Coronavirus in Kassel

Soziologe im Interview über die Corona-Folgen und die Vorzüge von Kassel: „Die Demokratie ist gefestigt worden“

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So leer war es hier lange nicht: Soziologe Heinz Bude zu den Auswirkungen der Corona-Krise und zu den Vorzügen von Kassel.

Im Interview: Heinz Bude, Soziologe und Dozent an der Universität Kassel. Er äußert sich zu verschiedenen Corona-Folgen und die Vorzüge von Kassel.

Kassel – Heinz Bude lehrt seit 20 Jahren an der Kasseler Universität und ist Deutschlands bekanntester Soziologe. Wegen Corona verlässt er seine Wohnung in Berlin-Pankow derzeit nur zum Einkaufen und Joggen. Wir sprachen mit dem 66-Jährigen über die Folgen des Virus für die Gesellschaft.

Wie geht es Ihnen?

Gut. Ich bin über 65 und zähle daher zur Risikogruppe. Darum habe ich mir eine vernünftige Form sozialer Isolation auferlegt. Gegen 6 Uhr morgens gehe ich Joggen. Im Park ist es dann zum Teil voller als sonst.

In den vergangenen Jahren haben Wissenschaftler Politikern immer wieder gesagt, dass im Kampf gegen den Klimawandel gehandelt werden muss. Geschehen ist wenig. Warum befolgen Politiker bei Corona so konsequent die Ratschläge der Experten?

Wir haben nun eine Bedrohungslage, die es selten in Gesellschaften gibt. Anders als beim Klimawandel werden uns die Bedrohungen nicht durch irgendwelche theoretischen Simulationen vor Augen geführt, sondern ganz konkret. Wir sehen die Bilder aus Italien, wo Särge von der Armee ins Krematorium transportiert werden. Die Gegenden kennen wir durch Verwandte oder weil wir dort im Urlaub waren. Wenn der Staat da nicht reagiert, verliert er seine Legitimität.

Coronakrise und Klimawandel sind also nicht zu vergleichen?

Definitiv nicht. Aber es gibt einen Zusammenhang. In beiden Fällen haben wir es mit neuen Bedrohungslagen zu tun. Es stimmt, was der französische Präsident Macron gesagt hat: „Wir kämpfen weder gegen Armeen noch gegen eine andere Nation, aber wir sind im Krieg.“

Wir erleben gerade in zahlreichen Bereichen sehr viel Solidarität. Überrascht Sie das? Studien zeigen doch, dass Menschen erst einmal an sich denken, wenn sie Angst haben.

Das ist vollkommen richtig. Wenn man in Panik gerät, wird man zum wilden Egoisten. Aber es hat in Deutschland wenig Panik gegeben. Der Schreck saß zu tief. Der Staat hat diese Schrecksekunde genutzt, um Bedrohungsängste zu kanalisieren.

Panisch reagieren die Deutschen nur beim Toilettenpapier.

Das war eine ziemlich menschliche Reaktion. Wenn man sich nicht sicher ist, ob die Versorgung mit Lebensmitteln gewährleistet ist, fängt man an zu horten. Auffällig ist, dass es eine starke Solidarität zwischen den Generationen gibt. Ich kenne keine Stimme von Belang, die infrage stellen würde, dass eine gesellschaftliche Verantwortung für den Infektionsschutz der Über-75-Jährigen existiert. Allerdings ist die Situation gar nicht so einfach. Wenn man Älteren zu ihrem eigenen Schutz auferlegt, dass sie nicht mehr mit ihren Enkeln zusammenkommen dürfen, muss man überlegen, wie man diese Isolierten wiederum am gesellschaftlichen Leben beteiligen kann. Haben Menschen das Gefühl, dass sie nicht mehr gebraucht werden, nicht mal als Betreuung für die Enkel, kann schnell etwas rumoren.

Wie lang ist dieser Ausnahmezustand aufrechtzuerhalten? Bereits nach zwei Wochen gab es Stimmen, dass man bald wieder alles hochfahren soll.

Ich kann verstehen, dass Gaststätten, Hotels, Geschäftsinhaber und Selbstständige in heller Aufregung sind. Sie haben zum Teil große Existenzprobleme. Aber diese Interessen müssen mit anderen Interessen in Einklang gebracht werden, vor allem dem Schutz von Menschenleben. Mindestens bis Anfang Mai wird man die Frage aufschieben müssen, wann man zum normalen Leben zurückkehren kann. In der Zwischenzeit kann man mal ein paar Talkrunden im Fernsehen auslassen.

Manche sehen China als Vorbild, das das Virus eingedämmt zu haben scheint. Kann eine Diktatur Krisen besser lösen?

Nein, China war zwar bei den Maßnahmen gegen Corona relativ effektiv. Aber dort hat man am Anfang durch eine restriktive Informationspolitik verpasst, das Virus so einzudämmen, dass es keine globale Gefahr werden konnte. Demokratien können besser Informationen unter die Leute bringen und Folgebereitschaften herstellen.

Ist die Demokratie nicht trotzdem in Gefahr?

Nein, sie ist sogar gefestigt worden. Den Leuten wird nun vor Augen geführt, dass es eine Staatsbedürftigkeit der Gesellschaft gibt. Sie erkennen: Nur der Staat kann uns auferlegen, voneinander Abstand zu halten, nur der Staat kann von uns verlangen, dass wir uns testen und isolieren lassen. Und dieser Staat ist nicht autoritär, sondern handelt aus dem Geist der Solidarität.

Die Nationalstaaten der EU haben die Grenzen dichtgemacht. Markiert die Coronakrise das Ende eines geeinten Europa?

Europa, wie wir es bislang kannten, ist schon durch den Brexit beendet worden. Was jetzt aber entsteht, ist vielleicht ein neues Europa. Das wird nicht mehr durch Werte, sondern durch Probleme zusammengeführt. Das erzwingt Solidarität. Auf globale Risiken muss Europa gemeinsam reagieren. Das heißt nicht, dass der Nationalstaat delegitimiert wird. Deutsch zum Beispiel ist die Idee einer Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik. Ich glaube sogar, das Virus wird uns zu einer Renovierung der sozialen Marktwirtschaft bringen.

Werden Krankenschwestern, Pfleger und Supermarktkassiererinnen bald mehr Geld verdienen?

Für das Dienstleistungsproletariat werden die Zeiten besser. Diese Leute werden mehr verdienen müssen. 1000 Euro netto für eine systemrelevante Pflege- oder Verkaufskraft sind einfach zu wenig. Trotzdem wird nicht alles besser. Die Neubestimmung der Wertigkeiten für bestimmte Tätigkeiten, die dann andere politische Preise mit sich bringen, wird nicht allen passen. Eine anständige Gesellschaft gibt es nicht zum Null-Tarif.

Vermissen Sie Kassel in diesen Tagen manchmal?

Die Isolation, die ich in Berlin gewählt habe, würde nicht viel anders sein, wenn ich in Kassel wäre. Aber ich glaube, Kassel ist gerade ein besserer Ort als Berlin, weil die Hauptstadt viel größer und unübersichtlicher ist. Hier gibt es eine andere Art von sozialer Kontrollatmosphäre. Ich vermute, dass es in Kassel besonders für die Älteren angenehmer ist, die Krise zu überstehen. Sie sind dort eingebetteter.

Von Matthias Lohr

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