„Ich weine sehr viel“

Corona in Kassel: So gehen Menschen mit Familie im Ausland mit dem Kontaktverbot um

Per Video zu Hause: Rasha Farid schickt ihrer Familie täglich Bilder und ruft an.
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Per Video zu Hause: Rasha Farid schickt ihrer Familie täglich Bilder und ruft an.

Wegen der Corona-Krise herrscht ein allgemeines Kontaktverbot. So gehen Menschen aus Kassel, die Familie im Ausland haben, damit um.

Kassel – Wenn Rasha Farid zu Hause anruft und keiner ans Telefon geht, wird sie in diesen Tagen verrückt. „Ich mache mir sofort Sorgen, viel mehr als sonst“, sagt die 42-Jährige. Dabei telefoniert die Ägypterin mehrmals täglich mit ihren Eltern und Geschwistern in Kairo, seitdem Corona das Leben auf der ganzen Welt verändert hat.

Für Menschen, die nicht aus Deutschland stammen und in Kassel ihr Zuhause haben, ist die Distanz zu ihren Familien derzeit unüberbrückbar. „Es ist wahnsinnig traurig, nicht zu ihnen zu können. Ich weine sehr viel“, sagt Farid. Sie lebt seit sieben Jahren in Kassel und arbeitet für das Erdgas- und Erdöl-Unternehmen Wintershall Dea.

Corona in Kassel: Video-Anrufe gegen Einsamkeit

Die Möglichkeit, sich trotz der mehr als 3000-Kilometer-Entfernung täglich zu sehen, und sei es nur über einen Video-Anruf, ist für Farid und alle, die derzeit geschlossene Grenzen in Europa und auf der ganzen Welt trennen, ein Segen. „Man fühlt sich viel weniger allein“, sagt Farid. Abends ist sie manchmal stundenlang per Video in ihrem ägyptischen Zuhause. „Meine Mama gibt mir Anweisungen beim Kochen und Backen“, erzählt Farid.

Familientreffen: Ajay Van Poucke (rechts oben) im Video-Call mit seiner Familie. 

Auch mit Freunden in Ägypten telefoniert sie jetzt mehr. „Vielleicht, weil wir alle das Gleiche durchmachen und weil alle mehr Zeit haben.“ In Ägypten herrscht für die knapp 100 Millionen Einwohner eine Ausgangssperre zwischen 19 Uhr am Abend und 6 Uhr am Morgen.

Corona in Kassel: Die Welt sitzt allein daheim 

Auch die Künstlerin Oksana Kyzymchuk aus Kassel telefoniert täglich mit ihrer Familie in der Ukraine. Sie kommt aus Nowowolynsk, einer kleinen Bergarbeiterstadt im Nordwesten der Ukraine. Bisher gebe es dort keine Corona-Infizierten. Aber genauso wie bei uns ist außer den Lebensmittelgeschäften alles zu.

„Alle sitzen zu Hause, keiner kann arbeiten und ich mache mir Sorgen um meine Familie und um die wirtschaftliche Lage in meiner Heimat“, sagt die 36-Jährige, die seit vier Jahren in Kassel lebt. Wann sie ihre Familie das nächste Mal besuchen kann, weiß sie nicht. 

Seit sechs Monaten hat sie den deutschen Pass, und die Ukraine gehört nicht zur EU. „Ich habe schon das Gefühl, die Distanz ist weiter geworden.“ Als Künstlerin versuche sie aber, sich auf das Positive zu konzentrieren. „Ich kann jetzt 24 Stunden am Tag kreativ sein und arbeite Nonstop.“

Ist derzeit zu Hause sehr kreativ: Die ukrainische Künstlerin Oksana Kyzymchuk. 

Corona in Kassel: Sorge um ältere Verwandte

In Frankreich gilt seit dem 17. März eine strikte Ausgangssperre. Wenn Ajay Van Pouckes Vater in sein derzeit geschlossenes Hotel will, benötigt er deshalb eine Bescheinigung, erzählt sein Sohn, der seit drei Jahren in Kassel lebt. „Sogar in seinem Dorf patrouilliert die Polizei“, sagt der 27-Jährige, der an der Uni Kassel Anglistik und Wirtschaft studiert.

Seine Mutter und drei seiner vier Geschwister leben in Belgien. Für alle hat sich die Lebenssituation durch Corona drastisch verändert. Sein Bruder macht eine Kochausbildung, die im Moment nur über das Internet stattfinden kann.

Sie telefonieren jetzt öfter, sagt Van Poucke. Denn wann er sie das nächste Mal besuchen kann, weiß er nicht. „Die Ungewissheit belastet einen schon“, sagt er. Vor allem um seinen Großvater macht er sich Sorgen. Um mit dem 86-Jährigen in Kontakt zu bleiben, bedient sich Van Poucke einer ganz altmodischen Kommunikationsform: Er schreibt Postkarten.

Lesen Sie alle News zu Corona in Kassel in unserem Ticker. 

Elternvertreter in Kassel warnen: Getrennte Eltern setzen Corona häufig als Waffe gegen ihren Ex-Partner ein.

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