Laut Polizei friedlich

Demos gegen Corona-Regeln in Kassel: Irritation wegen Judenstern und Reichsfahne

Sorgte für Irritationen bei Passanten: Ein Teilnehmer des Hygienespaziergangs trug einen sogenannten Judenstern.
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Sorgte für Irritationen bei Passanten: Ein Teilnehmer des Hygienespaziergangs trug einen sogenannten Judenstern.

In Kassel gab es am Wochenende Demos gegen Corona-Regeln. Dabei irritierten Teilnehmer mit einer Reichsfahne und einem Judenstern.

Kassel - Obwohl immer mehr Beschränkungen in der Coronakrise zurückgenommen werden, demonstrierten am Wochenende erneut Tausende Menschen in mehreren deutschen Städten gegen die Auflagen. Auch in Kassel gab es zwei Veranstaltungen.

Wie die Polizei auf Anfrage bestätigte, trafen sich am Samstag (16.05.2020) zunächst mehrere Personen auf dem Bebelplatz. Sie brachen anschließend über die Friedrich-Ebert-Straße zu einem sogenannten Hygienespaziergang in die Innenstadt auf. Unter den Spazierenden waren laut Zeugen auch Corona-Skeptiker. 

Corona in Kassel: Demo gegen Corona-Regeln - Judenstern sorgt für Irritation

Für Aufsehen sorgte bei Passanten die Botschaften einiger Teilnehmer. Wie ein vom Linken-Politiker Torsten Felstehausen bei Twitter gepostetes Foto zeigt, hatte ein Mann auf seinem T-Shirt einen Judenstern angeheftet – wohl um sich als vermeintlich verfolgter Dissident zu inszenieren. 

Mit dem Judenstern hatten die Nationalsozialisten einst jüdische Mitbürger stigmatisiert. Laut der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus war auf dem Stern die Aufschrift „ungeimpft“ zu lesen. Die Polizei konnte dies gestern nicht bestätigen. Ein anderer Teilnehmer trug eine schwarz-weiß-rote Reichsflagge, die häufig bei Aufmärschen von Rechtsextremen mitgeführt wird.

Corona in Kassel: Demo gegen Corona-Regeln war als "Hygienespaziergang" angemeldet

Der Hygienespaziergang war laut Polizei als Spaziergang und nicht als Versammlung oder Demonstration angemeldet worden. Die Teilnehmer hielten sich – anders als in anderen deutschen Städten – an die Abstandsregeln. Teilweise trugen sie allerdings keine Masken.

In der Innenstadt trafen die Teilnehmer des Spaziergangs auf eine weitere, als „Friedliche Schweigemeditation für Frieden, Freiheit und das Grundgesetz“ angemeldete Versammlung auf dem Friedrichsplatz (siehe unten) und schlossen sich dieser teilweise an. Insgesamt 100 Personen seien so zusammen gekommen, sagte ein Polizeisprecher. Ob sich unter den Meditierenden ebenfalls Corona-Skeptiker aufhielten, konnte der Sprecher nicht bestätigen.

Insgesamt waren am Samstag in elf hessischen Städten sogenannte Hygienedemos oder -spaziergänge gegen die Maßnahmen der Regierung angemeldet worden. Zu größeren Zwischenfällen kam es nicht. Sorge bereitet den Behörden laut Deutscher Presse-Agentur allerdings, dass verstärkt Rechtsextremisten die Proteste gegen die Corona-Auflagen für sich nutzen und versuchen, diese für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

Teilnehmer mit Reichsfahne in der Kasseler Innenstadt.

Corona in Kassel: Stille Demonstration für Meinungsfreiheit auf dem Friedrichsplatz

Wer den Auftakt und die kurze Erklärung von Ivonne Mackenroth verpasst hatte, blickte dann doch eher ratlos auf die Ansammlung von Menschen vor dem Fridericianum. Einige Trommelschläge, ein Teilnehmer, der wie ein Wolf heulte und dann begann die Meditation für... – ja, wofür oder wogegen eigentlich?

„Wir wollen hier für Frieden, Freiheit und Demokratie meditieren“, sagt die Yoga- und Sportlehrerin Ivonne Mackenroth aus Calden, die eine der Veranstalterinnen war. Um die 100 Menschen waren dem Aufruf gefolgt. Einige hatten eine Ausgabe des Grundgesetzes dabei, andere trugen ihr Bekenntnis zur Meinungsfreiheit als Aufschrift auf dem T-Shirt. Ob dieses Grundrecht oder ein anderes denn aktuell eingeschränkt sind?

Dazu wollte sich im Gespräch niemand konkret äußern. Man werde doch sowieso von den Medien nur als Spinner dargestellt, ereiferte sich eine Frau. Ihren Namen werde sie nicht nennen, denn sie wisse ganz genau, wie sie dann in der Öffentlichkeit dastehe.

Corona in Kassel: Beide Demos verliefen laut Polizei friedlich

Für kurze Zeit trafen Teilnehmer des „Hygienespaziergangs“ und die Meditationsanhänger am Friedrichsplatz aufeinander. Am Rand des Platzes behielt die Polizei, die zuvor auch schon den Spaziergang begleitet hatte, mit einem größeren Aufgebot alles im Blick. Einen Grund zum Eingreifen gab es nicht. Beide Veranstaltungen seien störungsfrei und auflagenkonform verlaufen, sagte ein Polizeisprecher am Sonntag. Allerdings hätten einige Teilnehmer nicht – wie vorgeschrieben – eine Maske getragen.

Ihr sei es wichtig darauf hinzuweisen, dass man politisch unabhängig sei, hatte Ivonne Mackenroth zu Beginn bei ihrer kurzen Ansprache per Megafon gesagt. Man distanziere sich von jeder Art von Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus. Eine Klarstellung, die an die Adresse von Corona-Demonstranten aus der rechten Szene gerichtet war.

Nach Mackenroths Ansprache blieb es still. Ganz still. Bis auf ein lautes Hupkonzert auf dem Steinweg. Das war aber nicht als Störung gemeint. Da sollte nur ein Hochzeitspaar gefeiert werden.

Am Samstag, 06.06.2020, steht wieder eine Stunde Meditation auf dem Programm. Um 15.30 Uhr auf dem Friedrichsplatz. Ohne viele Worte.

#BlackLivesMatter: Kassel solidarisiert sich nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd mit den Opfern von Rassismus und Polizeigewalt. Hunderte bei Demo am Hauptbahnhof.

In Kassel wurde eine Demo gegen aktuelle Kriegsverbrechen der Türkei angekündigt. Auch die Rüstungsindustrie in Kassel soll thematisiert werden. 

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