Eine Woche im Koma

Coronavirus: Frau kämpft sechs Wochen ums Überleben

Frau aus Fritzlar überlebt schweren Covid-19 Velrauf am Klinikum Kassel
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Sie war schwer an Covid-19 erkrankt: Christina Bräutigam aus Fritzlar lag im April auf der Intensivstation im Klinikum Kassel. Sieben Tage lag die 51-Jährige im künstlichen Koma, angeschlossen an einer Herz-Lungen-Maschine.

Diese Frau besiegt Corona. Trotz Koma und Intensivstation hat sie das Virus überstanden.

Kassel – Die Luft blieb weg. „Wenn ich jetzt einschlafe, dann höre ich auf zu atmen“, war Christina Bräutigam überzeugt. Ihr Mann alarmierte in dieser Nacht den Notarzt. Das war am 30.03.2020. Sechs Wochen sollten folgen, bis sich das Ehepaar aus Fritzlar wiedersehen konnte. Dass es sich überhaupt wieder in die Arme nehmen konnte, war zwischenzeitlich alles andere als gewiss. Christina Bräutigam rang auf der Covid-19-Intensivstation am Klinikum Kassel um ihr Leben.

Wo und wie sie sich mit dem Coronavirus infiziert haben könnte – die 51-Jährige weiß es nicht. Kontakt zu anderen nachweislich Infizierten hatte sie nicht, war in keinem Risikogebiet. Niemand in der Familie außer ihr zeigte Symptome. Vielleicht ist es beim Einkaufen passiert, vielleicht in der Freizeit, mutmaßt sie. Kopfschmerzen waren die ersten Krankheitsanzeichen, zu denen sich rasch hohes Fieber gesellte. Das sank zwar schnell, doch die Mattigkeit blieb. Dass sie sich kurzatmig fühlte, schob Christina Bräutigam auf ihre Pollenallergie.

Der Bereitschaftsarzt, den sie an jenem letzten Märzwochenende aufsuchte, tippte auf eine Grippe und verschrieb ein Antibiotikum. Einen Corona-Abstrich veranlasste er nicht. Er hätte auch keine Klarheit gebracht: Christina Bräutigam war an Corona erkrankt, ohne dass einer von vier folgenden Abstrichen positiv ausgefallen war. Weder die Abstriche, die im Krankenhaus in Bad Wildungen, wohin sie der Rettungswagen gebracht hatte, noch die im Klinikum Kassel, wohin sie nach zwei Tagen verlegt wurde. Denn die Sauerstoffsättigung hatte inzwischen deutlich abgenommen.

„Die Diagnose konnten wir aufgrund des CT-Befunds stellen“, erklärt Privatdozentin Dr. Caroline Rolfes, Oberärztin der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie am Klinikum.

Im Bild wurde die typische Corona-Lunge sichtbar. Sichtbar war vor allem der schlechte Zustand der Patientin aus Fritzlar. „Er war kritisch“, erzählt Rolfes rückblickend. Weil sie ihre Atmung nicht mehr selbst aufrecht erhalten konnte, musste Christina Bräutigam ins künstliche Koma verlegt und intubiert werden.

Dr. Caroline Rolfes, Oberärztin am Klinikum Kassel.

„Diese Nachricht war der Tiefpunkt“, sagt Ehemann Frank Bräutigam, und seine Frau wischt sich die Tränen aus den Augen. Sie selbst hatte ihm die Nachricht aufs Mobiltelefon geschickt. Verbunden mit der Angst, dass sie sich womöglich nicht mehr wiedersehen werden. „Das reißt einem den Boden unter den Füßen weg“, sagt der so besonnen wirkende Schreiner. Bei aller Sorge habe er sich von den behandelnden Ärzten aber bestens informiert und begleitet gefühlt. Sie hätten ihm Mut gemacht, seiner Frau helfen zu können. Sieben Tage lag Christina Bräutigam an der Herz-Lungen-Maschine im künstlichen Koma, bevor der Schlauch wieder entfernt und durch eine Maske ersetzt werden konnte. Die Narben am Hals sind noch sichtbar.

Das Atmen musste die 51-Jährige wieder lernen. Nach über drei Wochen auf der Intensivstation wurde Christina Bräutigam in eine Vor-Rehaklinik nach Bad Wildungen verlegt. Es ging bergauf. „Anfangs mit Rollstuhl und Sauerstoffflasche, dann mit dem Rollator und schließlich auf den eigenen, noch wackeligen Beinen“, schildert sie.

Nach sechswöchigem Klinikaufenthalt konnte sich das Ehepaar endlich wieder in die Arme nehmen, bevor Christina Bräutigam im Juni noch eine vierwöchige Heilbehandlung in Bad Lippspringe antrat. „Es war wichtig, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen.“ Im Blut der 51-Jährigen sind inzwischen Antikörper gegen das Coronavirus nachgewiesen worden. Eine Garantie, sich nicht erneut zu infizieren, sei das aber nicht. Einen Mund-Nasen-Schutz hat Christina Bräutigam deshalb immer dabei – und nur wenig Verständnis für jene, die das Tragen einer Maske ablehnen. Sie weiß nun aus eigener, bitterer Erfahrung: „Es kann jeden treffen.“ Sie hat aber erfahren, dass es Hilfe gibt.

„Der Zeitfaktor ist entscheidend“, sagt Medizinerin Rolfes. Sie und ihre Kollegen seien anfänglich schockiert gewesen von dem, was die noch unbekannte Krankheit namens Covid-19 auslösen kann, etwa extrem hohe Entzündungswerte. „Aber wir haben auch viel gelernt“. Bei Christina Bräutigam hat ein Spezialmedikament geholfen, das die massiven Entzündungsreaktionen hemmt.

Ob sie sich nun gesund fühlt? „Jein“, sagt die Mutter zweier erwachsener Söhne. Psychisch und motorisch gehe es ihr gut. „Beim Treppensteigen wird die Luft aber noch knapp.“ Jetzt sehne sie sich vor allem nach dem „langweiligen Alltag“, verrät sie lachend. Ihre Arbeit im Büro des Schreinerbetriebs ihres Mannes hat Christina Bräutigam wieder aufgenommen. Letzte Woche haben die beiden Silberhochzeit gefeiert. Sie haben nichts weniger gefeiert, als dass nach 25 gemeinsamen Jahren glücklicherweise noch viele folgen können. (Anja Berens)

Informieren Sie sich zu der Entwicklung der Corona-Pandemie in der Region Kassel in unserem News-Ticker.

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