Gib es bei den Zeugen Jehovas mehr Impfgegner als anderswo?

Zeugen Jehovas und Corona: „Bei uns gibt es keine Verschwörungstheorien“

Missionsarbeit in der Fußgängerzone: Unser Bild zeigt Mitglieder der Zeugen Jehovas in München vor der Pandemie. Archiv
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Missionsarbeit in der Fußgängerzone: Unser Bild zeigt Mitglieder der Zeugen Jehovas in München vor der Pandemie.

Gibt es bei den Zeugen Jehovas mehr Impfgegner als anderswo? Ein Mitglied versichert, dass es keine Nähe zu Verschwörungen gibt. Ein Experte warnt indes vor den Zeugen Jehovas.

Kassel – Vor Corona sah man die Zeugen Jehovas in Fußgängerzonen oder sie klingelten an der Haustür. Die Pandemie hat die Missionsarbeit der umstrittenen Religionsgemeinschaft jedoch stark verändert. Manche bringen die Zeugen Jehovas mit Impfgegnern in Verbindung. Wir sprachen darüber mit Wilfried Siegner, der in der Region Kassel für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.

Wie haben Sie Ihre dritte Impfung überstanden?
Wie jedes Mal habe ich an der Einstichstelle etwas Schmerz verspürt, aber das ist es mir wert.
Sie klagen, dass die Zeugen Jehovas mit „Querdenkern“ und Impfgegnern in Verbindung gebracht werden. Wie groß ist die Nähe Ihrer Glaubensgemeinschaft zu diesen Gruppen?
Es gibt Medienberichte, die uns in die Nähe von Impfgegnern rücken. Aber das stimmt nicht. Auch wenn wir darüber keine Statistiken führen: Die überwiegende Mehrheit unserer Mitglieder ist geimpft. In der Hauptverwaltung im Taunus sind es weit über 90 Prozent. Wir respektieren, dass jeder für sich selbst entscheiden kann. Es steht uns auch nicht zu, die Einzelnen, die verunsichert sind, zu verurteilen. Jeder sollte andere so behandeln, wie er selbst behandelt werden möchte. Das ist die Botschaft Jesu aus der Bergpredigt. Es gibt bei uns keine Nähe zu Verschwörungstheorien.
Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf Ihr Gemeindeleben?
In und um Kassel leben etwa 2000 Zeugen Jehovas, die regelmäßig an Gottesdiensten teilnehmen. Seit Beginn der Pandemie gibt es jedoch nur noch virtuelle Zusammenkünfte – meist treffen wir uns über Zoom. Das haben wir im März 2020 entschieden und sind bis heute dabei geblieben. So wollen wir Familien, Mitmenschen und uns selbst schützen. Gegenüber den Vorgaben zur Bekämpfung der Pandemie gibt es bei uns keine Nachlässigkeit.
In Deutschland sind die Zeugen Jehovas eine Körperschaft öffentlichen Rechts. Trotzdem gelten sie im Volksmund als bekannteste aller Sekten. Wieso sind Sie keine Sekte?
Der Begriff ist aus der NS-Zeit negativ belastet und hat in jener Zeit leider auch mit Unterstützung der Großkirchen zu viel Leid beigetragen. Darum hat man sich gesellschaftlich darauf verständigt, ihn nicht mehr zu verwenden. Wer ihn doch benutzt, will meistens jemanden ins Abseits stellen.
Die Zeugen Jehovas sagen aber, dass es keine Religionsgemeinschaft gebe, die auch nur annähernd auf dem Weg zu Gott sei – außer ihnen selbst. Abtrünnige klagen über ein repressives System. Das sind Kennzeichen von Sekten.
Zunächst gilt es festzustellen: Wer einer Religion angehört, ist auch irgendwie überzeugt, etwas Gutes oder Richtiges gefunden zu haben. Und natürlich darf sich jede Person, die aus irgendeiner Gemeinschaft ausgetreten ist, in ihren Empfindungen und gegebenenfalls Enttäuschungen frei äußern, unter Umständen auch negativ. Wir haben 220 000 Angehörige, die ein glückliches und selbstbestimmtes Leben führen und als Teil dieser Gesellschaft ihren positiven Beitrag einbringen. Als ich mich als Jugendlicher entschied, Zeuge Jehovas zu werden, war ich erheblichem Druck vonseiten meines anders eingestellten Vaters ausgesetzt. Das hat mich sensibilisiert. Eine Religionsausübung mit Druck wäre für mich nicht tolerabel.
In der Evangelischen Kirche wird es sehr kritisch gesehen, dass die Zeugen Jehovas etwa Bluttransfusionen ablehnen. Ist solch ein Standpunkt noch zeitgemäß?
Diese Kritik wird seit Jahrzehnten immer wieder gebetsmühlenartig von der Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen lanciert. Zeitgemäß wäre es, die Entwicklungen in der modernen Medizin wahrzunehmen, die immer mehr bestrebt ist, die Gabe von Blut aus Kosten- und Sicherheitsgründen zu vermeiden. Jehovas Zeugen sind keine Gegner der modernen Medizin und ihrer Möglichkeiten. Wir nehmen gern die Fürsorge des medizinischen Personals an und schätzen deren Einsatz gerade jetzt sehr.
In der Pandemie sind das klassische Haustür-Geschäft sowie Infostände an Bahnhöfen und in Innenstädten schwer umzusetzen. Wie missionieren Sie jetzt?
Unsere klassische öffentliche Arbeit haben wir mit dem Versammlungsverbot ausgesetzt. Dafür setzen wir auf andere Medien wie Telefon, WhatsApp, E-Mail und Brief. Und wir verweisen auf unsere Homepage jw.org, die eine der meistbesuchten Webseiten überhaupt ist.
Vertreter der Evangelischen Kirche klagen, dass handgeschriebene Briefe massenweise in Briefkästen verteilt werden, ohne dass klar werde, wer dahintersteckt. Können Sie die Kritik nachvollziehen?
Da wird meines Erachtens wie so oft verbal übertrieben. Ich kenne viele Menschen, die dankbar dafür sind, eine aufmunternde Notiz vorzufinden, und das auf einem Weg, der der jetzigen Situation gerecht wird. Aus den meisten dieser freundlich gestalteten Briefe geht sehr wohl hervor, von wem sie stammen. Ansonsten steht es jedem frei, es so zu machen wie ich es auch tue, wenn ich irgendwelche gedruckten Gemeindebriefe oder Flugblätter in meinem Briefkasten finde. Ich habe die Wahl, sie zu lesen oder nicht.

