Coronavirus in Kassel

Drei Chefärzte des Klinikums Kassel im Gespräch: „Können Pandemie bewältigen“

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Das medizinische Personal hat sich gut vorbereitet: Im Klinikum Kassel gibt es auch ein Corona-Testcenter.

Derzeit werden neun Corona-Patienten im Klinikum Kassel stationär behandelt. Drei Chefärzte reden über die ersten Erfahrungen und die Vorbereitungen, die im Klinikum laufen.

Kassel - DieCorona-Pandemie bestimmt derzeit das Leben aller Menschen. Im Klinikum Kassel sind die drei Chefärzte Prof. Ralf Muellenbach (Anästhesiologie und Intensivmedizin), Dr. Klaus Weber (Interdisziplinäre Zentrale Notaufnahme) und Dr. Marcus Thomé (Labordiagnostik/Virologe) federführend in der Corona-Versorgung aktiv. Nach dem Gespräch mit den drei Medizinern haben wir deren Aussagen in Fragen und Antworten verarbeitet.

Chefärzte im Gespräch: Prof. Ralf Muellenbach (Chefarzt Anästhesiologie), Dr. Klaus Weber (Chefarzt Zentrale Notaufnahme) und Dr. Marcus Thomé (Chefarzt Labordiagnostik)

Wie viele Menschen werden derzeit im Klinikum Kassel behandelt?

Neun Patienten werden behandelt (Stand Donnerstag, 26. März), 60 Prozent davon sind Männer. Bei fünf Patienten ist es gesichert, dass sie sich mit dem Virus infiziert haben, die anderen vier sind Verdachtsfälle. Bei dem überwiegenden Teil dieser Patienten hat die Krankheit einen leichten Verlauf. Sie befinden sich auf einer normalen Station. Nur ein Mann, der Anfang 60 ist, muss aufgrund der Schwere seiner Erkrankung auf der Intensivstation behandelt werden.

Corona in Kassel: Rund 2000 getestete Individuen

Hat man durch die Behandlung dieser Patienten im Klinikum neue Erkenntnisse zu dem Virus gewonnen?

Es hat sich herausgestellt, dass die Symptome, die in der Literatur genannt werden, auch bei den Patienten, die einen leichten Krankheitsverlauf haben, auftreten. Das sind Husten, Luftnot, Fieber, Halsschmerzen und Heiserkeit. Allerdings haben im Klinikum noch keine Corona-Patienten über Geruchs- und Geschmacksverlust geklagt, wie das zum Beispiel bei Betroffenen im Kreis Heinsberg der Fall gewesen ist.

Wie viele Menschen wurden im Klinikum bislang getestet?

Rund 2000 Personen. Das waren überwiegend Menschen, die Kontakt zu einem Infizierten hatten oder aus einem Risikogebiet zurückgekehrt sind. Die meisten waren im Skiurlaub, der Ort Ischgl wurde häufig genannt. Zudem gab es auch Rückkehrer von Kreuzfahrtreisen. Viele, die sich infiziert haben, waren im Urlaub oder beim Karneval.

Wie werden die Patienten im Krankenhaus behandelt?

Bei einem leichten Verlauf bekommen sie Sauerstoff. Die meisten können noch selbst trinken, essen und zur Toilette gehen. Die schwer Erkrankten werden auf der Intensivstation behandelt, weil ihre Lunge durch das Virus so geschädigt wird, dass die Atmung unterstützt werden muss.

Corona in Kassel: Großes Verantwortungsbewusstsein der Menschen

Wo liegen die Schwierigkeiten bei der Behandlung der Corona-Patienten?

Die Schwierigkeit liegt darin, dass es bislang noch kein Medikament gibt, mit dem man speziell das Virus bekämpfen kann. Es gibt zwar Mittel gegen Malaria oder HIV, die auch bei der Corona-Behandlung eingesetzt werden, aber diese haben auch Nebenwirkungen. Durch das HIV-Mittel bekommen die Patienten zum Beispiel Durchfall. Wenn der Krankheitsverlauf leicht ist, verzichten die Ärzte deshalb auf die Verordnung dieser Medikamente. Außerdem ist es auch noch nicht klar, ob diese Medikamente wirklich helfen.

Wie gehen die Patienten mit dem Thema Corona um?

Sehr besonnen und vernünftig. Viele, die sich testen lassen wollen, rufen im Klinikum an, wenn sie vor der Notaufnahme stehen. Sie wollen wissen, wie sie ins Gebäude kommen, ohne auf andere Menschen zu treffen, die sie möglicherweise anstecken könnten. Diejenigen, die bislang positiv getestet worden sind, sind auch nicht in Panik ausgebrochen. Die Leute wissen, was auf sie zukommt und sind gut informiert. Das Verantwortungsbewusstsein der Menschen ist sehr groß.

Corona in Kassel: Intensive Schulungen für das Personal

Wie hat sich die Arbeit durch Corona verändert?

Das Coronavirus ist das dominierende Thema im Klinikum. Es herrscht derzeit aber noch eine große Spannung zwischen der Vorbereitung und dem Ausmaß der Krankheit. Die tatsächliche Menge der Patienten ist noch überschaubar, man ist glücklicherweise sehr weit von italienischen Verhältnissen entfernt. Die elektive Versorgung ist runtergefahren worden.

