Bessere Luft, weniger Straftaten

Ein Blick auf Kassel: Wie sich die Stadt durch Corona verändert

Kassel: Wie sich die Stadt durch Corona verändert
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Ein aktueller Blick auf Kassel: Die Coronakrise ist nicht spurlos an der Stadt vorbei gegangen. Ein Blick auf die Zahlen zeigt die Auswirkungen des Virus.

Die vergangenen beiden Monate sind nicht spurlos an Kassel vorbeigegangen. Die Stadt hat sich während der Coronakrise verändert. Das zeigt ein Blick auf die Zahlen.

  • Aufgrund der Coronakrise wurde das öffentliche Leben enorm eingeschränkt
  • Das führte zu Veränderungen, die in Kassel spürbar und sichtbar sind
  • Weniger Straftaten, bessere Luft und mehr Demonstrationen sind nur einige davon 

Kassel - 20 Demonstrationen fanden in Kassel seit Inkrafttreten der Corona-Verordnungen Mitte März statt, eine Versammlung wurde – vor der richtungsweisenden Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts – verboten. Es mag erstaunen: Aber das sind viermal so viele Demos wie im Vorjahreszeitraum: Da gab es nur fünf.

Im gesamten vergangenen Jahr wurden 212 Versammlungen bei der Stadt angemeldet – was einen Durchschnittswert von 17,6 Demos pro Monat ergibt. Von einer radikalen Einschränkung des Grundrechts auf Versammlungsfreiheit kann also nicht die Rede sein. Allerdings gelten derzeit besondere Auflagen: So wird die maximale Anzahl der Teilnehmer je nach dem gewählten Versammlungsort festgelegt. Zudem gelten die allgemeinen Abstands- und Hygieneregeln und die Empfehlung, einen Mundschutz zu tragen.

Corona in Kassel: Auswirkungen des Viruses - Bessere Luft 

  • 24,9 Mikrogramm betrug der Monatsmittelwert der Stickstoffdioxid-Belastung (NO2) im April an der Rathauskreuzung in Kassel. Dies geht aus Daten des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) hervor, das dort eineLuftmessstation betreibt. Damit ist die Luft – aufgrund des geringeren Verkehrsaufkommens – dort wesentlich sauberer geworden. Vor Corona lagen die Mittelwerte in der Regel zwischen 30 und 40 Mikrogramm.
  • 25 Prozent mehr Fahrräder der Firma Nextbike wurden im April im Vergleich zum Vorjahresmonat ausgeliehen. Laut einer Sprecherin des Leipziger Unternehmens liegt das nicht nur an Corona, sondern auch am schönen Wetter. Bereits im März hatte Nextbike ähnliche Steigerungen gegenüber 2019 verzeichnet. Zudem gab es überdurchschnittlich viele Neuregistrierungen. Wie populär Radfahren ist, sieht man auch auf den Fernradwegen an der Fulda, auf denen an sonnigen Wochenenden dichtes Gedränge herrscht.

Corona in Kassel: Auswirkungen auf Lieferservice

Kaum Betrieb wegen Corona in Kassel: Im März und April war auf den Straßen längst nicht so viel los wie sonst. 

  • 30 Prozent weniger Behandlungen hatten die Physiotherapeuten in den vergangenen Wochen. „Bei einigen waren es sogar 40 Prozent“, sagt Sascha Seifert von Rehamed. „Damit fehlt uns auch ein Drittel vom Umsatz.“ Zwar sei die Branche als systemrelevant eingestuft worden, viele Patienten hätten aber aus Sorge vor einer Ansteckung ihre Termine abgesagt, sodass zahlreiche Praxen Kurzarbeit angemeldet hätten. Nun geht es aber bergauf: „Die Angst lässt nach“, sagt Seifert.

  • 30 Prozent weniger Bestellungen als üblich gab es beim Pizza Heimservice an der Wilhelmshöher Allee zu Beginn der corona-bedingten Beschränkungen, sagt Chef Pejman Khalili. Mittlerweile würde sich die Nachfrage wieder normalisieren. Interessant: Es wurde weniger Salat bestellt, mehr Pizza. Die klassischen Stoßzeiten gab es zuletzt nicht. Bestellt wurde kontinuierlich, was daran liegt, dass bei vielen der klassische Arbeitsalltag unterbrochen wurde.

