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Umweltexperte: Darum ist Corona eine Chance, die wir nutzen sollten

Matthias Schäpers, Vorstandsmitglied des Umwelthauses Kassel
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Matthias Schäpers, Vorstandsmitglied des Umwelthauses Kassel

Wegen Corona spricht fast niemand mehr über den Klimawandel. Das Umwelthaus Kassel fordert darum, dass wir nun erst recht nachhaltig wirtschaften. Vorstand Matthias Schäpers sagt, wie das geht.

Sie sehen in der Coronakrise auch eine Chance. Was ist denn positiv am Lockdown und dem Herunterfahren der Wirtschaft?

Zahlreiche Menschen haben im Alltag positive Veränderungen festgestellt. Das Leben in Corona-Zeiten ist entschleunigt. In den Städten ist es leiser. Es gibt weniger Schadstoffe in der Luft. Auch deswegen steigt die Lebensqualität. Zudem werden die Leute sozialer und altruistischer. Man hilft sich gegenseitig, auch wenn man sich vielleicht gar nicht kennt. Meine Frau hat zum Beispiel für die ganze Nachbarschaft Masken genäht.

Das klingt wie im Paradies.

Corona hat uns vor Augen geführt, wozu wir imstande sind, wenn die Menschheit von einer existenziellen Gefahr bedroht ist. Und hierbei hat sich die gesamte Gesellschaft beteiligt, ob Jung oder Alt, Risikogruppe oder nicht. Bislang schienen wir doch eher egoistisch zu handeln, Corona hat uns gezeigt, dass dies nicht pauschal gilt.

In der Pressemitteilung des Umwelthauses schreiben Sie, wir würden jetzt den Spaziergang und nicht den nächsten Shopping-Trip genießen. Viele haben in den vergangenen Monaten aber ohne Ende Netflix-Serien geschaut.

Die CO2-Bilanz von manchen Streamingdiensten ist enorm, das stimmt. Nicht anders ist es bei Cloud-Anbietern. Trotzdem zeigen die letzten Wochen, welche Chance für Umwelt und Klimaschutz in dieser Krise steckt. Flugreisen haben erheblich abgenommen, zeitweise um bis zu 90 Prozent, ähnlich ist es beim Pendlerverkehr. Wir gewinnen so viel Lebenszeit, wenn wir nicht mehr im Stau stehen. Die Gefahr ist, dass das nicht anhält und wir zu schnell in alte Muster zurückfallen.

Aber es sind Betriebe Pleite gegangen, Menschen haben ihren Job verloren. Warum soll ausgerechnet die Krise ein guter Moment sein, um über eine nachhaltigere Lebensweise nachzudenken?

Natürlich ist es wichtig, der Wirtschaft dabei zu helfen, wieder auf die Beine zu kommen und wichtige Arbeitsplätze und damit auch den sozialen Frieden und die Gerechtigkeit zu sichern. Aber es ist notwendig, eine ganzheitliche Nachhaltigkeitsentwicklung in den Fokus zu stellen und zukunftsfähige Modelle zu unterstützen. Es soll nicht alles radikal geändert werden. Wir müssen jedoch Dinge korrigieren, die eigentlich nicht richtig laufen. Die Klimakrise bedroht uns und die nächsten Generationen viel langfristiger als Corona.

In Berlin und anderswo entstehen gerade viele temporäre Radwege. Kassels Verkehrsdezernent Dirk Stochla lehnt sie dagegen als „Aktionismus“ ab. Sind Pop-up-Bikelanes doch nur ein Symbol?

Nein, zahlreiche Verbände haben vor zwei Wochen eine Bikelane für zwei Stunden auf dem Steinweg errichtet. Natürlich leben wir davon, mit solchen Aktionen Aufmerksamkeit für die Verkehrswende zu erzeugen. Und diese Aktionen zeigen ja auch Wirkung. Kassel ist weiterhin eine autofreundliche Stadt. Für Radfahrer gibt es nur begrenzte und nicht immer durchgehend nutzbare Wege. Die Verkehrsflächen in der Stadt sind noch immer sehr ungerecht verteilt. Wenn man das ändern will, stößt man auf Widerstände. Aber ohne eine konsequente Neuaufteilung wird die Verkehrswende sehr lang dauern.

Was hat sich durch Corona in Sachen Nachhaltigkeit in Kassel geändert?

Viele unterstützen den Laden um die Ecke, weil sie wollen, dass er bestehen bleibt. Ich lebe im Vorderen Westen. Da wird dieses Prinzip besonders gelebt. Jetzt auf den Button bei Amazon zu klicken, wäre das falsche Signal.

Was konkret erwarten Sie von Städten und Gemeinden in der Region?

Vieles wird auf Bundesebene entschieden. Aber auch Kommunen müssen sich anstrengen, bis 2030 klimaneutral zu sein. Der Green Deal der EU kann hierbei Vorbild sein. Wir erwarten in unserer Region, dass die beschlossenen Ziele zum Klimaschutz in allen Entscheidungen zur Unterstützung der Wirtschaft berücksichtigt werden. Selbstverständlich sollte auch ein Unternehmen wie VW unterstützt werden. Dafür ist es gerade in einer Region wie Nordhessen viel zu wichtig. Aber grundsätzlich müssen die Technologien und Branchen gefördert werden, die eine Zukunft haben. Es gibt viele kleine Start-ups, die neue und nachhaltige Geschäftsideen haben, jedoch kein finanzielles Polster besitzen.

Wie können Firmen motiviert werden, nachhaltiger zu wirtschaften, wenn es ums Überleben geht?

Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur im Einklang mit der Umwelt zu wirtschaften, sondern in Balance mit ökonomischen und gesellschaftlichen Aspekten. Ein Unternehmen, das nur ökologisch handelt, ohne ökonomisch erfolgreich zu sein, wird nur schwer am Markt bestehen können. Immer mehr Kunden erwarten allerdings ein verantwortungsbewusstes Verhalten der Unternehmen.

Welche Botschaft haben Sie an jeden Einzelnen?

Nachhaltigkeit ist nicht mit Verzicht gleichzusetzen. Wir können unseren Lebensstandard auch mit einem geringeren Ressourcenverbrauch halten oder sogar steigern. Ich denke, dass alle etwas aus der Krise mitnehmen. Jeder kann in seinem Lebensstil etwas ändern, ohne dabei an Lebensqualität einzubüßen.

Was wollen Sie bei sich ändern? Haben Sie ein dunkles Öko-Geheimnis?

Ich weiß gar nicht, ob ich das verraten soll. Wir haben einen kleinen VW-Campingbus. Da wir unsere Fahrten in der Stadt aber fast ausschließlich mit dem Fahrrad oder dem ÖPNV erledigen, wird er kaum genutzt. Darum werden wir ihn bald abschaffen.

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