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Experte: Zeugen Jehovas verbreiten Angst

Laut Oliver Koch agieren die Zeugen Jehovas in der Pandemie „angemessen und vorsichtig“. Der aus Kassel stammende Pfarrer ist im „Zentrum Oekumene“ der Evangelischen Kirche in Frankfurt Referent für Weltanschauungsfragen. Kritisch sieht Koch jedoch, dass die Zeugen Jehovas die Pandemie in die Reihe „Zeichen der Endzeit“ stellen, wie er sagt: „Damit macht man Angst. Das brauchen wir weder in dieser Pandemie noch sonst.“

Auch er benutzt den Begriff Sekte nicht, da einzelne Mitglieder so diffamiert werden könnten. Die Zeugen Jehovas seien eine „christliche Sondergemeinschaft“, deren Lehren zum Teil kritisch gesehen würden – etwa die Endzeitausrichtung sowie die Ablehnung von Weihnachten, anderen Festen und Bluttransfusionen. Laut ihrer Webseite lehnen die Zeugen Jehovas fremdes Blut aus religiösen Gründen ab: In der Bibel werde „klar geboten, sich von Blut zu enthalten“.

Aussteiger klagen, die Zeugen Jehovas seien eine Sekte. Die Berlinerin Giulia Silberberger sagte hna.de: „Oft werde ich gefragt, wie ich aus der Sekte ausgestiegen bin. Ich weiß es nicht. Es ging darum zu leben oder zu sterben.“ (Matthias Lohr)

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