Corona in Kassel: Weniger Staus und Straftaten

  • 40 Prozent beträgt der Rückgang beim Stau-Niveau, den das Unternehmen Tomtom erhebt. Trotzdem gibt es weiterhin Verkehrsbehinderungen. Im April lag das Stau-Niveau gleich fünfmal bei mindestens 60 Prozent. Das bedeutet, dass eine Fahrt durchschnittlich um 60 Prozent länger dauert, als sie ohne Verkehrsbehinderung dauern würde. Die Stadt verzeichnete an ihren Zählstellen bereits im März einen Rückgang des Verkehrs von teilweise mehr als 50 Prozent. Auch wenn das Verkehrsaufkommen mittlerweile nur noch um 10 bis 30 Prozent niedriger ist als normal, führt das zu weniger Unfällen, wie es von der Polizei heißt. 
  • Sie verzeichnete seit Beginn der Coronakrise auch weniger Straftaten, berichtet Pressesprecher Matthias Mänz – ohne konkrete Zahlen nennen zu können. Der Fakt, dass die Kriminalität zurückgegangen ist, beziehe sich auch auf den Bereich der häuslichen Gewalt. Eine häufig geäußerte Befürchtung scheint sich also nicht zu bestätigen: dass es während der Beschränkungen zu mehr Straftaten innerhalb der eigenen vier Wände kommt.

Corona in Kassel: 73 Prozent weniger Fahrgäste verzeichnet die KVG

  • 50 Prozent weniger Umsatz verzeichnen die sechs Tankstellen der Firma Albert Beck seit Corona-Beginn. Die Durchschnittsmenge, die abgegeben wird, hat sich laut Geschäftsführer Dirk Lassen nicht verändert. Es kommen nur einfach weniger Kunden. Ausnahme ist die Tankstelle in Lohfelden, wo keinerlei Umsatzrückgang spürbar ist. Darüber wundert sich Lassen selbst: „Wir haben keine Erklärung dafür.“ In allen Tankstellen-Shops wird etwas mehr Bier und Wasser verkauft. „Vermutlich wollen die Kunden wegen kleiner Einkäufe nicht in den Supermarkt“, sagt Lassen.
  • 73 Prozent weniger Fahrgäste hat die Kasseler Verkehrsgesellschaft (KVG) seit dem Beginn der Coronakrise befördert. Vor einem Jahr fuhren noch durchschnittlich 140.000 Menschen pro Tag mit der Straßenbahn und 40 000 mit dem Bus. In den vergangenen Wochen waren nur noch 36.000 Fahrgäste pro Tag mit der Bahn unterwegs und 12 000 mit dem Bus. Insgesamt verzeichnet die KVG, die zwischenzeitlich ihr Angebot deutlich reduziert hatte, einen erheblichen Einbruch. Nur noch 27 Prozent der sonst üblichen Fahrgastzahlen wurden registriert. Trotzdem gab es auch Beschwerden über zu volle Bahnen im Berufsverkehr.

Corona in Kassel: Auswirkungen auf Kitas, Krankenhäuser und Schulen

  • 88 Prozent der Betreuungsplätze für Kinder im Kita-Alter liegen in Kassel derzeit brach. Insgesamt gibt es nach Angaben des städtischen Jugendamts 10 550 Plätze in Krippen und Kitas, bei Tagesmüttern und in Horten. Aktuell sind 1308 Kinder in der Notbetreuung. Das entspricht rund 12 Prozent. Zum Vergleich: Anfang April waren noch 340 Kinder in der Notbetreuung (3 Prozent). Vor drei Wochen war der Anspruch auf Notbetreuung, der für Eltern in sogenannten systemrelevanten Berufen galt, ausgedehnt worden auf Alleinerziehende sowie weitere Berufsgruppen.
  • 100 Patienten mit Verdacht auf oder bestätigter Covid-19-Infektion wurden seit Beginn der Pandemie auf den Intensiv- und Normalstationen des Klinikums Kassel behandelt. Gleichzeitig wurden alle planbaren Eingriffe abgesagt. Zu Hochzeiten der Pandemie lag die Auslastung in dem Krankenhaus etwa 50 Prozent unter der regulären Belegung, da die Klinik für einen möglichen Anstieg der Corona-Fälle Betten freigehalten hat. Mittlerweile kehrt die Klinik langsam zum Regelbetrieb zurück. Die Auslastung liegt nun bei etwa 30 Prozent unter der regulären Belegung.
  • 3409 Schüler aus Kassel Stadt und Landkreis gehen zurzeit zur Schule. Die reguläre Gesamtzahl aller Schüler in Kassel und im Landkreis beläuft sich aber auf 53 853.

