1. Startseite
  2. Kassel

Streitthema Corona: Ein Kasseler erzählt, wie er seinen Vater an Verschwörungsideologien verlor

Erstellt:

Von: Alina Andraczek

Kommentare

Streit mit Verschwörungsgläubigen: Die Konflikte über Verschwörungserzählungen können Familien und Freunde spalten.
Streit mit Verschwörungsgläubigen: Die Konflikte über Verschwörungserzählungen können Familien und Freunde spalten. © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Seit Beginn der Corona-Pandemie glauben viele an Verschwörungserzählungen. Freunde und Angehörige verzweifeln oft daran. Eine Geschichte der Ohnmacht.

Kassel - Eine weltweite Elite verjüngt sich mit dem Blut entführter Kinder, Bill Gates will uns allen Chips implantieren und Corona ist wahlweise eine Erfindung oder in einem Labor gezüchtet? Verschwörungserzählungen wie diese haben mit Corona-Leugnern und der „Querdenken“-Szene einen traurigen Aufschwung erlebt. Auch Moritz’ Vater glaubt an manche. Sein richtiger Name soll nicht in der Zeitung stehen. Der 32-Jährige aus Kassel erzählt, wie sein Vater und ihre Beziehung sich verändert haben.

32-Jähriger aus Kassel erzählt: Vater geriet an QAnon-Bewegung

„Als die Pandemie losging, habe ich gerade in einer WG in Kassel gelebt. Ich studiere dual Sportwissenschaften. Als ich von China und Wuhan und dem Labor erfahren habe, kamen auch bei mir schnell so Mythen an. Da war ich noch misstrauisch und habe mit meinem Vater darüber gesprochen, dass ich denke, da könnte irgendwas faul sein. Es wurde mir aber immer suspekter, auf welche Seiten im Internet man dann teilweise hingeführt wird, wenn man diesen Theorien folgt. Im Kern hatten die alle gemeinsam, dass es um eine Weltverschwörung ging. Und die haben im Prinzip immer nur aufeinander verwiesen.

Bei meinem Vater ging es dann los mit QAnon (siehe Glossar) und Trump. Ich vermute, er wird durch einen Bekannten darauf gekommen sein. Der füttert ihn immer mit Videos, Bildern, Artikeln. Innerhalb von kurzer Zeit, vielleicht einem Monat oder zwei, war er Trump-Fanatiker, obwohl er vorher nie was mit ihm zu tun hatte. Ich konnte das einfach nicht nachvollziehen. Woher kommt das? Bei ihm hat sich dieses Urvertrauen, das man ja eigentlich in den Menschen hat, komplett in Misstrauen gewandelt.

Glossar: Alles Verschwörung?

Verschwörungen sind geheimen Absprachen einer Gruppe von Menschen, die geheime Ziele verfolgen und dafür die Ereignisse in der Welt manipulieren.

Verschwörungserzählungen sind so alt wie Krisen und Konflikte selbst, weil sie konkrete Schuldige und einfache Erklärungen dafür benennen. Neben Verschwörungserzählungen, die klar antisemitisch sind, reproduzieren viele davon antisemitische Feindbilder. Bekannt wurden während der Corona-Pandemie die Erzählungen der US-amerikanischen Gruppe QAnon. Deren Anhänger behaupten, Donald Trump kämpfe gegen eine erfundene satanistische Elite, die Kinder entführe und ermorde.

Gesellschaftskritik dagegen sieht den realen, komplexen Wirkungszusammenhang hinter Missständen.

Von einer Verschwörungsideologie spricht man, wenn Verschwörungserzählungen Gegenbeweisen zum Trotz aufrecht erhalten werden. Mit dem Glauben an Verschwörungen geht dann ein ganzes Weltbild einher.

Mann aus Kassel erlebt Konflikte über Corona und Verschwörungstheorien im Elternhaus

Wir hatten unseren ersten Streit darüber, als wir bei meinen Eltern im Wohnzimmer diskutiert haben. Ich hatte mich zu dem Zeitpunkt schon viel damit beschäftigt, woher diese Verschwörungstheorien kommen und wie man damit umgehen kann. Und ich habe gezielt nachgefragt. Zum Beispiel: ‘Was müsste passieren, damit du deine Ansichten änderst?’. Es kamen Standardantworten wie ‘Informier’ dich doch mal’, ‘Guck dir das hier an’, das Schwurbel-ABC, könnte man sagen.

