Eisdiele Frohnatur: „Das ist konsequent inkonsequent“

Verkaufsverbot nur in Hessen: Eisdielen bangen in Kassel um Existenz

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Normalerweise würde Edinei Faria (von links) wie auf unserem Archivfoto jetzt solche Köstlichkeiten anbieten: Doch seine Boutique Del Gelato in der Friedrich-Ebert-Straße ist ebenso zu wie alle anderen Eisdielen in Kassel.

Anders als andere Bundesländer hat Hessen in der Corona-Krise Eisdielen komplett den Verkauf verboten. Die Händler in Kassel bangen um ihre Existenz.

Am 27. März dachten Kilik Gieseler und Jasmin Göbel noch, sie könnten den Frühling einigermaßen überstehen. Kurz zuvor hatten die beiden 25-Jährigen ihre Eisdiele Frohnatur in der Wilhelmshöher Allee in Kassel wie alle anderen Eisverkäufer wegen Corona zumachen müssen. Doch Gieseler und Göbel überlegten sich ein Liefersystem, bei dem niemand miteinander in Kontakt kommen musste.

Die Jungunternehmer, die im Laden auf Plastik verzichten, kauften sich Glasbehälter, in denen sie das Eis nach Hause lieferten. Es kamen so viele Bestellungen, dass sie gar nicht hinterherkamen. Bezahlt wurde kontaktlos. Dann dann  verbot die schwarz-grüne Landesregierung Hessen auch das, während in anderen Bundesländern sogar Straßenverkauf erlaubt ist.

Corona in Kassel: Besitzer kritisieren Verkaufsverbot für Eisdielen

„Das ist konsequent inkonsequent“, klagt Kilik Gieseler, die vor einem Jahr, als die Eisdiele Frohnatur in Kassel aufmachte, noch eine Frau war und Johanna hieß. Mit ihrer Partnerin hat sie in der Corona-Krise die Soforthilfe beantragt: „Sonst könnten wir die Miete nicht bezahlen.“

Auch andere Eisdielenbetreiber können den deutschen Föderalismus beim Kampf gegen Corona nicht verstehen. Edinei Faria, der neben der Boutique Del Gelato in der Friedrich-Ebert-Straße in Kassel noch einen Laden in der Holländischen Straße betreibt, zeigt auf eine Grafik mit allen 16 Bundesländern. Überall sind Online-Bestellungen und Lieferungen erlaubt, nur in Hessen nicht.

Für Giorgio Cendron, den Geschäftsführer der Vereinigung italienischer Speiseeishersteller in Deutschland (Unieis), ist „das eine große Katastrophe“, wie der Italiener aus Seligenstadt in einem Interview klagte: „Es geht für viele Betriebe ums Überleben.“

Corona in Kassel: Eis gehört in Hessen nicht zur Grundversorgung

Der grüne Gesundheitsminister Kai Klose begründet seine harte Linie in Hessen damit, dass Eis anders als Brot nicht zur Grundversorgung gehöre. Darum sind Bäckereien auf, Eisdielen aber zu, während man im McDrive weiterhin Eis bestellen kann.

Faria trifft es gerade doppelt. Erst im vorigen Jahr hat der 37-Jährige seine zweite Eisdiele in der Holländischen Straße in Kassel eröffnet. Außerdem hat er eine neue Eismaschine gekauft. Die Investitionen sind noch nicht wieder drin. Das schöne Wetter jetzt hätte sehr geholfen. „Von März bis Juni mache ich 70 Prozent meines Jahresumsatzes“, sagt der Familienvater, der einen italienischen und einen brasilianischen Pass besitzt. Seine Verwandten in Norditalien müssen den Ausnahmezustand in der Corona-Krise schon viel länger ertragen. Immerhin geht es ihnen gesundheitlich gut.

Corona in Kassel: Spendenaufruf für Bio-Eisdiele

Für Kilik Gieseler und Jasmin Göbel, die aus Staufenberg stammen, war ihre Eisdiele in Kassel bislang ein Traum. Vorigen Sommer standen sie sieben Tage die Woche hinter der Theke. Sie freuten sich über „unseren unfassbar lieben Kundenkreis“. Ihre 100 verschiedenen Sorten lassen sie noch von Thommys Eismanufaktur in Leipzig herstellen, wo sie einst ein Praktikum gemacht haben.

Ihr Bio-Eis aus natürlichen Zutaten kam so gut an, dass manche in der Corona-Krise bei der Hauslieferung am 27. März gleich sieben große Gläser orderten. Viele Bestellungen kamen sogar über Instagram.

Nun haben sie auf der Spendenplattform Betterplace um finanzielle Unterstützung gebeten. 1500 Euro kamen bereits zusammen. Trotzdem sagt Göbel: „Wenn das Verbot noch länger anhält, wäre alles, was wir in einem Jahr verdient haben, wieder weg.“

Corona in Kassel: Eisdielen-Besitzer nähen Schutzmasken

Darum versuchen sie, weiter kreativ zu sein. „Wir denken ständig darüber nach, was wir online noch anbieten können, um Geld zu verdienen“, sagt Gieseler. Neben Gutscheinen gibt es im Internet unter anderem Bienenwachstücher. Und für die Designerin Sophia Schneider-Esleben nähen sie gerade Schutzmasken zum Schutz vor Corona. Das können beide – sie sind gelernte Schneiderinnen. 

von Matthias Lorhr 

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