Gesundheitssystem vor großen Herausforderungen

Wegen Corona sind viele Vorsorgeuntersuchungen ausgefallen - Ärztin warnt: Krebs wird zu spät entdeckt

Wegen Corona wurden viele Krebs-Vorsorgeuntersuchungen in Hessen abgesagt oder verschoben. Das ist laut der Deutschen Krebshilfe sehr gefährlich.

  • Wegen Corona wurden Krebs-Vorsorgeuntersuchungen in Hessen gecancelt
  • Ärztin warnt: Dadurch können Tumore zu spät entdeckt werden
  • Unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln sollen die Termine wahrgenommen werden

Kassel – Wegen Corona wurden in den vergangenen Wochen viele Untersuchungen und Operationen in Hessen verschoben oder abgesagt. So auch die Krebs-Vorsorgeuntersuchungen. Nun besteht die Gefahr, dass eine erhöhte Anzahl zu spät erkannter Krebserkrankungen infolge der Pandemie bevorsteht. Auch die Angst der Patienten vor einer Corona-Infizierung beim Arztbesuch spielt eine große Rolle. Termine werden verschoben oder gecancelt. 

Corona in Hessen: Krebs später entdeckt - Krebshilfe rät zu Wahrnehmung der Termine

Der Vorstandvorsitzende der Stiftung Deutsche Krebshilfe, Gerd Nettekoven, rät daher: „Trotz der sich schnell ausbreitenden COVID-19-Pandemie, die das Gesundheitssystem vor besondere Herausforderungen stellt, darf die Versorgung unter keinen Umständen vernachlässigt werden“. 

Auch in Kassel in Nordhessen mussten die Krebs-Vorsorgetermine in den vergangenen Wochen wegen Corona abgesagt werden. Auch jetzt noch sind die Auswirkungen zu spüren. 

In den vergangenen Wochen hatte Dr. Sabine Schmatloch, Chefärztin des Brustzentrums am Elisabethkrankenhaus, deutlich weniger Patientinnen. Dies nicht etwa, weil es weniger Neuerkrankungen gegeben hätte, sondern weil diese noch nicht erkannt wurden. Am 25. März hatte der Gemeinsame Bundesausschuss (BA) entschieden, das Mammografie-Screening aufgrund der Corona-Pandemie bis zum 30. April auszusetzen. 

Corona: Brustkrebs später entdeckt - keine Screenings in Hessen stattgefunden

Rund fünf Wochen haben somit auch in Stadt und Kreis Kassel keine Screenings zur Früherkennung von Brustkrebs stattgefunden. Zudem hatten viele gynäkologische Praxen geschlossen oder aber nur für Notfallpatientinnen geöffnet. Hinzu kam und kommt offensichtlich die Angst, in Corona-Zeiten überhaupt Arzttermine wahrzunehmen. „Die Menschen gehen zwar einkaufen, scheuen aber den Arztbesuch“, beobachtet Sabine Schmatloch. 

Screening als Vorsorgeuntersuchung: Zuletzt sind viele Termine zur Früherkennung von Brustkrebs in Kassel und ganz Hessen coronabedingt ausgefallen. Jetzt fürchten Ärzte eine Krebs-Welle.

Rund 550 Karzinome diagnostizieren die Medizinerin und ihre Kolleginnen des Brustzentrums am Weinberg in Kassel (Nordhessen) jährlich; pro Monat sind es rund 45 dieser bösartigen Tumore. Verglichen mit dem Vorjahreszeitraum habe man 50 weniger entdeckt, sagt Schmatloch. Sie erwarte nun, da Vorsorgeuntersuchungen wieder anlaufen, eine Welle. 

Corona: Krebs zu spät entdeckt - Chemotherapien finden weiter in Hessen statt

„Es kann sein, dass manche Tumore bereits im fortgeschrittenen Stadium sind“, sorgt sie sich und appelliert, Vorsorge und Screening auch unter den nun geltenden Hygienebedingungen und Schutzmaßnahmen unbedingt wieder wahrzunehmen. Und sie stellt auch klar, dass Chemotherapien weiter stattfinden. „Unsere Patientinnen haben weniger Angst vor Corona, sondern vor ihrer Krankheit und davor, dass wir aufhören, zu therapieren – das tun wir nicht.“ 

Werden Tumore zu spät entdeckt, sinken die Heilungschancen, warnen Onkologen bundesweit. Mit 70 000 Neuerkrankungen ist Brustkrebs die häufigste Krebserkrankung bei Frauen in Deutschland. Rund 17 500 Frauen sterben daran jährlich. „Bei Brustkrebs gibt es streng genommen keine Vorsorge, sondern nur eine Früherkennung, daher gilt: Desto früher ein Herd gefunden wird, desto besser“, bilanzierte jüngst Prof. Dr. Thomas Dimpfl, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Klinikum Kassel, im HNA-Gespräch.

Corona: Krebs später entdeckt - Hier sind die Screening-Standorte in Hessen

Vor zehn Jahren wurden in Kassel und Umgebung Reihenuntersuchungen zur Brustkrebsfrüherkennung eingeführt. Alle nordhessischen Frauen zwischen 50 und 69 Jahren werden seither alle zwei Jahre zum Screening eingeladen. 

Damit haben rund 150 000 Nordhessinnen Anspruch auf die Teilnahme; zwischen 50 und 60 Prozent der Frauen nehmen die Untersuchung wahr. Neben den beiden Screening-Standorten in Kassel gibt es in ganz Hessen Screening-Standorte. Weitere Informationen dazu sind beispielsweise auf der Webseite der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen zu finden. 

Von Anja Berens

Ärzte in der Region und Corona

Ein Arzt aus der Region Kassel (Nordhessen) warnten im Zuge von Corona davor, dass chronisch kranke und ältere Menschen nur in unbedingt notwendigen Fällen in die Praxis kommen sollen. 

Ein anderer Arzt aus der Region Kassel (Nordhessen) sorgt sich um die Versorgung von Patienten, die bei einem Corona-Verdacht in Quarantäne sind. "Bei alten, kranken und alleine lebenden Menschen kann dies zu gefährlichen Versorgungsengpässen führen, wenn sie sich dann in einer infektbedingten Quarantäne befinden“, sagt Dr. Stiller, Arzt und Fraktionsvorsitzender der FDP-Kreistagsfraktion.

Rubriklistenbild: © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

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