Folgen auch bei mildem Verlauf

Vielfältige Symptome: Experten des Klinikums Kassel beantworten Fragen zu Long-Covid

Nacken- und Kopfschmerzen, Erschöpfung und viele andere: Die Symptome einer Corona-Infektion sind vielfältig. (Symbolbild).
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Nacken- und Kopfschmerzen, Erschöpfung und viele andere: Die Symptome einer Corona-Infektion sind vielfältig. (Symbolbild).

Die Langzeiteffekte einer Corona-Infektion sind vielfältig. Experten vom Klinikum Kassel beantworten die wichtigsten Fragen zu Long-Covid.

Kassel - Long-Covid ist für viele Menschen in ganz Deutschland - so auch in Kassel - ein Problem. Die Langzeiteffekte einer Infektion mit Corona können nämlich neben der körperlichen und psychischen Gesundheit, auch die Funktionsfähigkeit und Lebensqualität beeinträchtigen.

Die Gefahr dabei: Long-Covid kann auch auftreten, wenn die eigentliche Infektion unbemerkt blieb oder nur einen milden Verlauf hatte. Die wichtigsten Fragen rund um das Thema Long-Covid beantworten Experten des Klinikums Kassel.

Inwieweit beschäftigen Langzeiteffekte einer Infektion mit dem Coronavirus die Mitarbeiter des Klinikums?

„Eine Versorgung von Patienten mit sogenannten Long-Covid-Symptomen aus einer Hand ist nicht leicht, weil sich das Krankheitsbild als äußerst komplex herausstellt“, sagt Prof. Dr. Frank Schuppert, Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie, Endokrinologie, Diabetologie und Allgemeine Innere Medizin.

Die Symptome würden sich nicht nur auf die Lunge beschränken, tatsächlich seien in den meisten Fällen mehrere Organe oder das Nervensystem betroffen. So haben nach seiner Einschätzung bis zu 40 Prozent der Patienten auch heftige Probleme mit der Verdauung. In der Regel würden diese Patienten über die Haus- und Fachärzte versorgt.

In anderen Städten gibt es erste Post-Covid-Ambulanzen in Kliniken. Gibt es solche Pläne auch für das Klinikum?

Am Klinikum Kassel gibt es keine Zulassung für eine solche ambulante Betreuung. Seit Beginn der Pandemie sind am Klinikum Kassel etwa 750 Corona-Patienten auf Normal- und der Intensivstation aufgenommen worden. Viele der Intensivpatienten waren über mehrere Wochen im Klinikum. Sie wurden beatmet, ins künstliche Koma versetzt und mussten in besonders schweren Fällen an die ECMO, die Herz-Lungenmaschine angeschlossen werden, sagt Frank Schuppert.

Vor diesen Patienten liege ein langer Weg bis zur Genesung. Erfahrungsgemäß funktioniere aber die haus- und fachärztliche Weiterversorgung nach dem stationären Aufenthalt sehr gut. Man stehe in regelmäßigem Kontakt zu den niedergelassenen Kollegen.

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Was sind typische Long-Covid-Symptome?

„Die Folgen einer Corona-Infektion können auch bei einem milden Verlauf, bei dem die Patienten nicht im Krankenhaus versorgt werden müssen, länger zu spüren sein. Es gibt auch Fälle, bei denen die Patienten von anderen Symptomen berichten, als denen während der Erkrankung, sagt Sigrid Verlaan, Chefärztin der Klinik für Lungen- und Bronchialmedizin am Klinikum Kassel.

Wichtig sei es, zwischen Organschäden, die nach einem schweren Verlauf bestehen bleiben, und einem diffusen Beschwerdebild, das die Organfunktionen beeinträchtigt, zu trennen. Am häufigsten werde eine vermehrte Erschöpfung, das sogenannte „Fatigue-Syndrom“, beobachtet, sagt Verlaan. Aber auch Fieber, Husten, Luftnot, Schlaflosigkeit, Kopf- und Gliederschmerzen und gastrointestinale Beschwerden können hinzukommen, erklärt die Ärztin. Typisch seien milde Konzentrationsstörungen, die im Englischen zur Begriffsbildung des „Brain Fog“ (Hirnnebel) geführt haben.

Kann man sagen, wie lange die Patienten mit den Beschwerden einer Corona-Infektion zu kämpfen haben?

„Viele der Patienten, die wegen Corona im Krankenhaus behandelt werden, sind auch nach Monaten auf mehr Hilfe im Alltag angewiesen als vor der Erkrankung“, sagt Sigrid Verlaan. Besonders die Muskelschwäche könne in klinischen Untersuchungen objektiviert werden, aber auch Lungenfunktionsprüfungen, Labortests und bildgebende Verfahren helfen bei der Einschätzung der Schwere des Bildes.

Die Erkrankung betreffe auch junge Menschen. Wer noch im Berufsleben stehe, suche besonders häufig die Hilfe von Post-Covid-Ambulanzen, so ihre Erfahrung. In Deutschland entstehen solche Ambulanzen vor allem an Universitätskliniken. Die meisten Long-Covid-Erkrankten würden sich nach etwa drei Monaten auch aus einer solchen Situation erholen, einige litten aber deutlich länger an den Folgen der Erkrankung, sagt Verlaan.

Wie wirkt sich Corona auf die Psyche aus?

„Es kommt häufig vor, dass Patienten nach einer Covid-19-Infektion psychische Symptome entwickeln, insbesondere als Reaktion auf damit einhergehende Belastungen und dauerhafte Einschränkungen“, sagt Dr. Christina Kleiber, Chefärztin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Darüber hinaus geben klinische Untersuchungen Hinweise, dass psychische und psychosomatische Vorerkrankungen ein Risikofaktor für das Auftreten von psychischen Post-Covid-Symptomen darstellen, erklärt die Expertin.

Daher sollten psychische Symptome und Erkrankungen bei der Long-Covid-19-Behandlung und Rehabilitation berücksichtigt werden, inklusive der Behandlung von Fatigue und Stresssymptomen. Bedürfnisse nach Ruhe und Stressreduktion sowie Symptome von Reizüberflutung und Überforderung sollten ernst genommen und den Patienten sollte ausreichend Zeit zur Regeneration gewährt werden.

Wann ist eine psychotherapeutische Behandlung bei Post-Covid-Patienten notwendig?

Eine psychotherapeutische Behandlung ist laut Christina Kleiber dann notwendig, wenn klinisch relevante Diagnosen wie Depression, Angst, Posttraumatische Belastungsstörungen gesichert sind oder die subjektive Belastung so groß ist, dass Lebensqualität und Alltagsbelastung deutlich eingeschränkt sind. Etwa ein Viertel der sehr schwer an Corona Erkrankten entwickele später eine posttraumatische Belastungsstörung, so Kleiber.

Psychosomatische- oder Psychiatrische Sprechstunden würden im Rahmen von Ambulanzen an den meisten Universitäts- und größeren Regionalkrankenhäusern angeboten. Aber auch niedergelassene Fachärzte für Psychosomatik, Psychiatrie, sowie Psychologische Psychotherapeuten können hilfreich zur Seite stehen. Auch gibt es bereits erste Selbsthilfe-Gruppen. (Kathrin Meyer)

Mediziner der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) konnten bereits mit einem Corona-Medikament einen Durchbruch erzielen: Ein Long-Covid-Patient gelte als geheilt, zwei weitere seien auf dem Weg der Besserung.

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