Coronavirus in Kassel

Mediziner kritisieren Vorgehen: Nur wegen Schnupfen ist kein Corona-Test nötig

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Hier wird getestet: Hinweisschild zum Corona-Testcenter am Kasseler Klinikum.

Überfüllte Testcenter, lange Wartezeiten an der Telefon-Hotline: Noch immer herrschen bei Corona-Tests Unklarheiten.

Kassel - Vorigen Sonntag bekam Michael Klarner zu spüren, wie sehr unser Gesundheitssystem gerade überlastet ist. Der Zahnarzt aus Calden im Kreis Kassel hatte seine Praxis geschlossen, weil ein Patient ohne Erkältungssymptome zuvor Kontakt zu einem Corona-Fall hatte, wie sich erst nach dem Besuch in der Praxis herausstellte. Eine Mitarbeiterin bekam am Wochenende Fieber. Sie und andere Kollegen mit Erkältungssymptomen wollten sich testen lassen.

Zahnarzt: Michael Klarner.

Doch die Nummer des Bereitschaftsdienstes, die man anrufen soll, war heillos überlastet „Wir sind unter 0561/116 117 nicht durchgekommen“, sagt Klarner. Mit Verspätung konnten seine Mitarbeiter zwar auf Corona getestet werden – die Ergebnisse waren negativ – Klarner findet aber: Junge Menschen, die lediglich Erkältungssymptome haben, sollten keinen Test machen. „Sonst kommen Alte und Risikopatienten, die wirklich Hilfe brauchen, nicht mehr durch. Hier müsste man besser aufklären“, sagt der 37-Jährige.

Corona in Kassel: Kein Virus-Test wegen Schnupfen

Auch andere Mediziner üben leise Kritik am bisherigen Vorgehen, auch wenn sie wissen, dass alle im derzeitigen Ausnahmezustand das Beste leisten. Der HNO-Arzt Lutz-Michael Schäfer aus Kassel hat Verständnis, dass „viele Patienten Angst haben, die durch die Öffentlichkeit geschürt wird“. Trotzdem „müssten wir Mediziner relativieren: Wer nur einen Schnupfen hat, muss nicht unbedingt einen Corona-Test machen“.

HNO-Arzt: Lutz-Michael Schäfer.

Nach Ansicht des Kasseler Allgemeinmediziners Kai Weigand gab es am Anfang zu viel Bürokratie: „Patienten mussten an den Abstrichstellen Zettel ausfüllen, die Indikation wurde überprüft, vereinzelt wurden Patienten abgewiesen. Das hat für die Testzentren viel zu lang gedauert.“

Bei der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH), die für das Testcenter am Klinikum verantwortlich ist, gibt man zu, dass es „anfangs große Unruhe“ gab. Mittlerweile habe sich die Lage entspannt, teilt ein Sprecher mit. Wie das Kasseler Gesundheitsamt verweist er auf die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI): „Aus unserer Sicht ist es nicht sinnvoll, sich testen zu lassen, wenn man keine Symptome hat. Wer glaubt, sich angesteckt zu haben, soll sich in Quarantäne begeben.“

Corona in Kassel: 2000 getestete Individuen im Klinikum

Im Klinikum wurden bislang erst 2000 Menschen getestet. Lediglich neun Prozent waren positiv. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will die Zahl der Tests pro Woche deutschlandweit auf 200.000 erhöhen. Aber selbst bei einer halben Million würde es etwa drei Jahre dauern, bis die ganze Republik getestet ist. Für den Allgemeinmediziner Weigand gibt es darum nur eine Möglichkeit: „Wir können die Krise jetzt lediglich so bewältigen, indem viele Corona nach und nach durchmachen, ohne dass das Gesundheitssystem überlastet wird.“

Seiner Ansicht nach hätte man frühzeitiger auf die Krise reagieren müssen: „Schon Anfang Januar war bekannt, was für eine Welle auf uns zurollen könnte. Trotzdem hat man die nötige Schutzausrüstung für medizinisches Personal erst Anfang März bestellt.“ 20 Corona-Tests, die er in der Praxis hatte, musste er wegen des Mangels dem Testcenter zur Verfügung stellen.

Während HNO-Arzt Schäfer die KVH und vor allem die Krankenkassen kritisiert, die „sonst immer auf die Ärzte schimpfen und nun praktisch abgetaucht sind“, hofft Zahnarzt Klarner: „Es wäre wichtig, dass viele Ärzte jetzt immun werden, damit wir die Patienten auch später noch behandeln können.“ Deshalb empfiehlt das RKI nun allen Menschen mit Symptomen, die „in einem pflegerischen oder medizinischen Beruf arbeiten“, einen Test.

Von Matthias Lohr

Die neuesten Entwicklungen zu Corona in Kassel gibt es im News-Ticker.

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