Das bedeutet, es werden derzeit nur noch nicht aufschiebbare Operationen, wie zum Beispiel bei einem Tumor, vorgenommen. Die gewonnene Zeit nutzt man, um das Personal intensiv zu schulen. Es wurden zum Beispiel Schulungsvideos gedreht, wie die Mitarbeiter sich korrekt ankleiden müssen, um sich zu schützen. Aus Italien und China weiß man, dass sich dort 20 bis 30 Prozent des medizinischen Personals angesteckt haben. Das will man am Klinikum Kassel auf alle Fälle vermeiden.

Gibt es im Klinikum getrennte Bereiche für Corona-Patienten und andere?

Ja. Es gibt klar getrennte Covid- und Non-Covid-Bereiche. Im Klinikum Kassel gibt es extra auf Covid-19 spezialisierte Normalpflege- und Intensivstationen. Das Personal wird strikt voneinander von den restlichen Bereichen getrennt. Das ist nicht in allen deutschen Kliniken möglich, reduziert jedoch deutlich die Wahrscheinlichkeit einer im Krankenhaus erworbenen Infektion und macht damit den Aufenthalt für die anderen Patienten mit nicht aufschiebbaren Erkrankungen sicher. Übrigens wird jeder neue Patient, der im Klinikum aufgenommen wird, seit vergangener Woche routinemäßig auf das Virus getestet. Nur 1,5 Prozent waren bislang positiv und wurden in den dafür vorgesehenen Bereichen behandelt.

Corona in Kassel: Positivrate von neun Prozent

Experten vermuten eine sieben- bis zehnfach höhere Dunkelziffer. Gilt diese Vermutung auch für Kassel?

Die Dunkelziffer für die Region Kassel ist vermutlich nicht so hoch. Das ist unter anderem auf die relativ niedrige Positivrate von neun Prozent bei den getesteten Personen zurückzuführen.

Wäre es nicht sinnvoll, die gesamte Bevölkerung zu testen?

Wenn es diese Möglichkeit geben würde, wäre ein frühzeitiges und flächendeckendes Screening sinnvoll gewesen. Die Realität sieht aber leider anders aus. Aufgrund von Lieferschwierigkeiten ist es derzeit kaum möglich, alle Menschen zu testen. Alle großen Kliniken versuchen durch den Aufbau von Laborkapazitäten, diesen Mangel zu beseitigen, doch ebenso wie in anderen medizinischen Bereichen entstehen hier auch Versorgungsengpässe.

Gibt es genug Schutzausrüstung?

Das Klinikum steht noch relativ gut da. Hier hat man relativ früh angefangen, sich mit dem Thema zu beschäftigen und entsprechendes Material zu ordern. Der Weckruf hat am 17. Januar stattgefunden. An diesem Tag ließ sich ein Ehepaar im Klinikum testen, das zuvor drei Wochen lang in Wuhan (China) war und dort Kontakt zu vielen Menschen hatte, die später positiv getestet worden sind. Das Paar hat aber Glück gehabt. Die Tests fielen negativ aus. Wären die beiden positiv gewesen, hätte es sich übrigens um die ersten Corona-Patienten in Europa gehandelt.

Corona in Kassel: Selbstgenähte Masken sind für den Alltag zu empfehlen

Schutzmasken sind überall knapp. Sind die selbst gemachten Masken für den Alltag zu empfehlen?

Auf alle Fälle. In der Notaufnahme tragen die Mitarbeiter die selbst genähten Masken, die nach einer Essener Anleitung hergestellt wurden, seit Mitte dieser Woche. Die Bekannte eines Chefarzts hat die Masken für das Personal genäht. Die Masken können bei 60 Grad gewaschen werden, um so Viren abzutöten. Das Tragen der Stoffmasken hilft, ist aber kein 100 prozentiger Schutz vor dem Coronavirus und dient dazu, die für Corona notwendigen Masken sinnhaft einzusetzen.

Wie viele Corona-Patienten könnten in Kassel behandelt werden?

In ganz Hessen gibt es sechs Versorgungsgebiete, Nordhessen ist das Versorgungsgebiet 1, dessen Koordinationszentrum im Klinikum Kassel liegt. Von hier aus wird mit allen anderen Krankenhäusern in der Region zusammen intensiv geplant. Bei diesen Planungen sind gegenwärtig vier Eskalationsstufen vorgesehen. Schon bei der ersten Stufe ist vorgesehen, dass im gesamten hessischen Raum 1000 Corona-Patienten auf Normalstationen und 300 im Intensivbereich behandelt werden können.

In Hessen sollen alle Patienten in Krankenhäusern versorgt werden, Turnhallensituationen sollen vermieden werden. Die Mediziner gehen davon aus, dass die Krankenhäuser und das Personal in Hessen und in der Region ausreichen werden. In der gegenwärtigen Situation gehen die Kliniken, insbesondere im nordhessischen Raum davon aus, die Pandemie bewältigen zu können, da alle Bereiche der medizinischen Versorgung gut zusammenarbeiten.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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