Laufhäuser sind geschlossen

Prostitution in Corona-Zeiten: Viele bieten Dienste illegal an

Corona und Prostitution in Kassel: Viele bieten Dienste illegal an
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Corona: Prostitution ist in Deutschland vorübergehend untersagt. Bordelle sind geschlossen. Auf der Straße darf nicht mehr angeschafft werden. Unser gestelltes Archivfoto wurde an der Gießbergstraße aufgenommen.

Corona bedingt in fast allen Lebensbereichen einen Stillstand – mit zum Teil dramatischen wirtschaftlichen Einbrüchen. Das betrifft auch die Prostitution während der Pandemie.

  • Corona betrifft auch den Bereich der Prostitution
  • Verzweiflung der Frauen, weil Lebensgrundlage fehlt
  • Auch in Kassel: Manche Betroffene bieten ihre Dienste illegal an

Kassel - Mit Beginn der Corona-Maßnahmen sind in Deutschland alle Bordelle geschlossen worden. Prostitution ist verboten. Für Kassel bedeutet das: In den Laufhäusern, in denen 350 Prostituierte ihre Dienste anbieten, wird seit zwei Monaten nicht gearbeitet. „Aufgrund des Infektionsrisikos gehe ich davon aus, dass die Häuser dieses Jahr nicht mehr öffnen“, sagt Gabi Kubik, die für den Verein „Frauen informieren Frauen“ im Milieu Sozialarbeit leistet.

Die Prostituierten aus Südosteuropa haben Kassel verlassen und sich vor den Grenzschließungen in ihre Heimatländer wie Bulgarien und Rumänien zurückgezogen. Kubik schätzt ihre Zahl auf 200 Frauen.

Corona und Prostitution: Viele Frauen sind verzweifelt

Andere Sexarbeiterinnen, darunter viele aus Lateinamerika, sind in Kassel geblieben und befinden sich hier laut Kubik in besonders prekären Lebenssituationen. „Uns erreichen Anrufe von Prostituierten, die verzweifelt sind, weil ihnen ihre Existenzsicherung weggebrochen ist.“ Einige Frauen haben angedeutet, dass sie in ihrer Not überlegen, in ihren Privatwohnungen weiterzuarbeiten, und aus Angst sich mit Corona zu infizieren, nur Stammfreier bedienen wollen. „Diesen Frauen machen wir klar, wie groß die Gefahr einer Infektion ist“, so Kubik. Die Wahrscheinlichkeit, dass Prostitution jetzt verstärkt im Verborgenen stattfindet, liege auf der Hand.

Mit den Prostituierten, die in ihre Heimat zurückgekehrt sind, stehen die Sozialarbeiterinnen in Kontakt. So haben sie erfahren, dass einige die Krise zum Anlass nehmen, um aus dem Milieu auszusteigen. Auch den umgekehrten Effekt gibt es. Kubik: „Mehrere Frauen, die in anderen Berufen tätig waren, arbeitslos wurden und in finanzieller Not sind, haben sich bei uns über das Prostituiertenschutzgesetz informiert und darüber, wie sie sich als Prostituierte selbstständig machen können.“

Corona und Prostitution: Zahlreiche Frauen wieder in ihrer Heimat

Mit der Schließung der Prostitutionsarbeitsstätten wegen der Corona-Pandemie in Kassel seit Mitte März haben die Sichtbar-Mitarbeiterinnen ihre aufsuchende Arbeit in den Laufhäusern und auf dem Straßenstrich eingestellt. „Wir bieten aus Sicherheitsgründen momentan auch keine Gespräche in der Beratungsstelle an, haben unsere telefonischen Sprechzeiten aber stark erweitert“, sagt Sozialarbeiterin Gabi Kubik. Telefonisch halten die Sozialarbeiterinnen aber Kontakt mit den Prostituierten, auch wenn diese nicht mehr in Kassel und im Falle der Südosteuropäerinnen in deren Heimatländern sind.

Corona und Prostitution: Doña-Carmen-Erklärung - Öffnet die Bordelle!

Corona und Prostitution: Viele Frauen müssen weiter anschaffen

Gabi Kubik: „Mit Abstand zum Prostitutionsmilieu in Kassel, ohne Angst vor Bedrohungen von Zuhältern, haben die Gespräche eine ganz neue Qualität bekommen.“ So haben Sichtbar-Mitarbeiterinnen Hinweise bekommen, dass sich in Kassel noch Sexarbeiterinnen befinden, die von Menschenhandel betroffen sein sollen, mit der Bitte, ihnen dringend zu helfen.

Aus „Angst um ihr Leben“ hatten sich die Frauen vorher nicht getraut, die Sozialarbeiterinnen während ihrer Besuche in den Laufhäusern darauf aufmerksam zu machen. Es sei sofort die Polizei eingeschaltet worden, so Kubik. Eine Frau überlege gerade, ihren Zuhälter anzuzeigen, der sich in Kassel stets als guter Freund ausgegeben hatte.

Corona und Prostitution: Frauen verschulden sich immens

„Sorge bereitet uns die Vorstellung, dass sich die hiergebliebenen Frauen bei den Zuhältern und Vermietern aufgrund von weiterhin fälligen Mietzahlungen über einen langen Zeitraum immens verschulden, wenn sie keine Einnahmen haben, oder sie gezwungen sind, weiterzuarbeiten, um ihre Miete zahlen zu können“, sagt Kubik.

Die Not der Frauen, die ohnehin groß sei, steigere sich noch mal, „wenn sie von Zuhältern massiv unter Druck gesetzt werden, trotz des Verbots weiterzuarbeiten“. Verstärkt werde der Teufelskreis von Kunden, die die Not der Frauen ausnutzten und illegalen Sex zu Dumpingpreisen verlangten. „Das sind dieselben Freier, die sonst auch Sex ohne Kondom verlangen.“

Einzelne Frauen berichteten aber auch von Vermietern, die wegen Corona den Prostituierten die Miete erlassen.

Corona und Prostitution: Deutsche Prostituierte können sich ans Jobcenter wenden

Zurzeit wenden sich an Sichtbar vor allem Frauen in finanzieller Not. „Deutsche Prostituierte können wir an das Jobcenter verweisen, wo eine Antragstellung auf Hartz IV-Leistungen möglich ist. Wir unterstützen sie dann bei der Antragstellung.“

Das Problem der Migrantinnen sei, dass für sie die staatlichen Hilfen nicht greifen, da sie in der Regel die Zugangsvoraussetzungen zu den Jobcenter-Leistungen nicht erfüllen. Kubik: „Hier versuchen wir, unbürokratisch über Notfallfonds zu helfen.“

Christina Hein

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