„Eine schlimme Zeit“

Corona: Wie ein Altenheim in Kassel das Virus überstand

Menschen im Altenpflegeheim Kassel
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Abgeschottet: Im Frühjahr unterzog sich auch das Altenpflegeheim Am Heimbach, Kassel, dem Lockdown. Unser Archivfoto vom Mai zeigt (von links) Bewohnerin Heidelore Opper, Einrichtungsleiterin Heike Schaumann und Wohnbereichsleiterin Doro Wiegand.

Schwere Wochen liegen hinter einem Altenpflegeheim in Kassel: Elf Bewohner und etliche Mitarbeiter hatten sich mit Corona infiziert.

Kassel - Im April vergangenen Jahres, mitten im ersten Lockdown, erreichte die HNA ein bewegender Hilferuf: „Seit viele Wochen tanzen wir in den Altenpflegeheimen schon auf dem Seil, und jeder weitere Tag, der vergeht, macht uns dünnhäutiger, verletzlicher.“ Kontaktiert hatte uns Heike Schaumann, Leiterin der Hausgemeinschaften Am Heimbach, einem Pflegeheim, in dem vor allem viele demente Menschen leben.

Komplett isoliert von der Welt sei man. „Berichten Sie doch mal, wie es bei uns aussieht, davon macht sich da draußen ja niemand eine Vorstellung“, schrieb Schaumann. Viele Bewohnerinnen und Bewohner seien von Angst beherrscht, angesichts der Tatsache, dass sie ihre Angehörigen nicht mehr treffen dürfen, dass es keine Angebote wie die Märchenerzählerin mehr gibt. Einige würden sich immer mehr in ihr Innerstes zurückziehen, so als wollten sie sich auflösen.

Bis Mitte Mai war das in Wehlheiden gelegene Haus mit seinen 39 Bewohnern abgeschottet. Nur das Pflegepersonal hatte Zutritt. Danach durften unter strengen Sicherheitsvorkehrungen Familien wieder ihre Angehörigen besuchen.

Corona in Kassel: Mitarbeiter von Pflegeheim waren mit den Kräften am Ende

Heute, mehr als ein halbes Jahr später, im zweiten Corona-Lockdown, fragen wir bei Heike Schaumann nach, wie das Haus und seine Bewohner sowie das Personal durch die Pandemie gekommen sind. „Wie gut, dass Sie nicht vor ein paar Wochen gefragt haben“, sagt Schaumann.

Da seien alle mit den Kräften am Ende gewesen. Man habe „eine schlimme Zeit“ durchlebt: In einem Wohnbereich des Heims war Corona ausgebrochen. Elf von zwölf Bewohner dort – alle über 90 Jahre alt – waren infiziert. Auch bei vielen Mitarbeitern, die sich testen ließen, war nach drei negativen Schnelltestergebnissen der vierte positiv. Eine enorme, „wenig hilfreiche“ Bürokratie sei dann in Gang gesetzt worden.

Corona-Ausbruch im Altenheim: Gesundheitsamt Kassel verlangte Sicherheitskonzepte

Das Gesundheitsamt verlangte Strategiepläne, Sicherheitskonzepte und eine Quarantänisierung aller positiv Getesteten. Es sei zum Verzweifeln gewesen. „Wir sind kein großer Konzern mit viel Manpower und wir halten uns schon an alle Vorschriften.“ Der Betrieb musste doch weitergehen. „Wir waren Tag und Nacht eingespannt, viele gingen über ihre Kraftreserven hinaus.“

Die infizierten Senioren wurden alle in einem Wohnbereich untergebracht, abgeschottet von den anderen. Glücklicherweise waren die Verläufe der Krankheit bei allen durchweg leicht. Es stellten sich Fieber und Schwäche ein, bei vielen gingen Geruchs- und Geschmackssinn verloren.

Altenheim in Kassel im Kampf gegen Corona: „Nicht mal so einfach 30 Mitarbeiter in Reserve“

Und die Mitarbeiter? „Ich habe doch nicht mal so einfach 30 Mitarbeiter in Reserve“, sagt Heimleiterin Schaumann. Wie hätte sie denn alle nach Hause zu schicken sollen? „Dann hätte ich auch gleich alle Bewohner ins Krankenhaus einweisen lassen müssen, weil sie keiner gepflegt hätte. Undenkbar.“

Und wer wolle schon einspringen bei der Arbeit im Infektionsgeschehen? Zuerst habe es Freiwillige gegeben, die am Ende aber einen Rückzieher machten. Und so wurde weitergearbeitet. In einem Altenheim müsse man sich in Zeiten von Corona den praktischen und ethischen Fragen gleichermaßen stellen, sagt Schaumann.

Heike Schaumann, Leiterin des Altenpflegeheims Am Heimbach in Kassel: „Wir waren Tag und Nacht extrem eingespannt, viele gingen über ihre Kraftreserven hinaus.“

Corona in Kassel: Angehörige von Bewohnern des Altenheims zeigen Verständnis

Auf Verständnis und Geduld sei sie bei den Angehörigen gestoßen. „Die wussten, dass es unmöglich ist, alles abzuwenden.“ Auch durch den Hausarzt Dr. Jürgen Mogck habe man sich „super unterstützt“ gefühlt. „Er hat zweimal alle Bewohner und Mitarbeiter getestet und stand immer mit uns im Kontakt.“ Genau wie das Palliativ Care Team, das Unterstützung angeboten hatte, im Falle von palliativ zu begleitenden Bewohnern.

Inzwischen sei die größte Gefahr gebannt. Bis auf einen Bewohner, der zuletzt noch positiv getestet worden war, sind alle wieder genesen. Sogar Weihnachten konnte im Heim gefeiert werden – mit FFP2-Masken tragenden Angehörigen.

Es war eine bedrückende Zeit, sagt Schaumann: „Ich bin so erleichtert, dass wir nun aus der akuten Corona-Gefahr, von der wir von heute auf morgen betroffen waren, raus sind, dass wir alles auf eine vernünftige Weise begrenzen konnten.“ (Christina Hein)

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