Corona in Kassel

Kontaktsperre wegen Corona: Nur Jim aus Colorado jongliert ein bisschen

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Gibt sich sorglos: Jim aus Colorado verdient sein Geld eigentlich mit Jonglage in den Innenstädten. 

Seit Ende vergangener Woche gelten wegen Corona auch in Kassel strengere Regeln für all jene, die sich nach draußen begeben. Hielten sich die Menschen an die Beschränkungen?

Stell dir vor, es ist Frühling, die Zierkirsche blüht, und keiner schaut sie sich an. Dieses Szenario gibt es wohl nur in Zeiten von Corona. Die Landesregierung hatte am Freitag noch einmal die Regeln verschärft: Auch Restaurants und Cafés müssen geschlossen bleiben, Spielplätze sind gesperrt, Ansammlungen von mehr als fünf Menschen wurden verboten. Was passiert also an einem Wochenende unter diesen Voraussetzungen?

Im Habichtswald: Normalerweise ist es am Samstag um acht Uhr bei Temperaturen knapp über null Grad menschenleer im Habichtswald. Aber dieser letzte Samstag vor einer möglichen Ausgangssperre ist kein normaler Tag. Man trifft mehr Spaziergänger als sonst. Alle grüßen, auch das ist anders als sonst. Auf einem engen Trampelpfad am Herkules kommt einem ein Läufer entgegen. Beide Seiten versuchen, die eineinhalb Meter Mindestabstand einzuhalten, die einem alle Virologen nun empfehlen, was nicht so einfach ist, wenn der Hang rechts steil abfällt. Auf dem Parkplatz am Herkules steht ein Dutzend Autos. Es scheint, als wollten jetzt alle noch mal raus, bevor es vielleicht nicht mehr geht.

Nordstadtpark: Der Nordstadtpark unweit der Uni ist dafür bekannt, an warmen Tagen viele junge Leute anzulocken. Doch am Sonntag sind dort bei strahlendem Sonnenschein nur etwa zwei Dutzend Menschen – verstreut auf eine große Fläche. Einer von ihnen ist Jim aus Colorado. Er reist seit 20 Jahren um die Welt und verdient sein Geld mit Jonglage in den Innenstädten. Wegen Corona fehlt ihm aktuell das Publikum – und somit auch das Geld. Also nutzt er die Zeit am Sonntag im Park zum Wäschetrocknen und Üben mit den Bällen. Er sagt: „Ich habe keine Angst vor Corona. Mein Immunsystem ist stark. Hätte ich Kinder oder alte Eltern, wäre ich aber schon besorgt.“

Blick auf den Penonebaum: Am Wochenende war es hier sehr leer. 

In der Aue:Die Kirsche blüht an der Gustav-Mahler-Treppe. Das ist normalerweise ein Ereignis, das die Menschen anzieht. Sie machen dann Fotos und erfreuen sich an diesem Frühlingsboten. Doch dieses Jahr? Leere. Am Samstag ist fast niemand da, am Sonntag – bei blauem Himmel – fotografieren vereinzelt Menschen dieses kleine Naturschauspiel. Sie halten Abstand, und wenn sie Richtung Penone-Baum blicken, sehen sie eine nahezu menschenleere Wiese. Ein paar Meter weiter – vor der Orangerie – ist ein bisschen mehr los. Es sind einige Spaziergänger unterwegs, ein Paar spielt Frisbee. Aber das ist nichts im Vergleich zu sonst, wenn die Sonne die Menschen vor die Tür lockt.

Im Vorderen Westen: Es hat etwas Gespenstisches: Über den Parks und Grünanlagen im Vorderen Westen liegt am Sonntagnachmittag trotz des sonnigen Frühlingswetters Stille. Sie sind nahezu menschenleer, bis auf wenige Spaziergänger. Verwaist liegt auch der in voller Narzissenblüte stehende Gemeinschaftsgarten Huttenplatz. Die geselligen Aktivitäten ruhen dort.

Verwaister Huttenplatz-Garten: Zu anderen Zeiten wären hier am Wochenende viele Nachbarn.

Das Rentnerehepaar Hannelore und Wolfgang Zelzer steht vor dem versperrten Stadhallengarten. „Schade“, sagt Hannelore Zelzer, „wir wollten nur eine kleine Runde drehen.“ Aber sie sei froh über die Vorsichtsmaßnahmen und darüber, dass sich die Kasseler an die Vorschriften halten, sagt sie uns in gebührendem Abstand. Zuvor habe sie von weitem einer Bekannten auf der Straße zugewinkt und gegrüßt. So müsse das eben von allen jetzt befolgt werden. Sie sei selber als Herzpatientin eine gefährdete Person. „Ich bin beeindruckt, dass sich die Menschen – auch in den Geschäften – an die Abstandsregeln halten.“

Haben sich die Menschen also so verhalten, wie sie das nach den aktuellen Regeln tun sollten? Oberbürgermeister Christian Geselle berichtete gestern von einer ruhigen Lage. Ein sehr großer Teil der Menschen in Kassel sei besonnen und hielte sich an die Vorgaben für Zusammenkünfte. An drei Stellen wurden demnach Gruppen festgestellt, die jeweils aus etwa einem Dutzend Jugendlicher bestanden. Nach einer Ansprache durch die Einsatzkräfte hätten sich diese allerdings schnell einsichtig gezeigt und aufgelöst. Nach Auskunft der Polizei haben sich die meisten Menschen am Wochenende „vorbildlich“ verhalten. Nur sehr vereinzelt hätten Streifen Kleingruppen aufgefordert, sich aufzulösen.

Die neuesten Entwicklungen zu Corona in Kassel gibt es im News-Ticker.

Hamstern wegen Corona: Experte hält Verhalten für menschlich - aber auch für unvernünftig. Ein Gespräch mit Prof. Marc-André Reinhard, Sozialpsychologe an der Uni Kassel.

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