Agenturchef Detlef Hesse erwartet weiteren Anstieg

Die Abwärtsspirale dreht sich: Arbeitslosigkeit steigt stark

Gastronomie ist stark betroffen: Weil Restaurants und Bars wegen der Pandemie geschlossen bleiben müssen, werden viele Mitarbeiter entlassen. 
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Gastronomie ist stark betroffen: Weil Restaurants und Bars wegen der Pandemie geschlossen bleiben müssen, werden viele Mitarbeiter entlassen. 

Die Auswirkungen von Corona auf das öffentliche Leben werden immer mehr spürbar. So schlagen die Folgen der Krise auf dem regionalen Arbeitsmarkt in und um Kassel mit voller Wucht ein.

Die Arbeitslosigkeit ist im April stark gestiegen, gleichzeitig brachen die Stellenangebote ein. Die Arbeitslosenquote im Agenturbezirk Kassel, zu dem neben Stadt und Landkreis auch der Werra-Meißner-Kreis gehört, kletterte auf 6,1 Prozent. Vor einem Monat lag der Wert bei 5,4 Prozent, vor einem Jahr bei 5,2 Prozent. In der Stadt Kassel stieg die Quote auf 8,4 Prozent (Vorjahr: 7,2). Im Landkreis beträgt sie nun 4,4 Prozent (Vorjahr: 3,5 Prozent).

Viele heimische Betriebe setzen in der Krise auf Kurzarbeit. Im März und April wurden nach Angaben der Arbeitsagentur 5012 Anzeigen auf Kurzarbeit für insgesamt mehr als 70 000 Beschäftigte registriert. Eine so hohe Nachfrage habe es noch nie gegeben.

Die schlechten Aprilzahlen seien „Vorboten eines Wirtschaftstiefs, das uns die nächsten Monate enorm herausfordern wird“, sagt Detlef Hesse, der Leiter der Arbeitsagentur Kassel.

Wie heftig die Folgen der Coronakrise für die heimische Wirtschaft sind, zeigt sich auch an einer eindrücklichen Zahl aus der Kasseler Arbeitsagentur: Dort sind normalerweise 16 Mitarbeiter für das Thema Kurzarbeit zuständig. Inzwischen wurde das Team auf 230 Kollegen aufgestockt.

Kurzarbeit

Die Nachfrage nach Kurzarbeitergeld ist enorm, berichtet Agenturchef Detlef Hesse. Sie ziehe sich durch alle Branchen und Betriebsgrößen. Seit Beginn der Corona-Einschränkungen im März gingen 5012 Anzeigen auf Kurzarbeitergeld für mehr als 70 000 Beschäftigte in der Region ein. „In Kurzarbeit zu gehen statt Stellen abzubauen, ist aktuell offensichtlich für viele Arbeitgeber das Mittel der Wahl“, sagt Hesse. Das sei unter den schwierigen Rahmenbedingungen erfreulich.

Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosenzahlen sind in den vergangenen Wochen in die Höhe geschnellt. So sind aktuell 17 551 Jobsuchende bei der Arbeitsagentur gemeldet. Im Vergleich zum April vor einem Jahr ist das ein Anstieg von 19 Prozent.

Die gestiegene Zahl der Arbeitslosen gehe nicht allein auf Entlassungen zurück, erklärt Hesse. Sie hänge vor allem damit zusammen, dass die sonst um diese Zeit eintretende Frühjahrsbelebung auf dem Arbeitsmarkt komplett ausgeblieben sei. Dadurch gelinge es aktuell kaum, Erwerbslose in Arbeit zu vermitteln. Auch alle arbeitsmarktpolitischen Qualifizierungs- und Fördermaßnahmen für Arbeitslose könnten zur Zeit nicht stattfinden.

Hart von der Coronakrise betroffen sei naturgemäß die Zeitarbeitsbranche, die ja davon lebe, Beschäftigungsspitzen in Unternehmen zu bedienen. Ansonsten sei die Gastronomie „unser größtes Sorgenkind,“ sagt der Agenturchef. Dort sei es bereits zu vielen Entlassungen gekommen. Aber auch in Handel, Kfz-Werkstätten sowie Verkehr und Lagerei habe es zahlreiche Arbeitslosmeldungen gegeben.

In diesem Zusammenhang appelliert Hesse an Arbeitgeber, trotz widriger Umstände an Auszubildenden festzuhalten. Fachkräfte würden weiterhin gebraucht. „Wenn wir das Thema Ausbildung jetzt vernachlässigen, rächt sich das später“, warnt Hesse.

Stellenangebote

Flaute herrscht durch Corona auch auf dem Stellenmarkt. Der Bestand an offenen Stellen sei um mehr als ein Drittel zurückgegangen, weil freie Jobs gar nicht erst gemeldet oder storniert würden, berichtet der Agenturleiter. Insgesamt seien die Aussichten auf eine Arbeitsstelle derzeit schlecht. „Wer jetzt entlassen wird, hat ein höheres Risiko länger arbeitslos zu bleiben“, bedauert Hesse.

Jobchancen gebe es derzeit vor allem im Sicherheitsgewerbe, das aktuell in vielen Geschäften für den Einlass gefragt sei. Auch in der Landwirtschaft würden – trotz der Einreiseerlaubnis für ausländische Saisonkräfte – Helfer gesucht. In einigen Produktionsbetrieben gebe es ebenfalls noch Personalbedarf.

Perspektive

Die Abwärtsspirale hat nach Einschätzung der Arbeitsagentur erst begonnen. Es sei mit einem weiteren deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit zu rechnen und auch mit einer Vielzahl von Insolvenzen von Betrieben in der Region, befürchtet Detlef Hesse.

Grundsätzlich sei die Wirtschaftsstruktur in der Region mit ihrer „gesunden Mischung“ aus produzierendem Gewerbe und Dienstleistung, sowie einem Mix aus größeren, mittleren und kleinen Betrieben für Krisensituationen aber von Vorteil.

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