Coronavirus in Kassel

„Fehler im System“: Fußball-Promi aus Kassel erkrankt an Covid-19 - und fühlt sich allein gelassen

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In Isolation: Mittlerweile geht es Uwe und Regina Habedank wieder besser. Trotzdem müssen die Corona-Patienten noch in ihrem Haus in Nordshausen bleiben.

Corona-Krise: Uwe Habedank, ehemaliger Fußballer des KSV Hessen Kassel, und seine Frau erkranken an Covid-19. Das Paar muss zeitweise ohne Hausarzt auskommen.

  • Uwe Habedank und seine Frau erkranken Mitte März an Covid-19.
  • Der ehemalige Spieler des KSV Hessen Kassel infiziert sich in Ischgl mit dem Coronavirus.
  • Die neuesten Entwicklungen zu Corona in Kassel gibt es im News-Ticker.

Kassel - Uwe Habedank hat drei schlimme Wochen hinter sich. Mitte März erkrankte die Fußballlegende des KSV Hessen Kassel an Covid-19. Mittlerweile geht es dem 75-Jährigen und seiner ebenfalls infizierten Frau Regina wieder besser. Sie haben in dieser Zeit viele Ärzte und Pfleger kennengelernt, die „alle nett und bemüht waren“, wie sie sagen. 

Aber das Ehepaar aus dem Stadtteil Nordshausen in Kassel hat auch schlechte Erfahrungen gemacht. Zwischenzeitlich fanden die beiden keinen Hausarzt, der sich um sie kümmerte. Regina Habedank sagt: „Man bekommt Angst, wenn man allein gelassen wird. Es steckt ein Fehler im System.“

Ihre Leidensgeschichte beginnt in der zweiten März-Woche. Da ist Uwe Habedank wie jeden Winter mit drei Freunden im Ski-Urlaub. Diesmal fahren sie im österreichischen Ischgl die Pisten hinunter. Nach dem Sport geht es zum Après-Ski. Sie wissen da noch nicht, dass die Gemeinde in Tirol der Ort ist, von dem aus Corona Europa erobern wird.

Corona-Infizierter Uwe Habedank war Top-Spieler der KSV Hessen Kassel

Corona in Kassel: Gesundheitssystem zu unkoordiniert

Als die Party-Läden wegen des Coronavirus geschlossen werden und Habedank schon leichte Erkältungssymptome hat, reist die Gruppe vorzeitig ab. Alle vier werden mehr oder weniger stark an Covid-19 erkranken. Zu Hause angekommen hat Uwe Habedank bald 39 Grad Fieber. Er ist kaum ansprechbar.

Seine Frau, eine Lehrerin, die der Vater von vier Kindern einst beim Après-Ski kennengelernt hat, ruft den Bereitschaftsdienst an. Es dauert drei Stunden, bis sie unter 0561/116117 endlich durchkommt. Die Ärztin, mit der die 58-Jährige dann sprechen kann, hat keine Ahnung, was in Ischgl los ist. Einen Hausbesuch könne sie nicht machen, weil sie keine Schutzkleidung habe. Und einen Transport ins Krankenhaus wolle sie nicht verantworten. Es könne ja auch nur eine normale Grippe sein.

Am Montagmorgen fährt das Ehepaar zum Testcenter am Klinikum und wartet zwei Stunden im Auto. Anschließend wird Uwe Habedank im Krankenhaus aufgenommen und kommt auf die Isolierstation. Nach vier Tagen geht es ihm besser. Er darf wieder nach Hause. Am nächsten Wochenende kommt der Rückfall.

Corona in Kassel: Fehlende Reaktion der Hausärzte

Der ehemalige Leistungssportler, der immer fit war, ist stark geschwächt und kann kaum etwas essen oder trinken. Auf der Isolierstation nennt man Regina Habedank zwei rezeptpflichtige Medikamente, die ihrem Mann helfen sollen. Doch der Arzt im Bereitschaftsdienst will nur Hustensaft verschreiben, den „ich meinem Sohn gegeben habe, als er vier war“, wie die Mutter sagt. Über einen Freund, mit dem Uwe Habedank in Tirol war und dem es besser geht, kommt er doch noch an das Medikament.

Mittlerweile weist auch seine Frau Symptome von Covid-19 auf. Um Regina zu schützen, hatten die Habedanks in getrennten Zimmern geschlafen und unterschiedliche Bäder benutzt. Trotzdem hat sie sich angesteckt und leidet nun unter Atemnot. Ihre Hausärztin hat wegen eines Corona-Verdachts geschlossen, in der Vertretungspraxis ist das Telefon den ganzen Vormittag besetzt, die Vertretung der Vertretung sagt, sie könne nicht helfen. Die Medizinerin, die sie unter 116117 erreicht, erklärt, sie müsse sich an einen Hausarzt wenden.

Zum Glück kümmert sich die Mitarbeiterin des Gesundheitsamts, die jeden Tag anruft, um zu hören, ob alles gut ist. Sie beauftragt mehrere Hausärzte, das kranke Ehepaar zu kontaktieren. Es meldet sich jedoch niemand.

Corona in Kassel: Eigeninitiative bei Erkrankung

Regina Habedank weiß, dass in dieser Ausnahmesituation im Gesundheitssystem alle ihr Bestes geben. Ihre Geschwister arbeiten in der Pflege, ihr Sohn studiert Medizin. Sie will niemanden kritisieren, aber anderen Betroffenen, die sich ebenso hilflos fühlen, Mut machen: „Man muss die Eigeninitiative ergreifen und einfordern, dass einem geholfen wird.“

Einen ähnlichen Ratschlag hat man bei der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH). Ein Sprecher empfiehlt in solchen Fällen, immer weiter nachzufragen. Gerade ist die KVH dabei, ein Netz aus Covid-19-Schwerpunktpraxen aufzubauen. Die ersten zwölf Einrichtungen sind bereits ausgestattet und über das gesamte Bundesland verteilt. Welche Praxen sich nun verstärkt um Corona-Patienten kümmern, will die KVH erst später mitteilen – damit es keinen Ansturm gibt wie vor Wochen auf die Testcenter.

Die Habedanks hoffen derweil, dass sie bald wieder ihr Haus in Kassel verlassen können. Ob sie davor noch mal einen Test machen müssen, konnte ihnen bislang niemand sagen.

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