„Am Ende geht es um Aufmerksamkeit“

Corona-Proteste: Politologe sieht bei Nazi-Vergleichen Grenzüberschreitung

+
Sorgte für Irritationen: Dieser Mann zeigte sich mit Judenstern in der Kasseler Innenstadt.

Ein Teilnehmer eines sogenannten Hygienspaziergangs von Corona-Skeptikern durch die Kasseler Innenstadt sorgte am Wochenende für Aufsehen, weil er sich einen Judenstern ans T-Shirt geheftet hatte.

Von Antisemitismus spricht die Berliner Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) – und warnt vor judenfeindlichen Tendenzen.

Auch der Kasseler Politikprofessor Dr. Wolfgang Schroeder sieht beim Tragen eines Judensterns wie jetzt in Kassel eine Grenze überschritten. „Das ist ganz klar Antisemitismus, weil derjenige, der einen Judenstern bei einem Protest gegen die Corona-Einschränkungen trägt, die stigmatisierende Wirkung nutzt, die man aus der Nazizeit kennt – also Zuspitzung und Stigmatisierung“, sagt Schroeder. Wer einen Judenstern bei solch einem Protest trage, missbrauche das Symbol für seine Aufmerksamkeit. „Das beobachten wir seit Längerem bei einer Gruppe der Corona-Gegner, die sich damit als Opfer, als entrechtet und als verunglimpft darzustellen versucht.“

Einzuordnen sei diese Gruppe im rechten Spektrum. „Das erkennt man an den Vergleichen, die herangezogen werden“, erklärt Schroeder. So würden der Judenstern mit der Gesichtsmaske und die Vergasung von Juden mit den Ausgangsbeschränkungen gleichgesetzt. Auch vom sozialen Holocaust sei mit Blick auf die Corona-Vorgaben die Rede. „Das ist antisemitisch, maßlos und mit dem ethischen Standard unseres Umgangs mit der Geschichte nicht in Einklang zu bringen“, sagt Schroeder.

Eine Erklärung für die extremen Vergleiche sieht der Politologe im Auffallen. „Am Ende geht es um eine brutale Form der Aufmerksamkeit.“ Dabei folgten die Protestler der Logik der Medien. „Sie wissen, sie bekommen nur Aufmerksamkeit, wenn sie anstoßen, wenn sie maßlos überziehen. Bei einer angemessenen Form befürchten sie, keine Beachtung zu finden.“

Trotz der Grenzübertretungen hält Schroeder die Proteste grundsätzlich für legitim. „Da gehen ja auch Bürger hin, die sich in ihrer Existenz bedroht fühlen, weil sie derzeit zum Beispiel kein Einkommen haben.“ Deren Anliegen rücke allerdings in den Hintergrund.

Dass die Corona-Protestler künftig weiter Zulauf bekommen, glaubt Schroeder übrigens nicht. „Durch die Lockerungen ist der Zenit dieser Aktivitäten überschritten.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.