Überall in der Republik finden die „Querdenker“ wieder Zulauf. Teilweise kommt es zu Gewalt. In Kassel bleibt am Montag dagegen alles friedlich – ebenso wie in vielen anderen nordhessischen Städten, wie ein Polizeisprecher mitteilt: So hätten sich in Frankenberg 250 Menschen zum „Spaziergang“ getroffen, in Eschwege 200 und in Vellmar 50.

In Kassel sieht man Familien mit Kindern, Frauen, die Mützen mit dem Aufdruck „Sei mutig – denke selbst“ tragen, und auch einen Mann, der einst im rechtsextremen Netzwerk „Blood and Honour“ aktiv war.

Kassel: Corona-Querdenker protestieren gegen Impfpflicht

Nun stellen sie Kerzen vor dem Rathaus ab, rufen „Frieden, Freiheit“, singen Weihnachtslieder und die Nationalhymne. Wie in der Vorwoche ist auch der Kasseler Rechtsanwalt und der ehemalige AfD-Politiker Manfred Mattis dabei. Einen Tag später sagt der 65-Jährige am Telefon, dass er doppelt geimpft, aber gegen eine Impfpflicht sei, da mit ihr „in die grundrechtlich geschützte körperliche Unversehrtheit eingegriffen“ werde: „Dagegen sollte sich jeder Demokrat wehren. Ich bin solidarisch mit allen, die sich aus nachvollziehbaren Gründen nicht impfen lassen wollen.“

Mattis lobt die Polizei. Eine Woche zuvor hatten die Beamten noch eine Frau festgenommen, nachdem sie versucht hatte, eine Absperrung zu durchbrechen. Diesmal kommt es laut dem Polizeisprecher zu keinen besonderen Vorkommnissen. Am Ende des Tages wird es lediglich vier Anzeigen wegen Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz geben. Die Teilnehmer hatten bei der Schlusskundgebung der angemeldeten Demo keine Maske getragen. Dort galt die entsprechende Auflage. Die Teilnehmer des „Spaziergangs“ mussten dagegen keine Masken aufziehen.

Kassel: Auch AfD-Politiker bei „Spaziergang“ dabei

Die „Querdenker“ deklarieren den „Spaziergang“ als „Spontanversammlung“, für die es keine Anmeldepflicht gibt. Die Frage, wann ein „Spaziergang“ doch zur Versammlung wird, betrifft „einen sehr komplexen Rechtsbereich“, wie ein Stadtsprecher auf Anfrage mitteilt. Letztlich müsse dies jeweils im Einzelfall betrachtet werden. Ist etwa keine Versammlungsleitung auszumachen, kann die Polizei den „Spaziergang“ auflösen.

Dazu kam es am Montag nicht. Für den AfD-Mann Mattis war „die Mitte der Gesellschaft vertreten“. Einige Teilnehmer hätten ihm gesagt: „Wenn noch mehr Druck ausgeübt wird, werde ich mich erst recht nicht impfen lassen.“

Corona in Kassel: Polizei beobachtet Querdenker „sehr wachsam“

Die Polizei wird die Bewegung „weiterhin sehr wachsam beobachten“, wie der Sprecher sagt. Er verweist auf die bundesweiten Teilnehmerzahlen, die überall zunehmen.

Die „Querdenker“ sind überzeugt, dass bald noch mehr mit ihnen spazieren gehen. Eine von ihnen rief den Teilnehmern auf dem Bahnhofsvorplatz zu: „Wir gehen so lang spazieren, bis dieses Ding zu Ende ist.“ (Matthias Lohr)

Schon am 20. März demonstrierten 20.000 „Querdenker“ in Kassel, die Situation eskalierte. Die Stadt stand unter Schock – und reagierte. Mittlerweile hat sich der Protest radikalisiert.

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