Beobachtungen

Coronavirus in Kassel: Leere Restaurants und volle Wartezimmer - So beeinflusst das Virus den Alltag

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Seltenes Bild: So leer kennt man das Restaurant „Avanti“ in der Königs-Galerie nicht. Unser Bild entstand kurz vor der Mittagszeit. Gastronom Michele Luciano sagt, dass derzeit bis zu 50 Prozent weniger Gäste als sonst kommen.

Das Coronavirus beeinflusst auch das Leben von Nicht-Infizierten. So sieht der der Alltag in Kassel aus. 

  • Das Virus breitet sich immer mehr Nordhessen aus
  • Auch für Nicht-Infizierte  gibt es in Kassel Auswirkungen auf den Alltag 
  • Vor allem Gastronomen klagen über Besucherrückgang

Das Coronavirus hat Nordhessen erreicht. Infizierte bleiben in Quarantäne - für gesunde Menschen geht das Leben weiter. Das Wissen um das Virus beeinflusst jedoch ihren Alltag – oder doch nicht? Eindrücke aus Kassel.

Der neue Coronavirus-Gruß verbreitet sich in Kassel 

Pressekonferenz bei der GWG. Geschäftsführer Peter Ley verzichtet darauf, jedem Gast die Hand zu geben. Er benutzt die neue Art der Höflichkeit: Unterarm an Unterarm – der Corona-Gruß, der nichts mit Yoga zu tun hat.

Coronavirus-Hamsterkäufe in Kassel: Das Kalauer-Klopapier

Eine Szene aus einem großen Supermarkt. Eine Kundin braucht dringend Klopapier. Die üppige Regalfläche für Toilettenpapier ist allerdings weitgehend leergekauft – bis auf eine einzige Sorte mit aufgedruckten Scherz-Sprüchen auf jedem Blatt. Das entspricht absolut nicht dem Geschmack der Frau, aber notgedrungen hat sie sich dennoch reichlich bevorratet. Und wird jetzt längere Zeit mit Kalauern wie „Noch zwei Mal joggen, dann ist Weihnachten“ mehrmals täglich dazu ermuntert, die Corona-Zeit mit Humor zu nehmen.

Der Zahnarzt-Spruch zum Coronavirus in Kassel

In der Zahnarztpraxis im Vorderen Westen in Kassel: Eine langjährige Patientin geht mit ausgestreckter Hand und einem Lächeln auf ihren Zahnarzt zu. Der winkt ab. „Soll man doch nicht mehr“, sagt er und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Stellen Sie sich einfach vor, ich wäre Herr Höcke.“

Der Gastronom ist in Kassel wegen des Coronavirus besorgt

Ein Besuch bei Michele Luciano, der seit 25 Jahren das Restaurant „Avanti“ in der Königs-Galerie in Kassel betreibt. So leer wie jetzt sei der Laden noch nie gewesen, sagt der Gastronom. „Montagabend waren nur 50 Prozent der Plätze besetzt.“ Derzeit arbeite er noch mit vollem Personal, aber wenn sich die Situation nicht ändere, dann müsse er vielleicht jemanden in den Urlaub schicken, sagt Luciano, der aus Apulien stammt. In seiner süditalienischen alten Heimat seien seine Freunde und Verwandten zum Glück noch nicht am Coronavirus erkrankt.

So wirkt sich Coronavirus auf den Alltag in Kassel aus: Die ideenreiche Händlerin

In der Wilhelmsstraße in Kassel, ein Blick in das Modegeschäft „Stella“. „Für kleine Händler kann es ans Eingemachte gehen“, sagt Geschäftsführerin Gabriele Lanz. Im Moment mache man im Laden 20 bis 30 Prozent weniger Umsatz als sonst um diese Jahreszeit. Die neue Frühjahrs- und Sommerware, die jetzt in den Laden komme, müsse trotzdem bezahlt werden, ebenso wie die Gehälter für die Angestellten. „Hamsterkäufe machen die Kundinnen leider bei uns nicht“, sagt Lanz. 

Die Fußgängerzone ist leer: Nur wenige Menschen waren gestern Vormittag auf der Oberen Königsstraße unterwegs. Neben der Angst vor dem Coronavirus schreckt aber auch das schlechte Wetter ab, in die Innenstadt zu gehen.

Hinzu komme der Regen in dieser Woche. Das Team von „Stella“ lasse sich aber etwas einfallen, um den Kundinnen etwas zu bieten. Am Freitag und Samstag gebe es ein Event mit dem Label „Mos Mosh“. Dazu werde Erdbeerbowle mit Bio-Rosenblättern gereicht. Die Kundinnen verhielten sich ganz unterschiedlich, sagt Lanz. „Manche fallen uns weiter in den Arm, andere halten Abstand und fassen die Türgriffe nicht mal mehr mit der Hand an.“

Coronavirus in Kassel: Die volle Patisserie

Wie sieht es dort aus, wo es Kaffee und Kuchen und andere schöne Dinge gibt? Torten und Pralinen gehörten nicht zu den Lebensmitteln, die bei Hamsterkäufen besorgt werden, sagt Helene Jordan, Mitarbeiterin der Patisserie Christian Bach am Florentiner Platz. Die Angst vor dem Coronavirus merke man derzeit „kaum“. In der Zeit vor Ostern, in der auch gefastet wird, würde ohnehin weniger Süßes verspeist. Nichtsdestotrotz sei der Laden am Montag „proppevoll“ gewesen. „Ich gebe den Kunden auch noch die Hand und die schrecken nicht davor zurück“, sagt Jordan.