Auch meine Mutter hat meinen Vater auf diesen Bekannten angesprochen und gesagt: ‘Wenn der nicht wäre, würdest du wahrscheinlich gar nicht so denken’. Mein Vater hat sich in Rage geredet, ist rot geworden und hat angefangen, meine Mutter anzuschreien und zu beleidigen. Da habe ich mich dazwischen gestellt. Ich bin nach Hause gegangen und wir haben ein paar Monate nicht miteinander gesprochen. Ich habe einfach nicht eingesehen, dass er wegen so etwas anfängt, aggressiv zu werden.

Sohn von Verschwörungsgläubigen aus Kassel: „Durch diese Situation hat er auf einmal etwas Wichtiges“

Mein Vater hat keinen hohen Bildungsstand. Ich glaube, dass mein Vater sich nicht vorstellen kann, dass ein Virus so etwas anrichten kann. Bei unserem zweiten Streit habe ich ihm vorgeworfen, dass er anders denken würde, wenn er in der Schule besser aufgepasst hätte. Das war nicht schön. Es ist mir rausgerutscht, ich war einfach sauer. Mein Vater hat mich total entgeistert und traurig angeguckt. Im Nachhinein hat mir das leidgetan.

Mein Vater hatte vor Corona eigentlich kein Thema, bei dem er mit seinem Wissen hervorstechen konnte. Was er gut konnte, war das Handwerkliche und sein Geschäft am Laufen zu halten. Durch diese Situation hat er auf einmal etwas Wichtiges, womit er sich auseinandersetzen und sich identifizieren kann. Er hat Leute, die genauso denken.

Ich habe nie versucht, ihn mit Gegenargumenten zu konfrontieren, weil das überhaupt nichts bringt. Niemand braucht einem Menschen, der so von Trump überzeugt ist, zu sagen, dass Trump ein Idiot ist. Ich wollte ihm zeigen, dass ich versuche, ihn zu verstehen. Ich habe ihn zum Beispiel gebeten, ein paar Dinge aufzuschreiben, die er an Trump gut findet. Aber ich habe schnell gemerkt: Was er da vorliest, das sind gar nicht seine Worte. Ich bin sicher, dass er viel, was er sagt und denkt, nur macht, um dazuzugehören.

Abrutschen in Extremismus? Verschwörungsgläubige können nicht überzeugt werden

Ich will einfach nicht, dass mein Vater zu tief in irgendeine Schiene abrutscht, wo man permanent mit Rassismus, Antisemitismus, Menschenfeindlichkeit konfrontiert ist, weil ich meinen Vater nie so gesehen habe. Ich habe ihn auch mal darauf angesprochen. Er hat dann zurückgerudert und gesagt, er hätte mit Rechtsradikalismus nichts zu tun. Ich will nicht, dass er mit so Kreisen zu tun hat, wo es am Ende um Kriminalität geht.

Aber wenn nicht etwas Krasses passiert, kommen die Leute da so einfach nicht raus. Wenn die ihre Meinung ändern, würden die ihr ganzes Umfeld verlieren, weil alle Freunde dann sagen: Du bist doch Systemling. Das ganze Weltbild würde zusammenbrechen. Da hängt zu viel dran, als dass man das einfach sein lassen würde. Deswegen versuche ich, nicht darüber zu reden.

Vater-Sohn-Beziehung in Kassel: „Das Verhältnis ist einfach gestört“

Es hat sich heute beruhigt. Wir können miteinander reden. Es wird mit Sicherheit nie wieder so werden wie vorher. Es ist so viel passiert, das Verhältnis ist einfach gestört. Und solange ich nicht sicher weiß, dass er sich wieder auf einem anderen Fundament bewegt, wäre ich auch gar nicht bereit, mich wieder aktiv um ein besseres Verhältnis zu bemühen.“ (Alina Andraczek)

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,
wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.
Die Redaktion