Universität Kassel

Umfrage unter Uni-Beschäftigten: Corona verschärft Belastung bei Befristung

Norma Tiedemann
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Norma Tiedemann

Die Belastung der Beschäftigten an Hessens Hochschulen ist im Zuge der Corona-Pandemie deutlich gestiegen. Besonders unter Stress stehen dabei befristet Beschäftigte. Das geht aus einer aktuellen Umfrage hervor, an der sich auch Mitarbeiter der Uni Kassel beteiligt haben.

Kassel – Norma Tiedemann war für ihre Doktorarbeit zu sozialen Bewegungen gerade in Kroatien, als Corona kam. Nach einer Woche musste sie abreisen. Ihre empirische Forschung kann sie seither nicht fortsetzen, sagt die 32-jährige Politikwissenschaftlerin. Wie ihr geht es vielen Doktoranden und wissenschaftlichen Mitarbeitern an der Uni Kassel und anderen Hochschulen:

Die Pandemie hat ihre Arbeit in Verzug gebracht. Doch ihre Stellen sind zeitlich häufig begrenzt.

Schon vor der Pandemie hatte Norma Tiedemann sich in der Initiative „Uni Kassel unbefristet“ für die Entfristung der vielen Zeitverträge an der Hochschule eingesetzt. Durch die Pandemie habe sich noch verschärft, was schon lange ein Problem ist, sagt sie. Zu diesem Schluss kommt auch eine Umfrage, die jetzt die Gewerkschaften Verdi und GEW mit der Initiative „Darmstadt unbefristet“ vorgestellt haben.

Mehr als 3100 Beschäftigte hessischer Hochschulen haben daran teilgenommen, darunter auch knapp 500 aus Kassel. 60 Prozent der Befragten gaben an, ihr Stress habe seit Beginn der Pandemie zugenommen. Alle Teilnehmenden machen der Umfrage zufolge mehr Überstunden. Rund 53 Prozent der befristet Beschäftigten arbeiteten dabei regelmäßig zwischen 18 und 23 Uhr – gegenüber 27 Prozent der unbefristeten Mitarbeiter.

Befristet Beschäftigte seien in allen Bereichen stärker betroffen, sagte Johannes Reinhard von der Initiative „Darmstadt unbefristet“: „Sie arbeiten häufiger abends und an Wochenenden, kommen öfter krank zur Arbeit und klagen stärker darüber, ständig erreichbar sein zu müssen.“

Zudem gebe es in der Pandemie für wissenschaftliches Personal eine Verschiebung hin zu administrativen und auch Lehrtätigkeiten und gleichzeitig weg von der Forschung, so die Urheber der Umfrage. Etwa 84 Prozent der Befragten gehen der Umfrage zufolge davon aus, dass sich ihre Forschungsvorhaben oder ihr Qualifikationsziel verzögern.

Norma Tiedemann weiß von Kollegen, die während der Online-Lehre auch die Kinder zuhause betreuen müssen. Und sie selbst macht die Erfahrung, dass die Betreuung der Studierenden auf die Distanz deutlich aufwendiger ist als unter Präsenzbedingungen.

Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz wurde vom Bund bereits um eine pandemiebedingte Übergangsregelung ergänzt. Demnach können befristete Verträge um ein Jahr über die bisherige Höchstdauer hinaus verlängert werden, die bei sechs Jahren liegt. Verlängerungen müssten aber einzeln beantragt und begründet werden, so die Kritik der Gewerkschaften. Sie fordern, dass alle befristet Beschäftigten eine Vertragsverlängerung angeboten werden müsse.

Norma Tiedemann hat kürzlich bei ihrer ohnehin anstehenden Vertragsverlängerung coronabedingt zusätzliche sechs Monate bekommen. Sie spricht von einem „Glücksfall“. Viele andere Beschäftigte auf befristeten Stellen würden erst gar keine Anträge stellen, weil ihnen schon im Vorfeld von Vorgesetzten signalisiert werde, dass es dafür keine Chance gebe. (Katja Rudolph)

Uni Kassel hat bislang 165 Corona-Verlängerungen genehmigt

Die Universität Kassel wende die Möglichkeiten, die das Wissenschaftszeitvertragsgesetz in Reaktion auf Corona biete, großzügig an, sagte Sprecher Sebastian Mense auf HNA-Anfrage. Bislang habe die Hochschule 165 Anträge auf Verlängerung erhalten und genehmigt. Dabei handele es sich um die Verlängerung von Qualifizierungsstellen, also zu einem großen Teil von Doktoranden. Eine Besonderheit in Kassel sei, dass die Universität gleichzeitig ermögliche, dass die verlängerten Stellen vorzeitig neu - und damit doppelt - besetzt werden, „um nicht die Chancen der nächsten Kohorte des wissenschaftlichen Nachwuchses zu schmälern“. 

Die Pandemie erschwert den öffentlichen Protest: Zuletzt hatte die Initiative „Uni Kassel unbefristet“, hier Anil Shah und Norma Tiedemann, mit einer Wäscheleine vor dem Präsidium auf das Befristungsproblem aufmerksam gemacht. Auf den Zetteln sind die Daten vermerkt, an denen befristete Verträge von Beschäftigten enden.

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