Coronavirus: Der Frühlingsbote am Königsplatz in Kassel

Eine letzte Station in der Innenstadt: Frank Rohde, Chef von Samen Rohde am Königsplatz, versucht derzeit, sich abzugewöhnen, anderen Menschen die Hand zu geben. Immer gelinge das noch nicht. Die Menschen, die in seinen Laden kommen, seien im Umgang vorsichtiger geworden. 

Allerdings kämen bislang noch nicht weniger Kunden, um Samen und Blumenzwiebeln zu kaufen. „Bei uns wirkt sich das Wetter mehr auf den Umsatz aus als die Konjunktur oder Corona“, sagt Rohde.

Coronavirus: Die Kasseler Tafel

Ein Anruf bei der Kasseler Tafel. Wie ist die Situation dort? Die Hamsterkäufe hätten zu einem Rückgang der Lebensmittelspenden geführt, berichtet Vorsitzender Hans-Joachim Noll. In den vergangenen 14 Tagen habe man deutlich weniger Ware von Supermärkten bekommen. „Wir hatten deutlich weniger für unsere Kunden, das hat uns leidgetan“, sagt Noll, er weist aber zugleich darauf hin, dass die Tafel ja kein Vollversorger sei. Er hofft, dass das Spendenaufkommen bald wieder steigt. „Auch die Geschäfte stellen sich auf die Situation ein und werden anders disponieren“, vermutet Noll.

Coronavirus wirkt sich auf Alltag in Kassel aus: Die vorsichtige Verkäuferin 

Beim Bezahlen im Supermarkt fällt die Kassiererin auf, die neben der Kasse Desinfektionsspray stehen hat. Die Vorsicht wird hier sichtbar.

Ist es Coronavirus oder nur die Grippe? Der gewissenhafte Hausarzt

Ist es nur eine normale Erkältung oder muss man bei Fieber und Ohrenschmerzen den Hausarzt aufsuchen? Mit dieser Frage ist man einer von ganz, ganz vielen Patienten, die im Moment verunsichert sind. Umso größer ist die positive Überraschung, als abends um 20.30 Uhr dann doch noch das Telefon klingelt und der Hausarzt – wie am Vormittag angekündigt – dran ist. Früher sei es leider nicht gegangen, sagt der und bekommt dafür vollstes Verständnis. Nein, es sei nicht nötig, in die Praxis zu kommen. Er werde eine Krankschreibung für eine Woche ausstellen, sagt er noch und verabschiedet sich dann.

Die Coronavirus-Angst in Kassel sorgt für gefüllte Wartezimmer

In der Gemeinschaftspraxis von Dr. Sabine Frohnes und Julia Reich ist viel los. „Im Winter ist es immer voll“, sagt Frohnes. Allerdings gebe es Nachfragen besorgter Patienten wegen desCoronavirus. Einige Patienten kämen ohne Absage nicht zu geplanten Terminen. Vielleicht auch wegen der Angst vor Corona. Ein Ärgernis sei das auf jeden Fall, da die Termine nicht nachbesetzt werden können.

Das Coronavirus sorgt für volle Mensen der Uni Kassel

In einigen Mensen der Kasseler Hochschule wurden bereits Desinfektionsmittelspender für die Gäste aufgestellt. Weitere sollen nach Auskunft des Studierendenwerks Kassel noch folgen. Während am Uni-Standort Wilhelmshöher Allee (Ing-Schule) in den vergangenen Tagen weniger los zu sein schien als üblich, ist es in der Zentralmensa so voll, wie man es in der vorlesungsfreien Zeit erwarten kann. Das Studentenwerk hat jedenfalls noch keinen signifikanten Rückgang an Gästen wahrgenommen.

Happy End trotz Coronavirus?

Zum Schluss noch eine Klopapieranekdote. Ein Besuch in einem Discounter, Bad Wilhelmshöhe, Montagabend. Ein Blick in das Regal mit dem Toilettenpapier: Eine Sorte hat den schönen Namen „Happy End“, und das Problem ist aber, dass es derzeit kein „Happy End“ gibt. Die Hoffnung ist, dass es irgendwann wiederkommt.

Von Ulrike Pflüger-Scherb, Florian Hagemann, Axel Schwarz, Katja Rudolph, Thomas Siemon und Daniel Seeger

Die Coronavirus-Pandemie wirkt sich stark auf die Kliniken in Kassel aus.

In Nordhessen gibt es derzeit vier bestätigte Corona-Fälle. Große Veranstaltungen wie die Technorama in Kassel wurden abgesagt.

Auch Schulen in Hessen sind von Corona-Verdachtsfällen betroffen. Es wird die fehlende Hygiene auf den Schultoiletten kritisiert.

Auch die Spiele der Kassel Huskies in der DEL2 wurden wegen Corona abgesagt, berichtet hna.de*.

Am Klinikum Kassel wurde am Donnerstag (13.03.2020) ein zentrales Testzentrum für das Coronavirus Sars-CoV-2 eingerichtet.

Drastische Maßnahmen wegen des Coronaviruses: Die hessische Landesregierung setzt ab Montag (16.03.3030) die Schulpflicht bis nach den Osterferien aus. Betroffen von den Schließungen der Schulen und  Kitas sind auch der Landkreis und die Stadt Kassel.

Die Menschen werden immer nervöser. Aus Angst vor dem Coronavirus setzen immer mehr Kunden in Kassel auf Hamsterkäufe. 

*hna.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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