Corona in Kassel: 13,5 Prozent mehr Arbeitslose als noch im März

  • 3800 Taxifahrten pro Woche weniger hat die Kasseler Taxi-Zentrale 88111 seit Beginn der Corona-Pandemie zu verkraften. Damit sei das Fahrtenvermittlungsgeschäft auf knapp ein Viertel des Üblichen geschrumpft, berichtet Geschäftsführer Markus Semmelroth. Im April habe die Zentrale wöchentlich noch etwa 1200 Fahraufträge vermittelt, vor Corona seien 5000 üblich gewesen. Fahrgäste, die spontan am Halteplatz in ein Taxi steigen, gebe es im Moment fast überhaupt nicht mehr. Auch das Nachtgeschäft, wo sonst Kneipenbummler und Veranstaltungsgäste gefahren werden, sei praktisch zum Erliegen gekommen, sagt Semmelroth: „Wenn nicht ein paar Lokführer zur Nachtschicht auf den Rangierbahnhof müssten, würde nachts überhaupt keiner mehr Taxi fahren.“
  • 17.551 Menschen sind aktuell im Bezirk der Kasseler Agentur für Arbeit, zu dem Stadt und Landkreis Kassel sowie der Werra-Meißner-Kreis zählen, arbeitslos. Das sind 13,5 Prozent mehr als im März und 19 Prozent mehr als im April 2019. Die Arbeitslosenquote liegt derzeit bei 6,1 Prozent und damit 0,7 Punkte über dem Vormonat und 0,9 Punkte über dem Vorjahresmonat. Gleichzeitig haben die Stellenofferten dramatisch abgenommen. Gab es im März noch 1105 neue Stellenangebote, waren es in der April-Statistik nur noch 523. 

Viele Unternehmen nutzen in der Krise das Instrument Kurzarbeit. Im April registrierte die Arbeitsagentur 2491 geprüfte Anzeigen auf Kurzarbeitergeld für 25.913 Beschäftigte. „Das ist eine Kurzarbeitergeld-Nachfrage bislang unbekannten Ausmaßes. Sie zieht sich durch alle Branchen und Betriebsgrößen“, sagt Agenturchef Detlef Hesse. Er rechnet mit einem sehr deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit und auch einer Vielzahl an Insolvenzen in den nächsten Monaten in der Region.

Corona in Kassel: Stehen die Kasseler später auf?

64.944 Kubikmeter Wasser flossen im April durchschnittlich pro Tag in die Kasseler Kanalisation. Weil mehr Menschen zu Hause sind, war zu vermuten, dass der Wasserverbrauch höher ist. Dies ist möglich – lässt sich aber nicht so einfach belegen. Denn das tägliche Abwasservolumen lag im April 2019 mit 63 939 Kubikmetern nur unwesentlich darunter. 

Allerdings, so Kasselwasser, werde nicht differenziert, ob das Abwasser aus den Haushalten, aus Unternehmen oder durch Niederschläge anfällt. Nach Auskunft der Städtischen Werke Netz und Service GmbH steigt der Verbrauch im Tagesverlauf später als vor Corona. Die Menschen stehen offenbar später auf als sonst.

Alle Informationen zum Corona in Kassel gibt es in unserem aktuellen News-Ticker. Alle Geschäfte dürfen wieder öffnen, Training im Freizeitsport und in Fitnessstudios wird erlaubt - ebenso Veranstaltungen bis 100 Teilnehmer. Eine Übersicht über die Corona-Lockerungen für Kassel.

In Kassel leuchten viele Gebäude rot. Mit der Aktion wollen die Veranstalter die Veranstaltungswirtschaft retten, die durch die Coronakrise kurz vor dem Aus steht.

mak/rud/chr/hag/mal/tso/use/nis/asz

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